«Alle Formen von Energiequellen nutzen»
Siegfried Gerlach, CEO Siemens Schweiz
04.08.2010 | Redakteur/Autor: Redaktion SMM
Die Deckung des weltweit steigenden Energiebedarfs ist eine der grossen Herausforderungen der Zukunft. Siegfried Gerlach, CEO von Siemens Schweiz, sprach mit dem SMM darüber und erzählt, wohin die Reise gehen wird und wie sich Siemens positioniert.
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SMM: Wohin geht die Reise im Bereich der Energietechnik aus Ihrer Sicht?
Siegfried Gerlach: Die Energietechnik ist ein spannendes Wachstumsgebiet, beginnend bei der Energieerzeugung über die Energieübertragung bis hin zur Energienutzung. Bei der Energieerzeugung werden die erneuerbaren Energien immer bedeutender und bei der Energieübertragung und -nutzung steht die Energieeffizienz im Vordergrund. Weitere Stichwörter sind Smart Grids, Smart Buildings und natürlich E-Mobilität.
Welche dieser Themen sind für Siemens von Bedeutung?
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Gerlach: Siemens ist in all diesen Bereichen tätig. So hat Siemens u.a. grosse Kompetenzen in der Windkraft, in der Solarenergie, im Bereich der Grosskraftwerke, aber auch bei Smart Grid und E-Mobilität.
Hat Siemens in der Schweiz ein spezielles Energie-Know-how, das weltweit nachgefragt wird?
Gerlach: Wir haben in der Schweiz ein Center of Competence für Südwesteuropa, das sich mit der Energieeffizienz in Gebäuden beschäftigt. Es macht Energieeffizienzanalysen und -beratung und untersucht dabei, wie viel Energie ein Gebäude verbraucht und wie Energie eingespart werden kann.
Leider subventioniert der Bund mit seinem aktuellen Gebäudeprogramm nur die Veränderung der Gebäudehülle (Isolierung) sowie erneuerbare Energien, nicht aber die intelligente Steuerung der Gebäude. Wir haben festgestellt, dass hier ein Einsparungspotenzial von 20?40% liegt, wenn man die Gewerke (Heizung, Lüftung, Klima, Licht usw.) richtig steuert und die modernsten Produkte verwendet. Darauf haben wir uns spezialisiert und die Nachfrage steigt markant.
Für grosse Projekte hat Siemens hierfür ein Geschäftsmodell entwickelt, das sogenannte Energiespar-Contracting. Dabei werden die Investitionen in die Gebäudesanierung und -modernisierung über die Kosteneinsparungen beim Energieverbrauch finanziert. Die Laufzeit beträgt dabei etwa 8 bis 9 Jahre. Wir haben weltweit schon einige solcher Projekte abgewickelt. So hat zum Beispiel die Stadt Berlin einen solchen Vertrag abgeschlossen. Alle öffentlichen Gebäude wurden modernisiert und die Stadt Berlin hat dadurch eine grosse Budgetentlastung erhalten.
Der aktuelle Energiemix wird in der Schweiz zu etwa 60% aus Wasserkraft generiert. Ist Siemens in diesem Bereich auch tätig?
Gerlach: Siemens Schweiz ist nicht in der Wasserkraft tätig. Der Konzern hat aber ein Joint Venture mit der Firma Voith, die im Bereich Wasserkraft tätig ist. Das Wachstum bei der Wasserkraft ist aber beschränkt, und zwar wegen den politischen Rahmenbedingungen. Energie ist ein politisches Thema, und enthält viel Konfliktpotenzial.
Aber es muss doch etwas getan werden. Wo sehen Sie für die Schweiz im Bereich der Energie Entwicklungspotenziale?
Gerlach: Wir sehen vor allem im Bereich des Energieverbrauchs grosses Einsparungspotenzial. Daher werden Themen wie Smart Grid, Smart Building und E-Mobilität in der Schweiz eine grosse Rolle spielen.
Was meine ich mit Smart Buildings: Wir haben das Kunstwort «Prosumer» geprägt. Gebäude werden sich vom Energiekonsumenten zum Energieproduzenten entwickeln. Das funktioniert aber nur mit einer entsprechenden Netzinfrastruktur, die es ermöglicht, Energie in diesen Gebäuden zwischenzuspeichern und bei Bedarf ins Netz einzuspeisen. Die gleiche Funktion können auch E-Cars übernehmen. Dieses System bietet sich sehr gut für erneuerbare Energiequellen an, wie etwa die Solarenergie oder die Windenergie. Immer wenn der Wind bläst oder die Sonne scheint, wird die erzeugte Energie gespeichert und erst bei Bedarf abgerufen. Gesteuert wird das System mit intelligenten Netzen, den sogenannten Smart Grids. Hier wird sich auch in der Schweiz einiges bewegen.
Wie stark engagiert sich Siemens in den Bereichen Wind- und Solarenergie?
Gerlach: Wir engagieren uns in beiden Gebieten stark. Bei der Windkraft sind wir vor allem im Offshore-Bereich stark. Erneuerbare Energien sind für uns sehr wichtig. So beteiligt sich Siemens zum Beispiel auch an solarthermischen Grosskraftwerken und insbesondere am Projekt Desertec.
Wie schätzen Sie dieses Projekt ein?
Gerlach: Es handelt sich hier um eine geniale Idee, die aber schwer umzusetzen sein wird. Genial deswegen, weil bereits ein kleiner Bruchteil der Sonnenenergie in der Sahara ausreicht, um die Welt mit genügend Energie zu versorgen. Problematisch aber wird der Energietransport. Wir haben zwar modernste und hocheffiziente Übertragungstechnologien, aber es müssten zuerst neue Übertragungsstrecken gebaut werden, die durch politisch instabile Gebiete führen würden. Es werden also nicht technische Fragen sein, die dieses Projekt bestimmen, sondern politische.
Ein sehr grosses Potenzial wird im Bereich von Gezeiten-Kraftwerken prognostiziert. Wie wird sich dieses Energiesegment aus Ihrer Sicht entwickeln und was macht Siemens konkret in diesem Bereich?
Gerlach: Hier sind wir noch nicht stark vertreten. Es ist aber ein Gebiet mit grossen Zukunftschancen und deshalb auch für Siemens von Interesse. Darum halten wir aus strategischen Gründen eine Minderheitsbeteiligung an einer Firma, die in diesem Bereich sehr viel Know-how hat.
Wie schätzen Sie das Potenzial der Kernenergie ein und wie wird sie sich aus Ihrer Sicht in der Schweiz entwickeln?
Gerlach: Eine schwierige Frage. Ich bin ein «Alt 68er» und bin bis heute von der Kernenergie nicht sehr begeistert ? aber wir werden nicht darum herum kommen. Kernenergie wird auch in der Schweiz weiterhin eine wichtige Rolle spielen.
In der Schweiz wird es mittelfristig eine Energielücke geben, denn die Bewilligungsverträge für Kraftwerke laufen aus. Zudem haben wir die CO2-Gesetzgebung, weshalb kaum neue GUD (Gas- und Dampfkraftwerke) gebaut werden, da die Betreiber das nicht mehr als wirtschaftlich betrachten. Also wird man über grenznahe GUD-Kraftwerke den Strom beziehen. Wenn die Schweiz also nicht etwas unternimmt, wird sie noch abhängiger vom Ausland. Deshalb glaube ich, wird die Schweiz nicht darum herumkommen, Grosskraftwerke zu bauen, ob das Kernkraftwerke sein werden, bleibt offen - ich gehe aber davon aus.
Glauben Sie, dass Gas und Dampfturbinen weiterhin gebaut werden?
Gerlach: Davon bin ich überzeugt. Diese Technologie ist heute hochgradig effizient. Unsere Kraftwerke haben einen Wirkungsgrad von über 60%.
Thema E-Mobilität: Viele reden aktuell vom Umstieg von Verbrennungsmotoren hin zu Elektroantrieben in Fahrzeugen. Wie schätzen Sie die Entwicklung von Elektrofahrzeugen ein?
Gerlach: Das wird eine der grossen Veränderungen der nächsten 10?15 Jahre sein. E-Mobilität wird eine grosse Zukunft haben. Wir richten uns bei Siemens darauf ein. Und zwar nicht nur, weil die fossilen Brennstoffe zu Ende gehen, sondern auch weil sich die E-Mobilität gut in das System der intelligenten Netze und Gebäude und der erneuerbaren Energien integrieren lässt, wie ich bereits erwähnt habe. Die E-Cars könnten eine zentrale Rolle als Netzkomponenten übernehmen. Erhebungen haben gezeigt, dass Fahrzeuge im Schnitt etwa 90?95% herumstehen. In dieser Zeit können sie als Zwischen-Energiespeicher für erneuerbare Energien dienen.
Dabei wird wohl die Qualität der Energiespeicher das A+O sein?
Gerlach: Die Qualität der Energiespeicher wird die Akzeptanz von E-Mobilität stark beeinflussen. Wir werden hier in der nächsten Zeit gewaltige Verbesserungen sehen.
Es gilt aber zu beachten, dass bereits heute fast alle Fahrten mit der bestehenden Kapazitätsfähigkeit erledigt werden können. Täglich ist man etwa 50km unterwegs, und das ist bereits mit den heutigen Akkus erreichbar. Nur für die Überlandfahrten müsste man sich anderer Technologien bedienen.
Autokauf hat viel mit Emotionen zu tun. Glauben Sie, dass E-Mobilität in der Bevölkerung akzeptiert wird?
Gerlach: Entschieden wird das Thema beim Konsumenten. Durchsetzen wird sich E-Mobilität aber erst, wenn die Speicher über eine vernünftige Akkukapazität verfügen und wenn eine Infrastruktur vorhanden ist, die es erlaubt, die Fahrzeuge überall und schnell aufzuladen. Wir haben den Elektroantrieb für den E-Porsche Cayenne der Firma Ruf Automobile entwickelt. Das Fahrzeug hat fast 370PS, beschleunigt von 0 auf 100 in 9 s, und das bei 2,7 Tonnen Gewicht. Warum kaufen die Leute solche Autos? Der Faktor Emotionalität spielt dabei eine grosse Rolle. Der Antrieb als solcher ist nicht so wichtig, wenn er genügend Leistung bringt. Daher glaube ich, dass sich die E-Cars durchsetzen werden. Der Kauf wird weiterhin emotional entschieden, und nicht über die Art des Antriebes.
Das wäre eine Revolution in der Automobilindustrie?
Gerlach: Ja, das wäre es tatsächlich. Die gesamte Zulieferkette der Automobilindustrie würde sich komplett ändern. Es gäbe neue Ausbildungskonzepte und neue Berufsbilder.
Aber ich kann Ihnen versichern, die ganzen Automobilhersteller haben begriffen, dass sie nicht an diesem Thema vorbei kommen und versuchen sich neu zu positionieren.
Welche Reichweite hat der E-Porsche Cayenne?
Etwa 150km und das ist genial, weil es für den täglichen Fahrbedarf ausreicht. Nur für längere Distanzen ist die E-Technologie noch nicht so weit.
Wie lange dauert die Ladezeit?
Etwa 20?30 Min. wenn man unsere modernste Ladetechnologie verwendet. Jedoch braucht man dafür einen speziellen Anschluss. Aber auch hier wird die Entwicklung stark vorangetrieben.
Zum Schluss: Welches wird in Zukunft die Hauptenergiequelle sein?
Das ist schwierig zu beantworten.
Die Kernenergie wird eine Hauptenergiequelle sein. Sie ist eine gut beherrschte und kontrollierte Energieform. Das ist aber meine ganz persönliche Einschätzung. Für die Schweiz wird es wohl die Wasserkraft sein.
Zukünftig wird es aber alle Formen von Energiequellen brauchen, um den weltweiten Energiebedarf decken zu können, auch dann, wenn das Thema Energieeffizienz stark vorangetrieben wird. Hierzu gehören unter anderem erneuerbare Energien wie Wind- und Solarenergie, Geothermie und Gezeitenkraftwerke. Weiter brauchen wir moderne Übertragungstechnologien und eine effiziente Nutzung. Nur so kann das Energieproblem gelöst werden.
Sie haben zuvor erzählt, dass Sie ein «Alt 68er» sind und von der Kernenergie nicht sehr begeistert. Dürfen Sie sich als CEO von Siemens Schweiz öffentlich so kritisch zur Kernenergie äussern?
Gerlach: Natürlich gibt es ein Art Firmenraison. Ich versuche aber den Leuten klar zu machen, dass ich ihre Ängste und Sorgen verstehe. Es wäre dumm zu ignorieren, dass die Leute Angst vor Kernenergie haben. Aber eine absolute Sicherheit gibt es nicht. Tschernobyl ist immer noch präsent. Mir wäre es recht, wenn man darauf verzichten könnte. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir von Siemens die Technologie so gut beherrschen wie sie heute beherrschbar ist. Hier gilt es festzuhalten, dass wir bei Kernkraft-Projekten lediglich den nichtnuklearen Teil abdecken.
Nicolas G. Hayek hat letztes Jahr am Swissmem-Symposium behauptet, die Kernkraft sei nicht demokratiefähig?
Gerlach: Tja, die Angst kann natürlich gut instrumentalisiert werden, unabhängig davon, wie hoch die Gefahr wirklich ist. Kernkraft ist sicherer als Fliegen und Fliegen ist eines der sichersten Verkehrsmittel, die wir haben, aber trotzdem fahren die Menschen Autos. Wenn man auf ähnliche Art und Weise das Autofahren verteufeln würde wie die Kernenergie, dann könnte man den gleichen Effekt erzielen. Aber da hat Hayek vermutlich schon recht, wenn er sagt, dass die Kernkraft nicht demokratiefähig ist.
Man muss ganz klar sagen: Die Qualität der Kernkraftwerke, die wir in Mitteleuropa haben, kann sich sehen lassen. Die grosse Sorge gilt den Kernkraftwerken, die nicht auf diesem hohen technologischen und sicherheitstechnischen Standard sind.
Autoren
Matthias Böhm
Chefredaktor SMM
Susanne Reinshagen
Redaktorin SMM
Ergänzendes zum Thema
+ Siegfried Gerlach
Ergänzendes zum Thema
+ Smart Grid
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Zum Thema Solarenergie sollte nicht unerwähnt bleibe, dass hier bisweilen eigentlicher Sondermüll aufs Dach montiert wird. Denn einige Solarpanels sind eigentliche Giftbomben, die nach Ablauf der Lebensdauer als Sondermüll entsorgt werde müssen. Zwar bieten einige Anbieter Recyclingprogramme an, die aber wohl ein Witz sind - denn wer garantiert, dass es den Hersteller in 30 Jahren noch gibt? Und solange hier keine klare Regelung und Kennzeichnung besteht, sind Tür und Tor geöffnet für Billiganbieter, gutmeinenden Häuslebauern Sondermüll aufs Dach zu montieren und dabei vorzugeben, dass etwas für die Umwelt gemacht wird Eine genaue Analyse, welche Gifte in einigen Dünnschichtmodulen vorhanden sind, lässt sich hier findent: http://www.cadmiumfree-solarpower.com