PTC Live 2013 in Anaheim

Neue Herausforderungen für die Fertigungsindustrie

| Autor / Redakteur: Michael Wendenburg / Luca Meister

Screenshot aus Creo 2.0: eine «RC8» von KTM. Bis zum Jahresende sollen die Hälfte der CAD-Anwender auf die aktuelle Version Creo 2.0 umstellen (zurzeit wird sie von etwa einem Viertel der Bestandskunden genutzt).
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Screenshot aus Creo 2.0: eine «RC8» von KTM. Bis zum Jahresende sollen die Hälfte der CAD-Anwender auf die aktuelle Version Creo 2.0 umstellen (zurzeit wird sie von etwa einem Viertel der Bestandskunden genutzt). (Bild: PTC)

>> Nicht die Produkte, sondern die Kunden und ihre Herausforderungen standen in diesem Jahr im Mittelpunkt der PTC Live, die mit insgesamt 72 Kundenvorträgen mehr Praxisbezug bot als jemals zuvor. In gemeinsamen Keynotes mit Vertretern von PTC erläuterten namhafte Kunden – darunter Airbus, John Deere und GE Appliances und der deutsche Automobilzulieferer GKN – dem Publikum, wie sie mit Lösungen von PTC den Wandel in der Fertigungsindustrie meistern.

Die Fertigungsindustrie wird nach Überzeugung von PTC in den nächsten Jahren einen tiefgreifenden Wandel durchmachen, an dessen Ende die Servitization steht: die Verwandlung von softwareintensiven, immer stärker vernetzten Produkten in Dienstleistungen. Als Beispiel nannte Jim Heppelmann, CEO von PTC, den Hersteller von Flugzeugturbinen Rolls-Royce, der seinen Kunden auf Wunsch nur noch eine bestimmte Anzahl von Betriebsstunden verkauft und selbst die volle Verantwortung für die Wartung der Triebwerke übernimmt.

Chief Technology Officer Andrew Wertkin nahm den roten Faden in seiner Keynote wieder auf und erläuterte, welchen Beitrag technologische Innovationen zum Wandel der Fertigungsindustrie leisten. Selbst einfache Produkte wie ein Mietfahrrad werden heute zu relativ komplexen cyberphysischen Systemen, die ihren Standort oder mögliche Ausfälle kommunizieren. A. Wertkin machte deutlich, dass viele Produktarchitekturen unter Berücksichtigung des Service re-engineered werden müssten. Die Hardware könne nicht mehr unabhängig von der Software entwickelt werden, sondern müsse als Bestandteil eines Systems verstanden werden.

Serviceinformationen koppeln

Der technologische Wandel, der durch das Internet der Dinge, die Sozialen Netzwerke, die Cloud etc. ausgelöst wird, ist neben der Anpassung an die wirtschaftliche Rezession eine der wesentlichen Herausforderungen für die Unternehmen in der Fertigungsindustrie. Das belegt eine von PTC bei Oxford Economics in Auftrag gegebene Studie, deren Ergebnisse in Anaheim vorgestellt wurden. Der Studie zufolge verspricht die Fokussierung auf die strategische Produktplanung und den Service höhere Umsatzzuwächse und stärkere Kosteneinsparungen als die Optimierung der Fertigung, die keine längerfristige Differenzierung im Wettbewerb erlaubt.

Eine wichtige Strategie, um sich vom Wettbewerb zu differenzieren, ist die Verknüpfung von neuen Dienstleistungen mit dem Produktangebot. Im Jahr 2015 würden bereits über 70 Prozent der Fertigungsunternehmen den Service als Unterscheidungsmerkmal nutzen, allen voran die krisengeplagten europäischen Unternehmen. Dieser Wandel erfordert proaktive Massnahmen wie eine stärkere Abstimmung der strategischen Produktplanung zwischen Engineering und Service bzw. die Rückkopplung der Serviceinformationen in den Entwicklungsprozess und die Qualitätssicherung. Dieser Closed Loop sei der Schlüssel für kontinuierliche Qualitätsverbesserungen, sagte Wertkin.

Keine bahnbrechenden News

Mit rund 1900 Teilnehmern war die PTC Live in Anaheim eine der am besten besuchten Anwenderkonferenzen der letzten Jahre, und das obwohl heuer keine bahnbrechenden Produktneuheiten vorgestellt wurden. Einer der Gründe für die ungewöhnliche Zurückhaltung war, dass PTC den laufenden Migrationsprozess in der Kundenbasis nicht durch die Ankündigung von neuen Creo- und Windchill-Funktionen verzögern möchte. Mike Campbell, PTCs Executive Vice President (EVP) CAD Segment, hat das ehrgeizige Ziel, bis zum Jahresende die Hälfte der CAD-Anwender auf die aktuelle Version Creo 2.0 umzustellen; zurzeit wird sie von etwa einem Viertel der Bestandskunden genutzt. Deshalb soll Creo 3.0 abweichend vom ursprünglichen Release-Zyklus erst im Frühjahr 2014 in den Markt eingeführt werden.

Campbell gab den Anwesenden jedoch einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die künftigen Möglichkeiten der Multi-CAD-Bearbeitung. Die Anwender können Fremddaten aus gängigen CAD-Systemen wie SolidWorks, Catia oder NX ohne Konvertierung in ihren nativen Datenformaten in Creo importieren und Referenzen zwischen Creo-Bauteilen und der Fremdgeometrie setzen, so dass sie sich wie eine native Baugruppe verhalten. Erst wenn der Anwender die Fremdgeometrie modifizieren möchte, muss sie in ein Creo-Modell umgewandelt werden. Creo 3.0 bekommt ausserdem eine neue App für die Modellierung von Freiformflächen, die direkt mit parametrisch erzeugten Modellen verknüpft werden können. Auf die angekündigte Drawing-App wird man allerdings noch etwas länger warten müssen.

Eine der wenigen Neuheiten, die PTC dann doch ankündigte, war die Verfügbarkeit von Creo 2.0 bzw. der wichtigsten Apps in einer virtualisierten Umgebung. Ab Service-Level M060 können Creo Parametric, Creo Direct, Creo Layout, Creo Options Modeler und Creo Simulate unter Citrix als virtuelle Desktop-Anwendungen auf IBM-Servern mit einer leistungsfähigen NVIDIA-Grafik betrieben werden. In Kooperation mit IBM, Citrix und NVIDIA hat PTC die virtualisierte Umgebung so ausgelegt, dass auch Anwender, die mit grossen Baugruppen arbeiten, sie ohne Performance-Einbussen nutzen können. Die virtuelle Desktop-Anwendung reduziert den Aufwand für die Systemadministration und bietet einen besseren Schutz des geistigen Eigentums, da die Anwendungsdaten auf einem zentralen Server verbleiben.

Ausbau der Windchill-Lösungen

Die Anwender der Windchill-Familie von Lösungen werden sich noch bis September dieses Jahres gedulden müssen, um in den Genuss der neuen Funktionen von Version 10.2 zu kommen, die ihnen Brian Shepherd, EVP Enterprise Segments in seiner Keynote in Aussicht stellte. Dazu gehört neben den Verbesserungen bei Anforderungsmanagement und Validierung, die im wesentlichen das Ergebnis der Integration von Integrity sind, ein sogenannter Relationship Navigator. Er visualisiert das Beziehungsgeflecht der miteinander verknüpften Anforderungen, Funktionen, Test Cases und anderer Objekte, unabhängig davon, ob sie sich in Windchill oder Integrity befinden. Ausserdem können die Anwender künftig mit dem Windows Explorer direkt auf Dokumente in Windchill zugreifen, sie verschieben, öffnen oder zwei Versionen miteinander vergleichen. Dadurch sei die PLM-Lösung für nicht technische Benutzer noch intuitiver zu bedienen, meinte B. Shepherd.

Sehr viel Arbeit ist in Windchill 10.2 in die Weiterentwicklung der Manufacturing-Process-Management-Funktionen geflossen, wie Tom Shoemaker, VP Marketing PLM Segment, betonte. Die entsprechende Windchill-Lösung gebe es zwar schon länger, sie biete aber jetzt eine bessere Unterstützung bei der der Erstellung der Bill of Operations durch die Möglichkeit, die Komponenten einer Engineering-Stückliste direkt mit den Fertigungs- oder Montageoperationen zu verknüpfen und ihnen Ressourcen zuzuweisen. Die Product-Analytics-Funktionen werden in Windchill 10.2 dahingehend erweitert, dass auch die neuen US-Regeln für den Herkunftsnachweis von Mineralien unterstützt werden. Sie sollen den Mineralienhandel mit Krisengebieten wie dem Kongo unterbinden.

Erweitert wurden auch die Projektmanagement-Funktionen in der PLM-Lösungssuite. Sie erlaubt jetzt die Verknüpfung von verschiedenen Aufgaben, so dass bestimmte Workflows automatisch ausgeführt werden können. In der Windchill-Lösung für die Qualitätssicherung hat PTC den Feedback-Kreislauf zwischen Engineering und Serviceorganisation geschlossen, so dass die Mitarbeiter im Qualitätsmanagement und in der Produktentwicklung eine synchronisierte Sicht auf das Produkt bekommen. So werden die Entwickler gezielt darüber informiert, wenn Teile häufiger ausfallen, um die Fehlerursache analysieren und entsprechende Gegenmassnahmen treffen zu können.

Verstärkung für SLM-Geschäft

Durch die Übernahme der Firma Servigistics hat sich PTC auf dem Gebiet des Service Lifecycle Managements (SLM) massiv verstärkt, gerade was die Unterstützung der Serviceplanung anbelangt. Die Übernahme sei eine riesige Chance, weil kein anderer Mitbewerber eine so vollständige Lösung biete, betonte Bill Berutti, EVP SLM Segment. Allerdings sieht die Integration-Roadmap nicht vor, alles in einer Architektur zusammenzuführen, wie Tom Sears, VP Product Management SLM, erläuterte. Man adressiere jetzt unterschiedliche Ebenen in den Service-Organisationen und habe die Lösung deshalb in verschiedene Module zerlegt. Typischerweise starteten die Kunden mit dem Ersatzteil-Management bzw. dem Management der technischen Informationen, aber in der High-Tech-Industrie sei z. B. das Management der Depots und Service-Netzwerke wichtiger. Sears betonte, dass die Vernetzung der Produkte den Herstellern die Chance biete, mit den Käufern ihrer Produkte in Kontakt zu bleiben und das Potential des Servicegeschäfts besser auszuschöpfen.

Im nächsten Jahr wird die Anwenderkonferenz in Boston stattfinden – für PTC ein Heimspiel, bei dem sicher die Produktneuvorstellungen einen breiteren Raum einnehmen werden. <<

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