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SMM-Exklusivinterview mit Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic Dr. J. Marti zur Zukunft des Werkplatzes Schweiz

Redakteur: Matthias Böhm

Dr. Jürg Marti (Direktor Swissmechanic) spricht mit dem SMM über die Kurzsichtigkeit der Unternehmen bei Produktionsverlagerungen, den Fachkräftemangel, Nachfolgeregelungen und die Berufsweltmeisterschaften in Kazan. Darüber hinaus erläutert er, welche Erwartungen er an die Politik hat.

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«Für die Berufsweltmeisterschaften in Kazan drücken wir seitens Swiss-mechanic unseren jungen Spezialisten auf jeden Fall die Daumen.» Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic
«Für die Berufsweltmeisterschaften in Kazan drücken wir seitens Swiss-mechanic unseren jungen Spezialisten auf jeden Fall die Daumen.» Dr. Jürg Marti, Direktor Swissmechanic
(Bild: Matthias Böhm, SMM)

SMM: Herr Dr. Marti, die Wurzeln des Swissmechanic-Verbandes wurden vor 80 Jahren mit dem Schweizerischen Mechanikermeister-Verband gelegt. Wie und warum wurde der Verband damals gegründet?

Dr. Jürg Marti (Direktor Swissmechanic): Der Verband wurde am 17. Juni 1939 während der Landesausstellung in Zürich von 38 Mechanikermeistern gegründet. Das zentrale Ziel war, mit einer Stimme die Anliegen der kleinen Mechanik-Unternehmen zu formulieren. Ein weiteres wichtiges Anliegen war die Vertretung, Organisation und Koordination der Berufsausbildung. Heute, 80 Jahre später, haben wir 1400 Mitglieder, die mehrheitlich eigentümergeführt sind. Unsere KMU sind das Rückgrat der Schweizer Industrie und einer der wichtigsten Grundpfeiler unserer Schweizer Wirtschaft. Deshalb ist es aus­serordentlich wichtig, dass die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen optimal für unsere Mitgliedunternehmen ausgelegt sind.

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Rückblickend auf die vergangenen 80 Jahre Swissmechanic, welche Meilensteine würden Sie hervorheben?

Dr. J. Marti: Der wichtigste «Meilenstein» ist, dass wir unseren Verband kontinuierlich entwickeln konnten. Das ist aus meiner Sicht langfristig der wichtigste Pluspunkt. Innerhalb der letzten Jahrzehnte sind mehrere Swissmechanic-Sektionen in den Kantonen hinzugekommen. Wir sind in 80 Jahren von 38 auf 1400 Mitgliederfirmen angewachsen. Dieses Wachstum ist zum einen auf die Stärke des Werkplatzes Schweiz zurückzuführen und zum anderen, dass die Unternehmen unsere Dienstleistungen, Produkte und unsere Arbeit zu schätzen wissen.

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Wo sehen Sie Ihre wichtigsten Betätigungsfelder?

Dr. J. Marti: Unser Verband setzt sich stark für die berufliche Aus- und Weiterbildung ein. Ein weiteres sehr wichtiges Thema ist der Arbeits- und Gesundheitsschutz, wo wir eine systematische Lösung anbieten können und gute Erfolge erzielt haben. Arbeitssicherheit ist ein bedeutender Faktor, der sich letztlich auch positiv auf die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen niederschlägt. Unternehmen mit einer geringen Unfallquote verfügen über eine höhere Arbeitszufriedenheit sowie über eine höhere Wirtschaftlichkeit. Letzten Endes zahlt es sich auf die Prämiensituation gegenüber der SUVA positiv aus. Darüber hinaus setzen wir uns für unsere Mitgliedsfirmen wirtschaftspolitisch ein, um die Rahmenbedingungen für den Werkplatz Schweiz positiv beeinflussen zu können.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dr. J. Marti: Thema Vaterschaftsurlaub: Swissmechanic spricht sich nicht grundsätzlich gegen einen Vaterschaftsurlaub aus. Statt gesetzlicher Einheitsregelungen fordern wir jedoch für die KMU der MEM-Branche betriebliche Lösungen, wie sie heute schon von vielen Unternehmen angeboten werden. Mit betrieblichen Lösungen kann auf die finanziellen Möglichkeiten des konkreten Betriebes und auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden Rücksicht genommen werden. Und dies, ohne dass für die Organisation der Abwesenheiten ein grosser administrativer Aufwand betrieben werden muss. Thema STAF: Swissmechanic hat sich auch für die Steuer­reform und AHV-Finanzierung starkgemacht, welche vom Volk im Mai angenommen worden ist. Mit der Steuerreform werden umstrittene Steuerprivilegien für überwiegend international tätige Unternehmen abgeschafft, womit Schweizer KMU endlich gleich lange Spiesse erhalten. Künftig gelten für alle Unternehmen die gleichen Besteuerungsregeln.

Welche Punkte sehen Sie noch, die aktuell von Bedeutung sind?

Dr. J. Marti: Wenn wir das Themenfeld rund um Industrie 4.0 betrachten, wird die Sensibilisierung in Richtung Cyber-Security und Datenschutz immer wichtiger. Es wird für unsere KMU ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sein, dass sie mit Cyber-Security professionell umzugehen wissen. Denn gerade in der Industrie wird viel Know-how digitalisiert, das unter allen Umständen vor Zugriffen von aussen geschützt werden muss. Unser Verband Swissmechanic bietet zu diesem komplexen Themenfeld Seminare und Weiterbildungsmöglichkeiten an und wir vermitteln individuelle Beratung. Cyber-Security werden wir übrigens auch an unserem Swissmechanic Business Day fokussieren.

Stichwort «Berufsbildung 2023», welche Themenfelder stehen hier im Fokus?

Dr. J. Marti: Die MEM-Berufe sind derzeit in Überarbeitung. Es wird darum gehen zu analysieren, welche Auswirkungen die Themen Digitalisierung und Automatisierung auf unsere MEM-Berufe haben und wie wir diese Themen optimal in die Berufsbildung integrieren können. Die Berufsinhalte werden in regelmässigen Abständen überdacht. Wir werden die zukünftigen Schlüsselkompetenzen fest­legen, die für die Grundausbildung entscheidend sind.

Das scheint anspruchsvoll zu sein.

Dr. J. Marti: Absolut, auf der eine Seite werden die technisch-mechanischen Kenntnisse nach wie vor bedeutend sein. Ohne sie geht es nicht, dessen muss man sich bewusst sein. Hinzu kommen aber zunehmend Digitalisierungs- und Automatisierungsqualifikationen sowie Sozialkompetenzen, die in den Bildungsplan integriert werden müssen. Ein neuer Bildungsplan muss letztlich von den zuständigen Gremien und Behörden abgesegnet werden.

Thema Fachkräftemangel, welche Lösung sieht Swissmechanic diesbezüglich?

Dr. J. Marti: In unserer Branche wird aufgrund der Demografie ein zunehmender Fachkräftemangel konstatiert. In diesem Zusammenhang wird die Erwachsenbildung immer wichtiger. Hier geht es darum, interessiertes Personal für die MEM-Industrie auszubilden. Wir sprechen gerade auch Erwachsene an, die eine Affinität zu unseren Berufen haben und durch Umschulungs- und Weiterbildungsmassnahmen als Arbeitnehmer für die Industrie gewonnen werden können. Als Verband entwickeln wir Weiterbildungsmodule, mit denen sich Arbeitnehmer zielgerichtet für Industrieberufe weiterbilden können. Gleichzeitig müssen die Unternehmen natürlich in die Grundbildung investieren und sich engagieren. Das ist massgeblich für den zukünftigen Erfolg des Werkplatzes Schweiz.

Was halten Sie von Kompetenzerweiterung der Mitarbeitenden, dass sie komplexere Prozesse in Unternehmen begleiten dürfen?

Dr. J. Marti: Wenn Unternehmensabläufe es ermöglichen, ihren Mitarbeitern komplexere Verantwortungsbereiche anbieten zu können, ist das sicher ein ausgezeichneter Ansatz. Aber das ist nicht in allen Unternehmen gleich gut realisierbar. Insbesondere kleinere Unternehmen sind in einer Poleposition. Neben dem technischen Know-how geht es natürlich auch darum, Kompetenzen im Projektmanagement zu fördern. Unser Verband ist ausbildungstechnisch sowohl in dem technologisch spezifischen Bereich als auch im Projektmanagementbereich gut aufgestellt, so dass die Unternehmen mit uns einen guten Ausbildungspartner haben.

Was sind die derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen für Ihre Branche?

Dr. J. Marti: Wenn Produktionsstätten ins Ausland verlagert werden, ist das definitiv nicht gut für unseren Standort und für viele Zulieferbetriebe eine Herausforderung. Aussagen von hier produzierenden Unternehmen, wie «wir fokussieren uns auf unser Engineering und verlagern die Produktion», sind aus meiner Sicht problematisch. Dahinter verbirgt sich nicht selten eine Strategie, die auf kurzfristigen Erfolg hinzielt. Auf der anderen Seite sind aus meiner Sicht Produktion, Engineering und Entwicklung technologisch sehr eng miteinander verknüpft. Heutige Konstrukteure und Entwickler sitzen immer wieder mit den Produktionstechnikern zusammen, um die Bauteile/Produkte so zu optimieren, dass sie auch produktionstechnisch wirtschaftlich herzustellen sind. Förderlich für solche Entwicklungen ist die unmittelbare Nähe zwischen Konstruktion, Entwicklung und Produktion und deren möglichst direkte Kommunikation untereinander. Diese Aspekte gehen bei einer Produktionsverlagerung oft verloren. Zugegeben, die Personalkosten sind in der Schweiz hoch. Die Schweiz bietet jedoch eine Vielzahl von Wettbewerbsvorteilen, die nicht zu unterschätzen sind.

Ein wichtiges Thema ist die Nachfolgeregelung, wie positioniert sich Swissmechanic diesbezüglich?

Dr. J. Marti: Die Nachfolgeregelung ist gerade bei den unternehmergeführten Firmen ein wichtiges Themengebiet, dem man sich möglichst frühzeitig stellen muss. Wenn die Kinder nicht nachziehen, müssen die richtigen Leute gefunden und gefördert werden. Solche Personen müssen kompetent, engagiert und verantwortungsbewusst sein. Hier sind auch unsere Banken gefordert, um die Nachfolgeregelung mit Krediten zu unterstützen.

Kann man Unternehmertum fördern oder steckt das im Blut?

Dr. J. Marti: Eine gute Frage, die ich Ihnen nicht so eindeutig beantworten kann. Man kann Unternehmertum sicher durch Coaching unterstützen und über die Ausbildung die Instrumente und gewisse Qualifikationen vermitteln. Aber die Persönlichkeit muss stimmen, das ist eine wichtige Grundvoraussetzung.

Welche Stärken hat der Werkplatz Schweiz aus Ihrer Sicht?

Dr. J. Marti: Da gibt es einige. Wir verfügen über günstige Kapitalbeschaffungsmöglichkeiten, die wirtschaftspolitische Stabilität ist hervorragend, Rechtsstaatlichkeit ist gegeben, darüber hinaus ist die Lebensqualität sehr hoch in der Schweiz. Die Schweiz ist ein korruptionsfreies Land. Auch unser Ausbildungssystem ist qualitativ hochwertig, nicht nur im Bereich der Berufsausbildung, sondern auch im Hochschulbereich. Das alles zusammen genommen sind Aspekte, die für die Entwicklung und Planungssicherheit von Unternehmen eine hohe Bedeutung haben und positiv zu werten sind.

Themenwechsel: Die Europäische Union (EU) ist mit einem Anteil von 60 Prozent aller MEM-Exporte der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt der MEM-Unternehmen. Welche Rolle kann das benachbarte Ausland im direkten Export für die Swissmechanic in Zukunft spielen?

Dr. J. Marti: Der Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist aus unserer Sicht wichtig. Direkt in Form von Direktexporten und indirekt, da Swissmechanic-Unternehmen an exportorientierte Unternehmen zuliefern. Wir benötigen deshalb gute Zugangsbedingungen. Unser Verband ist aber der Überzeugung, dass zwischen der EU und der Schweiz auf Augenhöhe miteinander verhandelt werden muss. Die Schweiz verfügt über historisch gewachsene demokratische Strukturen, die seitens der EU anerkannt werden müssen.

Die Weltmeisterschaften in Kazan stehen an. Welche Rolle hat hier Swissmechanic und wie schätzen Sie die Chancen der drei teilnehmenden Polymechaniker ein?

Dr. J. Marti: Wir nehmen mit unseren drei Schweizer Meistern teil: Automation, CNC-Drehen und CNC-Fräsen. Diese drei jungen Spezialisten werden an den Weltmeisterschaften den Werkplatz Schweiz vertreten. Wir unterstützen die Berufsmeisterschaften und Weltmeisterschaften mit einem 6-stelligen Betrag. Wir würden uns sehr freuen, wenn unsere drei Teilnehmer Medaillen gewinnen. Das wäre ein weiterer Leistungsausweis für unser Land und unsere Industrie. Wir drücken deshalb seitens Swissmechanic unseren Spezialisten auf jeden Fall die Daumen. SMM

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