Chinas ehrgeizige Wasserstoff-Pläne Beijing 2022: Sportler fahren mit Wasserstoff zum Wettkampf

Von Henrik Bork

Im offiziellen Olympia-Fuhrpark der Winterspiele in Peking befinden sich mehr als 1.000 Brennstoffzellen-Fahrzeuge. Das Sport-Event bildet in China einen Startschuss für immense Investitionen in die Technologie.

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Bei den olympischen Spielen in Peking sind unter anderem Brennstoffzellen-Busse von Yutong Bus im Einsatz.
Bei den olympischen Spielen in Peking sind unter anderem Brennstoffzellen-Busse von Yutong Bus im Einsatz.
(Bild: Yutong Bus)

Noch nie zuvor hat es weltweit eine Wasserstoff-Pilotprojekt in dieser Grössenordnung gegeben. Mehr als 1.000 Fahrzeuge mit Brennstoffzellen sind gerade bei den Olympischen Winterspielen in Peking im Einsatz. Die gross angelegte Demonstration, komplettiert von mehr als 30 Wasserstoff-Tankstellen, könnte der Technologie in China zum Durchbruch verhelfen, sagen Marktbeobachter in der Volksrepublik.

„Es ist die grösste Brennstoffzellen-Demonstration der Erde. Industrie-Insider glauben, dass die Winterspiele damit zu einer Wasserscheide für die beschleunigte Anwendung von Wasserstoff als Energieträger in China werden könnten“, berichtet die chinesische Finanzzeitung Zhengquan Shibao.

Mehr als 70 Prozent aller Sportwettkämpfe finden diesmal in den Bergen rund um Peking statt, oft bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Celsius. Ein ideales Setting, um die vermeintlichen Vorzüge dieser Technologie gegenüber den Lithium-Ionen-Batterien von Elektrofahrzeugen zu demonstrieren, deren Reichweite und Power bei solch klirrender Kälte schnell nachlässt.

Nur Wasser und heisse Luft gelangen in die Atmosphäre, wenn die Athleten aus aller Welt von ihren Unterkünften zu den Pisten in Yanqing und Sprungschanzen in Zhangjiakou chauffiert werden. Um die Flotte von Bussen und anderen Fahrzeugen vor Ort betanken zu können, haben Shell und das örtliche Unternehmen „Zhangjiakou City Transport Construction Investment“ eine Elektrolyse-Anlage mit einer Kapazität von 20 Megawatt gebaut, wo „grüner Wasserstoff“ allein mit Hilfe von Windkraft erzeugt wird.

Kein Problem mit klirrender Kälte

Die Fahrzeuge stammen von Toyota, der staatlichen chinesischen BAIC-Gruppe, von Foton Motor, Yutong Bus und anderen Autoherstellern. Die meisten davon sind Busse und andere Nutzfahrzeuge, obwohl Toyota auch die zweite Generation seines Brennstoffzellen-PKWs Mirai vorführt. Nur sechs Minuten dauert es, einen Bus mit Wasserstoff wieder komplett vollzutanken, die Fahrzeuge haben mit den Minustemperaturen nicht die geringsten Probleme.

Schon die olympischen Sommerspiele in Tokio hatten Angaben der japanischen Veranstalter zu Folge zu einer gross angelegten Demonstration für die Brennstoffzelle werden sollen. Wegen Lieferketten-Problemen in der Folge der Corona-Lockdowns waren diese Pläne jedoch im letzten Moment massiv eingedampft worden. Nur noch die olympische Flamme wurde mit Wasserstoff befeuert, Busse waren nur vereinzelt mit Brennstoffzelle waren in Tokio unterwegs.

Anders nun im Pekinger Winter, wo die chinesische Regierung und von ihr angefeuerte Staatsbetriebe keine Kosten gescheut haben, um vermeintlich „grüne Spiele“ zu veranstalten und der Weltöffentlichkeit Chinas technologische Fortschritte bei der Anwendung von Wasserstoff zu präsentieren.

Genutzter Wasserstoff ist nicht vollends „grün“

Nicht nur Shell und seine Partner, auch der chinesische Chemiekonzern Sinopec hat vier Wasserstoff-Tankstellen für die Winterspiele in Yanqing und Zhangjiakou gebaut. Der dortige Wasserstoff ist noch mit industriellen Beiprodukten aus den Chemiewerken des Konzerns hergestellt worden, also beim Anlegen strengster Kriterien nicht völlig „grün“. Doch die Busse fahren auch damit „lokal emissionsfrei“ – und Sinopec demonstriert seine Fähigkeit, Wasserstoff mit einer Reinheit von mehr als 99,99 Prozent zur Verfügung zu stellen, für den es gerade landesweit 1.000 Wasserstoff-Tankstellen baut.

Der eingesetzte Wasserstoff mache also nicht bloss den Transport bei den aktuellen Winterspielen sauberer, sondern zeige auch „Chinas Errungenschaften und technologischen Durchbrüche entlang der gesamten industriellen Wertschöpfungskette von Wasserstoff“, zitiert die China Daily den Analysten Liu Xiaoyan.

Seit Chinas Präsident Xi Jinping ehrgeizige Ziele zur Reduktion von CO2-Emissionen angekündigt hat – bis 2060 soll die dann bereits grösste Volkswirtschaft der Erde komplett klimaneutral sein – investiert das Land massiv in den Ausbau der Wasserstoff-Wirtschaft. Dazu gehören unter anderem Pilotprojekte in den Wüstenregionen des Landes, wo Wasserstoff im grossen Stil mit Hilfe von Elektrolyse aus Solarstrom erzeugt wird.

Die Förderung von Wasserstoff im 14. Fünf-Jahresplan der Volksrepublik wird gerade auf örtliche Entwicklungspläne übertragen. So will die Hauptstadt Peking ihrem aktuellen Entwicklungsplan zufolge bis zum Jahr 2025 „die Basis für eine Förderung der Wasserstoff-Industrie grossen Ausmasses“ gelegt haben.

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Nach den olympischen Winterspielen soll es damit weitergehen. Bis 2025 etwa sollen in der Region Peking-Tianjin-Hebei rund um die derzeitigen Sportstätten 37 weitere Wasserstoff-Tankstellen gebaut werden und mehr als 10.000 Fahrzeuge mit Brennstoffzellen regelmässig zum Einsatz kommen, berichtet die China Daily. Insgesamt soll allein in dieser Region innerhalb der nächsten fünf Jahren eine Wasserstoff-Industrie mit einem Gesamtwert von 100 Milliarden Yuan (rund 14 Milliarden Euro) aufgebaut werden, heisst es in den Entwicklungsplänen der Lokalbehörden.

China wittert Milliardenmarkt

Je mehr die Technologie in China skaliert werden kann, desto weiter werden die Preise für grünen Wasserstoff und auch für Brennstoffzellen und die benötigen Tankstellen sinken, sagen Analysten voraus. Momentan liegt der Preis für ein Kilo Wasserstoff in China zwischen 60 und 80 Yuan (rund 8,3 bis 11 Euro). Das ist noch zu teuer für eine kommerzielle Nutzung im grossen Stil.

Fest steht aber auch, dass China die Produktion von Fahrzeugen mit Brennstoffzellen ab jetzt noch stärker als bisher fördern wird, um seine Klimaziele zu erreichen. Bis 2023 soll dieses Segment der chinesischen Autoindustrie zunächst 23 Milliarden Yuan (rund 3,2 Milliarden Euro), zwei Jahre später dann schon 70 Milliarden Yuan (rund 9,7 Milliarden Euro) wert sein, schätzt das Gaogong-Forschungs-Institut in Peking.

Wie in anderen Ländern auch gehen chinesische Befürworter der Technologie davon aus, dass in den kommenden Jahren zunächst vor allem Busse und Schwerlast-LKWs mit Brennstoffzellen ausgerüstet werden, weil die Betankung entlang klar definierter Routen – zum Beispiel entlang der Autobahnen – einfacher ist als die für Personenkraftwagen.

Noch steht der Einsatz von Wasserstoff im Transportsektor auch in der Volksrepublik am Anfang. Nur 1.177 Fahrzeuge mit Brennstoffzelle sind in ganz China im Jahr 2020 verkauft worden, berichtet das Fachportal Shentu Car. Doch die olympischen Winterspiele könnten eines Tages als wichtiger Schlüsselmoment für den Durchbruch der sauberen Antriebstechnologie gelten. „Dieses grosse Pilotprojekt wird die Stabilität und Nützlichkeit von Brennstoffzellen-Fahrzeugen für die Gesellschaft beweisen“, sagt Wang Meiting vom Forschungsinstitut der Bank of China.

Über den Autor

Henrik Bork ist Managing Director bei Asia Waypoint, einer auf China spezialisierten Beratungsagentur mit Sitz in Peking. „China Market Insider“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Vogel Communications Group, Würzburg, und der Jigong Vogel Media Advertising in Beijing.

Dieser Beitrag stammt von unserem Partnerportal next-mobility.de

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