14. Ostschweizer Technologiesymposium

OTS: Industrie 4.0 – Revolution oder Evolution?

| Redakteur: Susanne Reinshagen

Die OTS-Referenten stellten sich an der Veranstaltung den Fragen von Peter Frischknecht.
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Die OTS-Referenten stellten sich an der Veranstaltung den Fragen von Peter Frischknecht. (Bild: Urs Heiz)

Das diesjährige Ostschweizer Technologiesymposium OTS hat mit dem gewählten Thema «4. Industrielle Revolution – Einfachheit ist die eigentliche Reform» ins Schwarze getroffen. Über 250 Teilnehmer folgten der Einladung nach St. Gallen und wollten mehr über Industrie 4.0 erfahren.

Die Veranstalter des OTS, der Produktions- und Technologieverbund Ostschweiz (PTV) und die Fachhochschule Ostschweiz (FHO), haben es geschafft, dass für viele Teilnehmer das OTS zu einem Fixpunkt in ihrer Agenda geworden ist. Dieses Jahr fanden über 250 Teilnehmer den Weg in die Olma Messe nach St. Gallen, um mehr über Industrie 4.0 zu erfahren. Die Referenten näherten sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen, mit dem Ziel, den Besuchern darzulegen, was Industrie 4.0 ist und inwieweit es bereits heute umgesetzt wird.

Bernhard Neuhold, Präsident Produktions- und Technologieverbund Ostschweiz (PTV), stellte in seinem Eröffnungsreferat fest, dass Industrie 4.0 ein logischer Schritt in die Zukunft sei. Die Kunden würden immer anspruchsvoller, wählerischer, aber auch unzuverlässiger und fordern immer mehr Flexibilität und komplexere Produkte. Das Ziel von Industrie 4.0 müsse daher sein, durch intelligente Kommunikation diese Komplexität zu vereinfachen, fasste Neuhold zusammen.

Auch Benedikt Würth, Regierungsrat St. Gallen, bestätigte, dass Industrie 4.0 für die Politik ein wichtiges Thema sei und sich die Frage stelle, welche wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen sich aus Industrie 4.0 ergeben. Die Politik müsse frühzeitig erkennen, welche Rahmenbedingungen nötig seien, um den Werkplatz Schweiz zu stärken.

Was ist Industrie 4.0?

Jan Krückel, Leiter Produktmanagement und Applikationen bei der ABB Schweiz, führte ins Thema Industrie 4.0 ein, indem er einen kurzen historischen Überblick über die ersten drei industriellen Revolutionen (Dampfmaschinen / Massenproduktion durch Förderbänder / Speicherprogrammierbare Steuerung) machte und dabei feststellte, dass die 4. Industrielle Revolution noch gar nicht stattgefunden hat, obwohl sie bereits ausgerufen wurde. Die Realität ist noch nicht bei der Vision von Industrie 4.0 angekommen.

Jan Krückel ist davon überzeugt, dass Industrie 4.0 eine Zukunftsvision mit erheblichem Potenzial ist. Die Verknüpfung von physischen Dingen mit der virtuellen Realität, sogenannte Cyber-physical Systems, erzeugen neue Produkte, Geschäftsmodelle, Dienste und Marktteilnehmer. Das Ergebnis sind individualisierte Produkte, höhere Qualität, Flexibilität, Schnelligkeit und Zuverlässigkeit und damit eine höhere Wertschöpfung. Er ergänzte, dass bereits heute ein Zusammenwachsen von Informations- und Kommunikationstechnologien mit den klassischen industriellen Prozessen stattfinde, jedoch Industrie 4.0 im Sinne von «Internet der Dinge» noch eine Vision sei.

Beispiele aus der Praxis

Heiko Frank, Senior Projektmanager Wittenstein AG, zeigte anhand von Cypros ein Umsetzungsbeispiel für Cyber-physische Produktionssysteme (CPPS). In Cypros wird durch 16 Industrieunternehmen unterschiedlichster Branchen sowie vier Forschungseinrichtungen eine repräsentatives Spektrum cyber-physischer Systemmodule für Produktions- und Logistiksysteme geschaffen und in die industrielle Anwendung überführt. Dabei ist eine Produktivitäts- und Flexibilitätssteigerung durch die Vernetzung intelligenter Systeme in der Fabrik, d. h. durch die Verschmelzung von Produktions- und Internettechnologie, das erklärte Ziel. Die Erkenntnisse aus Cypros werden von der Firma Wittenstein in eine sogenannte Schaufensterfabrik transferiert.

Heiko Frank erklärte, dass sich Cypros stark an die Lean-Produktion anlehne und das Ziel habe, Verschwendung von Produktionsmitteln zu verhindern. Dies geschehe durch die Vermeidung von sogenannten «Medienbrüchen», denn überall dort, wo keine oder unklare Kommunikation herrsche, entstehe Verschwendung. Die Firma Wittenstein hat damit ihre interne Logistik optimiert und konnte mit einem neuen System die gefahrenen Strecken deutlich reduzieren. Die erzielte Produktivitätssteigerung beziffert Frank mit 30 % und hält fest, dass die Investitionen innert 2 Jahren amortisiert seien. Frank sieht vor allem in der Produktion und Logistik grosse Effizienzsteigerungspotenziale und ergänzt, dass Industrie 4.0 nur in kleinen Schritten realisierbar sei und er es daher nicht als Revolution, sondern als Evolution betrachte.

Auch Bernhard Bringmann, Geschäftsführer Starrag AG, sieht in Industrie 4.0 ein natürliches und logisches Fortschreiten der technologischen Entwicklung und keine Revolution. Bringmann erläuterte anhand der Historie von Starrag die Entwicklung des Unternehmens hin zu Industrie 4.0. Für Starrag war die Einführung der CNC-Steuerung eine Revolution, die den Markt für ihre Kopierfräsmaschinen zum Einbruch brachte. Heute richte sich das Unternehmen nicht an Industrie 4.0 aus, sondern an der Maxime «lowest cost per part», stellte Bringmann fest. Zu erreichen sei dies durch Produktivitätssteigerung, Zuverlässigkeit, erhöhten Leistungsumfang und Selbstdiagnose der Maschinen. Als Beispiel führte Bringmann das «Condition-based Monitoring» an. Durch die Globalisierung der Märkte sei der klassische Service nicht mehr möglich. Die hohe Verfügbarkeit der Maschinen müsse durch die Vorhersehbarkeit von Ausfällen gewährleistet werden. Zustandsüberwachung der Maschinen und Fernwartung spielten dabei die zentrale Rolle, erläuterte er.

Modern Times trifft auf Kirche

Einen kritischen Blick auf die Entwicklung Richtung Industrie 4.0 wagte Markus Büchel, Bischof von St. Gallen. Für den Bischof war das Thema gänzlich neu und die Veranstaltung, wie er am Ende des Tages sagte, sehr lehrreich. In seiner Rede wies er darauf hin, dass der Mensch als Ganzes im Zeitalter des technologischen Fortschritts nicht aus dem Blickfeld geraten dürfe und stets im Zentrum stehen müsse. Markus Büchel erinnerte in diesem Zusammenhang an den Film Modern Times mit Charlie Chaplin und erläuterte, dass die Gefahr von einem Burn-out gross sei, wenn der Mensch keinen Einfluss auf seinen Arbeitsprozess habe. Das Ziel von Industrie 4.0 müsse daher sein, die Mühsal des Menschen zu verkleinern und eine optimale Unterstützung für den Menschen zu bieten. Nicht der Mensch müsse für die Maschine da sein, sondern die Maschine für den Menschen.

Auf die Frage, ob er Industrie 4.0 als Revolution sehe, meint der Bischof, dass es für eine Revolution einen Umsturz brauche, und das sehe er hier nicht, daher sei Industrie 4.0 für ihn keine Revolution.

Am Nachmittag konnten die Besucher das Thema in zwei Parallelsessions vertiefen, wobei nochmals der praktische Bezug von Industrie 4.0 aufgezeigt wurde.

An der abschliessenden Podiumsdiskussion, moderiert von Peter Frischknecht, EMPA St. Gallen, zeigte sich, dass die Mehrheit der Teilnehmer der Überzeugung ist, dass es sich bei Industrie 4.0 um eine evolutionäre Entwicklung handelt und dass nicht alles, was technologisch machbar ist, auch zwingend unternehmerisch sinnvoll sein muss. <<

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