Interview mit Matthias Wandfluh Ein kleiner Sturm bringt uns nicht gleich zum Wanken

Autor / Redakteur: Silvano Böni, Redaktion SMM / Silvano Böni

Vor vier Jahren übernahm Matthias Wandfluh die Führung des Familienunternehmens. Wir sprachen mit ihm, wie die ersten Jahre verliefen, wie er und seine Firma mit der Coronakrise umgehen und wieso Wandfluh mehr denn je auf den Standort Schweiz setzt.

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«Die Hydraulik hat oft zu Unrecht den Ruf, laut, 
dreckig und ineffizient zu sein.» Matthias Wandfluh, CEO Wandfluh AG
«Die Hydraulik hat oft zu Unrecht den Ruf, laut, 
dreckig und ineffizient zu sein.» Matthias Wandfluh, CEO Wandfluh AG
(Bild: Wandfluh)

SMM: Das Unternehmen Wandfluh besteht aus der Wandfluh AG sowie der Wandfluh Produktions AG. Erklären Sie uns kurz die beiden Betriebe.

Matthias Wandfluh: Grundsätzlich unterscheiden wir in der Wandfluh-Gruppe die beiden Bereiche «Hydraulics + Electronics» und die «Lohnfertigung». Die Wandfluh AG ist unser Entwicklungszentrum und unser Produktionsstandort für Hydraulikkomponenten, welche weltweit vertrieben werden. Im dazugehörigen Bereich Wandfluh Systems entwickeln und montieren wir hydraulische System­lösungen und bearbeiten primär den Schweizer Markt. Ausländische Tochtergesellschaften oder Vertretungen erledigen dieselben Arbeiten in ihren Regionen. Die Wandfluh Produktions AG ist losgelöst von der Hydraulik als selbständiger Lohnfertiger aufgestellt, der den Kunden Einzelkomponenten bis hin zu Baugruppen anbietet und neu auch komplette Automationslösungen.

Hr. Wandfluh, Sie haben vor vier Jahren die Geschäftsleitung von Ihrem Vater übernommen. Nun haben Sie es bereits mit der grössten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Wie ist es Ihnen in im vergangenen Jahr ergangen?

M. Wandfluh: Es war ein intensives Jahr, welches sowohl das Management der Firma als auch die Belegschaft gefordert hat. Einerseits war die Situation wirtschaftlich anspruchsvoll, denn der allgemeinen Rezession konnten auch wir uns nicht komplett entziehen. Andererseits führten die ständig ändernden Vorschriften und das Unwissen zur Krankheit und deren Verbreitung zu vielen Unsicherheiten. Wir sind mit einem guten Auftragsbestand ins 2020 gestartet und wurden dadurch von der ersten Corona-Welle erst mit einiger Verzögerung getroffen. Nach einem schwachen Sommer und Herbst konnten wir wieder auf den Erfolgspfad zurückkehren und ich bin durchwegs optimistisch, was das Jahr 2021 angeht.

Erdölkrise, Frankenstärke, Corona-Pandemie: Das Unternehmen Wandfluh musste bereits durch so einige Krisen – und kam immer relativ gut hindurch. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

M. Wandfluh: Wir sind äusserst solide aufgestellt und haben als Familienunternehmen eine langfristige Ausrichtung. Ein kleiner Sturm bringt uns daher nicht gleich zum Wanken. Die Diversifikation in verschiedene Märkte hilft uns zudem, den Wegfall in einer Branche zumindest zu Teilen zu kompensieren. Am wichtigsten scheint mir aber, dass wir die Krisen stets nutzen konnten, um uns weiterzuentwickeln und so aufzustellen, dass wir beim nächsten Aufschwung wieder gut vorbereitet sind. Gleiches haben wir auch in der Corona-Krise versucht, indem wir in einen Erweiterungsbau, Sauberkeitszonen, optimierte Materialflüsse und Digitalisierung investiert haben.

Stichwort Erweiterungsbau. Sie glauben trotz hohen Lohnkosten und starkem Franken weiter an den Werkplatz Schweiz und konnten vor kurzem eine neue Produktionshalle einweihen. Erzählen Sie uns ein bisschen darüber. Was wird dort produziert? Warum dieser Schritt?

M. Wandfluh: Die neue Produktionshalle ist ein Projekt, welches bereits vor über zehn Jahren angestossen wurde. Mit einem Provisorium haben wir damals auf Verzögerungen beim Baugesuch reagiert, aber uns war immer klar, dass wir hier eine nachhaltige Lösung benötigen. Die Produktionshalle ermöglicht uns die Unterteilung der Produktion in verschiedene Sauberkeitszonen und die Optimierung und Automatisierung von Logistikprozessen. Zudem erlaubt uns dieser zusätzliche Platz, weiter zu wachsen und in neue Maschinen zu investieren. Diese sind zwingend nötig, damit wir hier am Standort Schweiz wettbewerbsfähig bleiben können.

Die Hydraulik hat oft zu Unrecht den Ruf, laut, dreckig und ineffizient zu sein.

Matthias Wandfluh, CEO Wandfluh AG

Wo sehen Sie denn die besonderen Stärken des Werkplatzes Schweiz?

M. Wandfluh: Eine besondere Stärke der Schweiz sehe ich in der Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal und im dualen Bildungssystem. Die Schweiz hat es wie kaum ein anderes Land geschafft, die Berufslehre als Alternative zum Hochschulstudium zu etablieren und eine Durchlässigkeit der Systeme sicherzustellen. Gerade für Unternehmen in Randregionen bietet die Ausbildung von Lernenden eine sehr gute Möglichkeit, neue Mitarbeitende zu gewinnen und diese für eine Karriere innerhalb des Unternehmens vorzubereiten. Weitere Stärken sehe ich in der Flexibilität unseres Arbeitsmarkts und dem unkomplizierten Umgang mit den Behörden.

Und welches sind die Schwächen des hiesigen Werkplatzes?

M. Wandfluh: Für exportorientierte Unternehmen wie die Wandfluh-Gruppe waren die vergleichsweise hohen Lohnkosten sowie die Währungsentwicklung des starken Frankens stets eine Herausforderung. Dies zwingt uns, dranzubleiben und uns ständig zu verbessern – sei es mittels (Teil-)Automatisierung von Prozessen oder Fokus auf neue Innovationen oder auf technisch anspruchsvolle Nischenprodukte.

Die Covid-19-Situation ist eine absolute Ausnahmesituation, gab es auch positive Erkenntnisse, die Sie aus der Situation gezogen haben?

M. Wandfluh: Ich bin überzeugt, dass jede Krise auch ihr Positives hat. So konnten wir im Zuge der Corona-Krise einen weiteren Schritt in Richtung Digitalisierung machen und die Zusammenarbeit mit unseren Auslandsgeschäften unter Nutzung moderner Kommunikationstools sogar intensivieren. Auch hat uns die Krise gezeigt, welchen Effekt Hygienemassnahmen auf die Gesundheit unserer Mitarbeitenden haben. So haben wir im vergangenen Jahr einen deutlichen Rückgang an Krankheitstagen verzeichnet, obwohl die Mitarbeitenden bereits bei geringsten Symptomen zum Zuhausebleiben angewiesen wurden.

Ihr Unternehmen befasste sich bereits früh mit der Integration von Elektronik in die Hydraulik. Wie geht dieser Trend in Folge der anhaltenden Digitalisierung weiter?

M. Wandfluh: Die Digitalisierung hat durch Corona einen weiteren Schub erhalten. So ist die Akzeptanz für Digitalisierung und Vernetzung auch im Bereich der Hydraulik weiter angestiegen. Durch Prozess­automatisierungen und Fernsteuerung/-wartung kann die Performance eines Hydrauliksystems deutlich erhöht werden. Dies bringt durchaus Chancen für Unternehmen, welche passende Produkte anbieten. Wandfluh darf auf über 45 Jahre Erfahrung in der Elektrohydraulik zurückblicken, gerade in der Proportionaltechnik haben wir ein sehr umfassendes Produktportfolio. Dank IO-Link-Schnittstellen, Onboard-Elektronik und auch Bluetooth sind wir für zukünftige Anforderungen hinsichtlich IoT und Industrie 4.0 bestens gerüstet.

Welche sonstigen Trends sehen Sie noch?

M. Wandfluh: Ein zweites Kernthema sehe ich in der Energieeffizienz. Die Hydraulik hat oft zu Unrecht den Ruf, laut, dreckig und ineffizient zu sein. Moderne Hydrauliksysteme beweisen das Gegenteil und können auch in der E-Mobilität ein integraler Bestandteil sein. Dies gilt insbesondere dort, wo hohe Leistungsdichte gefordert ist, wie dies beispielsweise im Bereich von Bau- oder Landmaschinen der Fall ist. Auch hier bieten wir viele passende Produkte an, welche sehr präzise angesteuert werden können, leckagefrei sind und gemäss kundenspezifischen Anforderungen speziell angepasst werden können.

Wandfluh befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Welche Unterschiede/Vorteile sehen Sie zwischen manager- und inhabergeführten Unternehmen?

M. Wandfluh: Die Hauptunterschiede sehe ich im langen Planungshorizont von Familienunternehmen und den persönlichen Beziehungen zu Mitarbeitenden, Geschäftspartnern, Kunden und Lieferanten. Hinter einem inhabergeführten Unternehmen steht eine Persönlichkeit, welche mit ihrem Namen für die Qualität und Zuverlässigkeit der Firma steht – und dies oft über Jahrzehnte hinweg. Dies fördert das gegenseitige Vertrauen und gibt allen Beteiligten zusätzliche Sicherheit.

Die Wandfluh AG ist seit der Gründung stetig gewachsen und feiert dieses Jahr bereits ihr 75-jähriges Bestehen. Was wünschen Sie sich fürs 100-jährige Jubiläum der Firma?

M. Wandfluh: Ich wünsche mir, dass wir über die nächsten Jahre weiter organisch wachsen und gleichzeitig an unseren Werten und Idealen festhalten können. Mein Ziel ist es, ein modernes und erfolgreiches Unternehmen an die nächste Generation weitergeben zu können. SMM

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