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120 Jahre Industriegeschichte Aarau Aarau - eine Industriestadt?

| Autor / Redakteur: Raoul Richner, Aarauer Stadtarchivar und Stadtführer / Matthias Böhm

Woran denkt man beim Stichwort «Schweizer Industriestadt»? An Winterthur oder vielleicht an Baden – aber kaum an Aarau. Nichtsdestotrotz zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass auch die Aarestadt, die heute als Kantonshauptstadt vor allem als Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum wahrgenommen wird, gewichtige Impulse für die Industrialisierung gegeben hat, wobei gerade das metallverarbeitende Gewerbe eine wichtige Rolle spielte. Diese Geschichte der für Aarau spezifischen Betriebe wollen wir hier Revue passieren lassen mit dem Schwerpunkt auf der Entstehung und Entwicklung einer Aarauer Industriezone in den vergangenen 120 Jahren.

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Das Giessen von Glocken und Kunstobjekten bei der Rüetschi AG ist seit Jahrhunderten Handarbeit.
Das Giessen von Glocken und Kunstobjekten bei der Rüetschi AG ist seit Jahrhunderten Handarbeit.
(Bild: Florian Müller, Aargauer Zeitung, 2011)

Seit der Gründung Aaraus in den 1240er-Jahren wurde im Stadtgebiet Metall verarbeitet. Rohstoffe konnten in unmittelbarer Nähe gewonnen werden: Die nördlich der Aare im Jura liegenden Erzminen wurden schon früh ausgebeutet. In der lokalen Hammerschmiede wurde das Erz zu Roheisen verarbeitet, woraus die ansässigen Schmiede, Küfer und Schlosser wiederum ihre Endprodukte herstellten. Aussergewöhnlich war in Aarau die Spezialisierung der Schmiede auf qualitativ hochstehende Messer und Degen. Im 18. Jahrhundert arbeiteten hier mehrere Dutzend Messerschmiede, deren Produkte weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und gefragt waren.

Aarauer Glockengiess-Kunst

Eine ebenso grosse Ausstrahlung hatte die Aarauer Glockengiess-Kunst. Dieses Gewerbe – seit 1367 bezeugt – brachte zweifellos die langlebigsten Produkte hervor: Noch heute erklingen in einzelnen Kirchtürmen die vor Jahrhunderten in Aarau gegossenen Glocken. Die Glockengiesserei wird – wenn auch mit einem längeren Unterbruch – bis heute praktiziert; seit 1920 durch die Rüetschi AG. In der Giesserei, deren Produkte mit viel Handarbeit erschaffene Einzelstücke darstellen, entstanden während einigen Jahren im 19. Jahrhundert nicht nur Glocken, sondern auch Kanonen. Dieser Abstecher Aaraus in die Rüstungsindustrie blieb jedoch bloss eine Episode.

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Neben der grossen Glockengiesserei bearbeiteten weitere Aarauer flüssiges Metall: die Rot- und Zinngiesser. Die Herstellung von Gebrauchsgegenständen aus Kupfer und Zinn wie Leuchter, Becken und Geschirr war allgemein verbreitet, erlebte jedoch im 18. Jahrhundert einen Niedergang – allenthalben waren nun Porzellan- oder anderes Keramikgeschirr gefragter. In Aarau machte man aus der Not eine Tugend und sattelte um: Fortan produzierten die Handwerker anstelle von Zinntellern nun Zinnfiguren. Dieser neue, ebenso lukrative wie kreative Gewerbezweig entstand um 1800. Die drei Zinngiesser Beck, Gottschalk und Wehrli trafen mit ihren vielfältigen Zinnfiguren den Geschmack der Zeit: Die einfach herzustellende Massenware war ein Exportschlager, ob bemalt oder nicht, ob klassische Soldaten oder bunte Tierwelt. Diese Kleinspielzeugproduktion florierte etwa 80 Jahre lang; Zeugen davon lassen sich «en masse» in der Dauerausstellung des Stadtmuseums bestaunen.

Der Kern-Zirkel kommt aus Aarau

Auch im kleinteiligen Bereich arbeitete ab 1803 der aus Strassburg stammende Mechaniker Louis Esser. Er brachte die Reisszeugfabrikation nach Aarau. Reisszeug aus Aarau? Da wird manchem Leser ein Licht aufgehen; doch denkt man heute nicht mehr primär an die Firma «Esser», sondern an «Kern». Tatsächlich war der Firmengründer Jakob Kern (1790–1867) Lehrling bei Esser, machte sich jedoch 1819 selbstständig und legte so den Grundstein zum blühenden Industriebetrieb mit Weltgeltung. Neben Reisszeug – bei wem findet sich nicht noch irgendwo ein Kern-Zirkel im Schrank? – begann bereits der Gründer mit dem Bau physikalischer Apparate. Namentlich die präzisen geodätischen Instrumente, die in der Landesvermessung und beim Eisenbahnbau verwendet wurden, verschafften der jungen Firma internationales Ansehen.

Leider wurde der Betrieb am Stammsitz 1991 eingestellt, nachdem die Firma 1988 infolge Unrentabilität verkauft worden war. In Aarau befindet sich die aus dem Firmennachlass hervorgegangene umfangreiche Studiensammlung Kern, die als Teil des Stadtmuseums Interessierten zugänglich ist. Das weitläufige ehemalige Kern-Areal im Aarauer Schachen beheimatet heute zahlreiche Gewerbebetriebe und Dienstleister. An diesem Standort hat sich etwa die Smith&Nephew Manufacturing AG mit ihren 330 Mitarbeitern eingerichtet, die sich in den 90er-Jahren als Produzentin von künstlichen Knie- und Hüftgelenken einen Namen gemacht hat. Das Produktionsvolumen beläuft sich heute auf 400 000 Stück, welche weltweit exportiert werden.

Schuhfabrik Bally bei Schönenwerd

Um 1900 löste die Metall-, Maschinen- und Elektroindustrie die Textilbranche auch in Aarau als Leit­industrie ab. Gleichzeitig startete das grafische Gewerbe durch, genannt seien etwa die Firmen Trüb oder Huber + Anacker: Auch aus heutiger Sicht ist der Standort Aarau in diesem Gewerbezweig noch aktuell, denn vor einigen Tagen hat der älteste Industrieverband der Druck- und Medienindustrie (Viscom) beschlossen, seinen Hauptsitz mit all seinen Mitarbeitern von Bern nach Aarau zu verlegen.

Stetig entwickelte sich ebenfalls die Zement-, Chemie- und Schuhfabrikation, wobei bei Letzterer das nahe Schönenwerd mit der Firma Bally den Rhythmus vorgab. Ursprünglich in Aarau angesiedelt war die 1887 gegründete Chocolat Frey, deren Gründerfamilie sich zeittypischerweise aus der niedergehenden Textilbranche in eine andere Branche, hier konkret die Lebensmittelherstellung, hinüberrettete.

Zwei Neuerungen veränderten die industrielle Produktion Aaraus entscheidend: zunächst die Anbindung der Stadt an das Eisenbahnnetz ab den 1850er-Jahren und ab 1893 die Elektrifizierung. Sie führten zu einer Standortverlagerung, da nun die Abhängigkeit von der unmittelbar zu nutzenden Wasserkraft aufgehoben war. So wurden namentlich die bisher landwirtschaftlich genutzten Zonen östlich des Bahnhofs im Torfeld – welche durch die Geleise in zwei Areale geteilt wurden – nach und nach mit Industriebetrieben besiedelt, was in der Folge nachgezeichnet wird.

A. Oehler & Co – Pionier im Elektro­stahlgussverfahren

Den Anfang machte Alfred Oehler (1852–1900), der aus einer Textilfabrikantenfamilie stammte. Er zog es vor, Maschineningenieur zu werden, und gründete zunächst 1881 mit Robert Zschokke in Wildegg eine Werkstatt, die er 1894 in seine Heimatstadt Aarau verlegte. Er siedelte seine nun als «A. Oehler & Co.» bezeichnete Firma im noch fast unbebauten Torfeld Süd an, wo bisher bloss ein Baugeschäft Fuss gefasst hatte. Oehler betrieb eine Eisen- und Stahlgiesserei sowie eine Maschinenfabrik. Produziert wurden u. a. Transportanlagen wie Stapelkrane und Regalstapler.

Alfred Oehler Junior (1883–1974) trat in die Fussstapfen des Vaters; neben seiner Ausbildung im Maschinenbau bildete er sich in der Elektrotechnik und Metallurgie aus. Er galt als Pionier im Elektrostahlgussverfahren, welcher das Unternehmen durch die schwierigen Jahre zwischen der Krise der 1920er-Jahre und der Kriegszeit führte, indem er u. a. ab 1940 für militärische Zwecke Seilbahnen entwickelte. 1970 ging die Firma an die Georg Fischer AG aus Schaffhausen über.

Aeschbach: Maschinen für die Lebensmittelbranche

Bereits ein Jahr nach Oehlers Niederlassung im Torfeld breitete sich diese junge Industriezone 1895 weiter nach Westen aus: Fritz Aeschbach (1856–1936) verlegte seine mechanische Werkstätte, die er seit 1888 im Aarauer Hammerquartier betrieben hatte, hierher. Im Gegensatz zu den oben genannten Gründerfamilien Frey und Oehler, die die Branche wechselten, stammte Aeschbach nicht aus einer Industriellenfamilie. Er konnte hingegen auf eine aussergewöhnlich lange Tradition der Metallverarbeitung in seiner Familie zurückblicken: Seit Mitte des 17. Jahrhunderts waren die Aeschbachs in einer ununterbrochenen Reihe als Schmiede, Schlosser und später Eichmeister tätig. Nach Lehr- und Wanderjahren als Mechaniker rundete Fritz Aeschbach seine Ausbildung mit einem Studium am Technikum in Winterthur ab. In Aarau entwickelte und produzierte er hauswirtschaftliche Maschinen zum Schneiden von Brot und Käse sowie Fruchtpressen. Das Unternehmen wuchs rasch und wurde 1916 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Kuriosum: «Internationale Gesellschaft für Bergbahnen»

Mit dem Wachstum der Firma wuchsen auch die Produkte: Anstelle von Geräten für Privathaushalte setzte Aeschbach unter dem Label ARTOFEX nun auf grössere Maschinen für die Lebensmittelbranche wie Knet- und Mischmaschinen für Bäckereien. Später erweiterten auch Backöfen und Kühlschränke das Angebot, bis der Betrieb 1990 gänzlich eingestellt wurde. Seit 2019 lassen sich einzelne ARTOFEX-Produkte wieder in der Aeschbachhalle – der bis heute erhaltenen, 1910 errichteten ehemaligen Schlosserei – bestaunen.

Als Kuriosum soll die 1873 gegründete «Internationale Gesellschaft für Bergbahnen» erwähnt werden, die während der wenigen Jahre ihres Bestehens im heute als Torfeld Nord bezeichneten Areal innovative Zahnradbahnen baute. Die Hoffnungen des Ingenieurs Riggenbach, der diese wegweisende Antriebsart erfunden hatte, wurden allerdings enttäuscht und die Firma nach nur sechs Jahren liquidiert.

1903: Sprecher + Schuh

Viel länger hielt sich die seit 1901 im Torfeld ansässige Fabrik für elektrische Apparate von Carl Sprecher (1868–1938) und Hans Fretz. Letzterer wechselte aber schon im Folgejahr ins Schuhgeschäft, sodass der Mechaniker Sprecher im Elektrotechniker Heinrich Schuh (1873–1955) einen neuen Kompagnon fand und die Firma 1903 in Sprecher + Schuh umbenannt wurde.

Die Spezialitäten der Firma waren neben sogenannten Hörnerschaltern auch Hochspannungsschalter, Sicherungen und Schalttafeln und das rasch wachsende Geschäft gründete europaweit Filialen. Nichtsdestotrotz gingen die beiden Hauptproduktionsfelder, die Hochspannungsabteilung (1986 an Alstom) und die Niederspannungsabteilung (1993 an Rockwell) in andere Hände über. Rockwell Automation ist die letzte noch bis dato produzierende Firma im Torfeld Süd. Mittelfristig soll aber auch diese Produktion eingestellt werden, womit ein rund 125 Jahre dauernder Kreis von Industrialisierung und Deindustrialisierung auf diesem Areal geschlossen werden wird.

Als jüngstes und letztes der vier grösseren Maschinenbau-Unternehmen siedelte sich in den 1920er-Jahren die Firma MAXIM im Torfeld Süd an. Sie war 1913 durch Ferdinand Zurlinden und Walter Fecht gegründet worden; ihre Produktpalette umfasste verschiedene thermo-elektrische Kleinapparate für Industrie und Haushalt wie «Glätteisen», Radios oder Heizöfen. Später rückten Warmwasser- und Küchengeräte in den Fokus.

Kummler + Matter besteht noch heute

Die bis heute bestehende Firma Kummler + Matter hatte ihren Sitz ab 1896 in der Aarauer Bleichematte. Das Unternehmen produzierte z. B. Telefon- und Klingelanlagen für Hotels, bekannt wurde es aber vor allem als Spezialist für den Leitungsbau. Der Anteil dieser Firma an der Elektrifizierung der Schweiz und deren Bahnen kann kaum unterschätzt werden.

Heute vermehrt Dienstleistungsunternehmen

Die qualmenden Schornsteine der Gründerzeit sind aus dem Torfeldgebiet verschwunden; nun reihen sich in den früheren Industriegebieten Dienstleistungsunternehmen und Kleingewerbetreibende aneinander, im neuen Oehler-Park spielen Kinder und machen Erwachsene Yoga. Im Torfeld Süd, das zu einem Grossteil mit Wohnungen überbaut wurde, steht im Zentrum noch immer die historische Aeschbachhalle, die jetzt als Herz des Areals ein zweites Leben als Eventlokal erhalten hat.

Die meisten Jobs bietet Aarau heute im dritten Sektor; die Verwaltung und das Gesundheitswesen bilden dabei Schwerpunkte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass in Aarau gegenwärtig überhaupt nichts mehr fabriziert wird. Heute werden hochspezialisierte Produkte gefertigt, namentlich in den Bereichen Cleantech sowie auch in Medizintechnik, Orthopädie, Präzisionsdruck, Gebäudetechnik und Energieeffizienz.

Seit zwei Jahren befindet sich mit dem Zuzug von Swissgrid die Steuerungszentrale für das Schweizer Übertragungsnetz mit neuester Technologie in der Kantonshauptstadt. Die Grossbildschirmanzeige für die Überwachung des Stromnetzes ist weltweit eine der modernsten ihrer Art. Für die erfolgreiche Ansiedelung von Swissgrid sprach die Verfügbarkeit der Fachkräfte sowie die optimale Verkehrsanbindung. Neuzuzüge in der Region werden durch ein attraktives Monitoring der Gewerbeflächen wie auch durch Neubauten für langfristige Entwicklungen ermöglicht.

Am Beispiel Aarau wird veranschaulicht, wie sich aus kleinen Werkstätten breit aufgestellte Firmen mit international renommierten Spitzenprodukten entwickeln können. Der Markt diktierte den Wandel bei Produkten und in der Produktionsweise; was nicht rentierte, wurde durch Innovationen ersetzt. Aufgeschlossene Unternehmerpersönlichkeiten haben stets zur Weiterentwicklung der Industrie beigetragen und tun dies bis heute – auch in Aarau. SMM

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