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SMM-Interview mit Vizeweltmeister im CNC-Drehen CNC-Drehen: Schweizer Meister wird Vizeweltmeister

| Redakteur: Matthias Böhm

Der SMM 16/2019 berichtete über den Swiss-Skills-​Gewinner und World-Skills-Teilnehmer Lukas Muth. Er erreichte sensationell den zweiten Platz der Berufsweltmeisterschaften im CNC-Drehen. Der SMM hat mit dem Silbermedaillengewinner, seinem Betreuer Simon von Moos (Polymechaniker-Ausbildner bei der Firma maxon in Sachseln) und dem Berufsbildungsverantwortlichen Matthias Rohrer (Ruag Alpnach) gesprochen, wie es lief und welche Überraschungen es gab.

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Iscar sponserte das gesamte Werkzeugpaket des Swiss-Skills-Meisters und Vizeweltmeisters Lucas Muth.
Iscar sponserte das gesamte Werkzeugpaket des Swiss-Skills-Meisters und Vizeweltmeisters Lucas Muth.
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Herr Muth, Gratulation zur Vizemeisterschaft. Liefen die World Skills in Kasan so ab, wie Sie sich das im Vorfeld vorgestellt haben?

Lukas Muth: Wir haben uns darauf eingestellt, dass einiges anders werden wird als beispielsweise bei den Swiss Skills. Das ist dann auch tatsächlich so eingetreten. Gleichwohl waren Aufgaben mit dabei, die ich nicht konkret trainiert habe. Insofern müsste ich die Frage mit Ja und Nein beantworten.

Was war anders?

L. Muth: In dem Aufgabenbereich der Massenteilfertigung mussten wir gesamthaft zehn Teile herstellen. Bisher handelte es sich immer um ein und dasselbe Bauteil. In diesem Fall mussten wir die zehn Werkstücke mit unterschiedlichen Durchmessern fertigen. Zwar lagen die Durchmesserdifferenzen nur im Hundertstel-Bereich, aber gleichwohl musste man jedes Teil spezifisch programmieren. Und darüber hinaus mussten wir ein exzentrisches Innengewinde wie auch eine Spiral-​Fräs-Bearbeitung auf der Mantelfläche des Werkstücks programmieren. Das hatte ich nicht wirklich auf dem Radar und musste mir entsprechende Fertigungsstrategien neu überlegen. Ich habe insofern wieder etwas hinzugelernt.

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Simon von Moos: In unserem Beruf ist das Reglement so ausgelegt, dass man im Vorfeld wenige Informationen hat, welche Auskunft über den Inhalt der möglichen Testprojekte geben. Man weiss einzig, dass man die Testprojekte mit Hilfe einer Werkzeugspezifikation auf einer CNC-Drehmaschine fertigen muss und welche möglichen Module diese beinhalten können. Welche Module es sind und in welcher Form diese im Testprojekt einfliessen, ist unbekannt. Dies hat sicherlich Nachteile mit so vielen Unbekannten, bringt aber den Vorteil, dass so am ehesten der beste Berufsmann/-frau auf internationaler Ebene gefunden werden kann.

Was heisst das konkret?

L. Muth: Generell verfüge ich über ein recht breites Spektrum an CAM-Kompetenz. Auch wenn ich solche Fertigungsstrategien bisher nicht programmiert habe, wusste ich relativ schnell, was zu tun war. Das lag nicht zuletzt daran, dass ich sehr gut vorbereitet wurde von Simon von Moos und meinem Ausbildungsbetrieb Ruag und unseren Partnerunternehmen, bei denen ich trainieren durfte.

Wie lief das vor Ort konkret ab, wie viele Mitbewerber hatten Sie im Bereich Dreh-Fräsen?

Simon von Moos: Die gesamte Schweizer Delegation (Kandidaten) hat ihr Quartier etwa eine halbe Stunde vom Wettkampf­areal entfernt bezogen. Alle Teilnehmer hatten im Vorfeld nochmals die Möglichkeit, die Drehmaschine für zwei Tage zu testen inklusive der Postprozessoren. Insgesamt waren wir 28 Teilnehmer im Drehbereich, denen 14 Maschinen zur Verfügung standen. Die Kandidaten arbeiteten im Schichtbetrieb. Somit waren wir in der Morgenschicht eingeteilt und der Nachmittag stand, für die Kandidaten zumindest, zur freien Verfügung.

Gab es Schwierigkeiten während der Vorbereitungszeit?

L. Muth: Eines der grösseren Themen war, dass der Postprozessor die CAM-Programme nicht korrekt umgesetzt hat. Das hat mich zugegebenermassen dann doch überrascht. Beim Gewindedrehen hat er z. B. keinen Vorschub zugeschaltet. Darum musste ich mich zusätzlich um die Postprozessoren kümmern.

S. von Moos: Schwierigkeiten gibt es immer in der Vorbereitungszeit, diese benenne ich aber lieber mit «Herausforderungen». Bei jeder Vorbereitungszeit spielen mehrere Faktoren eine sehr wichtige Rolle. Die grösste Herausforderung für mich persönlich war, dass ich als Coach alle Faktoren zum Harmonisieren bringe. Meine Hauptaufgabe besteht darin, für den Kandidaten ein optimales Umfeld für die Vorbereitung zu organisieren und ihn dann spezifisch zu trainieren.

Das Ganze mit dem PP ist eine bekannte Geschichte und ich weiss, dass dieser im Vornherein bis ins letzte Detail geprüft werden muss.

Wie bereitet man sich darüber hinaus noch vor?

L. Muth: Ich durfte zudem einen Sportpsychologen hinzuziehen. Er hat die Situation von aussen angeschaut, den Prozess analysiert und hat mich entsprechend gut beraten. Er gab mir immer Feedback, wo Optimierungspotential besteht usw. Das war eine wichtige Stütze für mich in Kasan. Ein ganz wichtiger Bestandteil war auch, dass der Sportpsychologe nicht nur mich allein, sondern auch uns als Team (Kandidat und Coach) beraten und betreut hat. Er hat uns bei den Trainings besucht und konnte uns so gezielt Unterstützung bieten.

Wie kann Ruag und speziell die Ausbildungsstätte im Vorfeld den Auszubildenden perfekt vorbereiten?

Matthias Rohrer: Wenn wir für einen Kandidaten gute Voraussetzungen schaffen wollen, dann müssen wir ihn optimal vorbereiten. Wir haben insofern im Betrieb geschaut, dass er anspruchsvolle Aufgaben zugewiesen bekommt. Er musste viel programmieren, so dass er CAM-spezifisch à jour ist. Er war auch viel extern bei Programmierschulungen und Trainings, damit er prüfungsrelevante Fertigungsaufgaben üben konnte.

Welche Rolle übernahm Iscar, der Werkzeughersteller und Werkzeug-Sponsor?

L. Muth: Das ist enorm wichtig, dass wir mit den neuesten Werkzeugen arbeiten konnten. Iscar ist insbesondere im Drehen noch dazu absolute Spitzenklasse. Darüber hinaus bieten sie das komplette Spektrum im Bohr- und Fräsbereich an. Das war werkzeugtechnisch eine hervorragende Ausgangssituation und hat mir sicher bei der Vorbereitung wie auch bei den Weltmeisterschaften geholfen. Ich konnte vor allem auch mit den Werkzeugen im Vorfeld üben und die Schnittwerte immer im Optimum anpassen und fahren. Wir hatten diesbezüglich definitiv die besten Voraussetzungen. Im Vorfeld wussten wir nicht, welche Werkstoffe bei den Testprojekten dann zu bearbeiten sind. Somit hatte ich das gesamte Werkzeugspektrum für die unterschiedlichsten Materialien zur Verfügung. Am Wettkampf musste ich Automatenstahl, Messing und Werkzeugstahl bearbeiten.

Was heisst das für Sie als Lehrmeister, wenn Ihre Auszubildenden solche Leistungen mit nach Hause bringen?

M. Rohrer: Es ist bereits eine grosse Ehre für Ruag, zum 7. Mal in Folge mit unseren Auszubildenden ein Teil der Schweizer Delegation zu sein. Wenn wir mit Lukas dann noch den zweiten Platz erreichen, ist das natürlich sensationell.

Wie werden solche Leistungen seitens des Arbeitgebers gewürdigt?

M. Rohrer: Strategisches Ziel ist es, über unser gut durchstrukturiertes Ausbildungssystem den Nachwuchs sicherzustellen. Wir benötigen auch in Zukunft hervorragend ausgebildete Fachkräfte. Wir haben bei den Berufsmeisterschaften immer ein Ruag Swiss Selection Team, welches Lernende auf die Swiss Skills vorbereitet. Lukas hat in diesem Fall den ersten Platz gemacht und dank seinem Engagement und seiner mentalen Stärke die Silbermedaille in den World Skills geholt. Das honorieren wir mit entsprechenden Prämien. Natürlich versucht die Ruag, solch talentierte Lernende bzw. Mitarbeiter weiterzubeschäftigen, um das erworbene Know-how nutzen zu können.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, damit man sich an den Berufsmeisterschaften entsprechend durchsetzen kann?

L. Muth: Ohne Eigenmotivation geht gar nichts, aber ich denke, das ist selbstverständlich. Man muss darüber hinaus ein enormes Selbstvertrauen an den Tag legen. Auf keinen Fall darf man sich aus der Ruhe bringen lassen. Gerade beim CAM-Programmieren ist es entscheidend, sich genau die Fertigungsstrategien zu überlegen, bevor man beginnt zu programmieren.

Die World Skills 2019 waren für die Schweiz ein voller Erfolg. Wo kann man sich für die Swiss Skills informieren und qualifizieren?

S. von Moos: Das ist eine gute Frage, denn nach den World Skills ist vor den Swiss Skills. Swissmechanic ist in den Startlöchern und gibt alles, damit junge Berufsleute professionell betreut und unterstützt werden. Unter nachfolgendem Link können sich Interessierte informieren und zeigen, was sie draufhaben: www.swissmechanic.ch/SwissSkills2020. SMM

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