Interview mit Roland Häfliger, Geschäftsführer und Verwaltungsrat Jato-Düsenbau AG «Ich bin echt stolz auf mein Team»

Autor / Redakteur: Anne Richter / Anne Richter

Die Jato-Düsenbau AG mit Sitz in Luzern ist Welt-​marktführer im Bereich Düsenbau. Hochwertige Produkte und Liefertreue stehen ganz oben auf der Agenda. Über die aktuellen Herausforderungen sprach SMM mit Roland Häfliger, Geschäftsführer und Verwaltungsrat Jato-Düsenbau AG.

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Roland Häfliger: «Dies nahmen wir als Chance wahr und haben unsere Abläufe und Prozessen noch mehr optimiert und Verschwendungen eliminiert.»
Roland Häfliger: «Dies nahmen wir als Chance wahr und haben unsere Abläufe und Prozessen noch mehr optimiert und Verschwendungen eliminiert.»
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Das vergangene Jahr wird wohl allen in Erinnerung bleiben. Wie ist es für die Jato-Düsenbau AG verlaufen?

Roland Häfliger: Wir hatten trotz der schwierigen Umstände und der grossen Unsicherheiten ein gutes Jahr. Wir konnten viele neue Projekte angehen und etliche Erfolgserlebnisse einfahren. Das Covid-​Jahr war anstrengend, aber erfolgreich. Wir sind glücklich, dass wir nur einen milden Coronafall in der Firma hatten und die Mitarbeiter und deren Familien gesund blieben.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf Ihr Unternehmen?

R. Häfliger: Vor allem die Unsicherheit war am Anfang ein grosses Problem. Wir waren unsicher, was man ändern sollte und welche Veränderungen wirklich wirken. Die täglichen News, bei denen auch viel Unwahres dabei war, haben da sicherlich nicht geholfen. Wir haben früh bereits alles Menschenmögliche gemacht, um die Mitarbeiter zu schützen und um unsere Kunden weiterhin mit einem top Service zu beliefern. Letztere, und dies war vor allem ganz am Anfang schwierig, bombardierten uns mit Mails, um die Versorgungssicherheit gewährleistet zu wissen. Bei weltweitem Versand und der Zeitverschiebung war das teilweise eine grosse Herausforderung. Zudem sollte man plötzlich Krisenpläne vorweisen. Ich denke, wir haben gut kommuniziert und waren gut darauf eingestellt. Verschiedene Szenarien haben wir vorbereitet, konnten aber zum Glück den grössten Teil in der Schublade lassen. Ich bin echt stolz auf mein Team, dass alle Lieferungen pünktlich unser Haus verlassen haben und wir gemeinsam diese Situation meistern konnten. Dies durch Mehrarbeit bzw. auch durch sehr flexible Arbeitszeiten. Zum Glück mussten wir weder Kurzarbeit anmelden, noch den Covidkredit beantragen. Auf der anderen Seite war in einigen Bereichen auch weniger Arbeit vorhanden. Doch dies nahmen wir als Chance wahr und haben unsere Abläufe und Prozesse noch mehr optimiert und Verschwendungen eliminiert. Zudem konnten wir endlich die neuen Montagearbeitsplätze bauen und sind dadurch noch viel effizienter in der Endfertigung geworden.

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Wie hat sich die Pandemie auf die Nachfragesituation ausgewirkt?

R. Häfliger: In einigen Branchen spürte man den Druck durch Covid sehr. Einige Stahlwerke produzierten keinen Stahl mehr, dadurch benötigt es natürlich auch weniger Düsen, um den flüssigen Stahl gleichmässig abzukühlen. In der Turbinentechnik für die Herstellung von Strom oder in der Lebensmittelindustrie konnten wir bedeutend mehr umsetzen. Düsen, welche Gas oder Dieselgemisch in die Turbine eindüsen, oder Düsen, welche Lebensmittel herstellen oder abfüllen, wurden deutlich mehr bestellt. Zudem haben wir einige grössere Bestellungen an Desinfektionsdüsen erhalten und in die ganze Welt versendet. Ein weiterer Meilenstein war die Entwicklung eines Desinfektionsbots. Der Bot ist eine Zentralschweizer Coproduktion. Die Firma Novapura aus Rotkreuz, Produzent von Desinfektionsmitteln und -systemen, übernimmt den Vertrieb. Die Firma Jato-Düsenbau aus Luzern steuert die Sprühvorrichtung mit den Düsen und das Edelstahlgehäuse bei. Und der Robotik-Experte Aurovis aus Alpnach ist für elektrische Komponenten, Bordcomputer und die gesamte Programmierung zuständig. Seit Januar ist der autonome Desinfizierungsroboter Aseptobot auf dem Markt und beseitigt Viren, Bakterien, Pilze, Sporen. Auch gegen Covid-19 ist das Desinfektionsmittel, das der Bot versprüht, wirksam – das wurde extra getestet und zertifiziert. Für die bedienende Person läuft die Des­infektion komfortabel ab, denn der Bot hat den kompletten Prozess einprogrammiert und erledigt alles von alleine. Der Vertriebsfokus liegt auf Alters- und Pflegeheimen, Spitälern, Gesundheitszentren und Hotels.

Welche weiteren Herausforderungen mussten Sie während der Pandemie meistern?

R. Häfliger: Die Coronakrise hat auch unser Unternehmen unerwartet getroffen. Vor einem Jahr, als wir in Luzern noch die fünfte Jahreszeit, die Fasnacht, zelebrierten, hätte sich dies niemand vorstellen können. Ich persönlich finde es eine Herausforderung, die Geschäfte mit viel mehr Distanz abzuwickeln. Ehrlich gesagt fehlt es mir, den Kunden und Lieferanten auf Augenhöhe und auf Augenkontakt physisch gegenüberzutreten und ihnen die Hand zu schütteln. Dies gilt auch für die Mitarbeiter. Ihnen ein lobendes Händeschütteln oder Schulterklopfen zu geben, ist momentan nicht zulässig, selbst ein Lachen ist wegen der Masken nur schwer zu erkennen. Die vielen Remote Meetings und das Wegfallen des physischen Kontakts sind schon ein Problem. Und als Luzerner aktuell nicht die rüüdige Zeit zu geniessen, keine Freunde zu umarmen und keine Guggenmusigen zu hören, ist echt hart. Umso schöner wird dann hoffentlich die Fasnacht 2022 ohne Corona.

Wie haben Sie auf die Situation reagiert? Welche Massnahmen haben Sie getroffen?

R. Häfliger: Zum Glück konnten wir agieren, weil wir schon Konzepte für solche Szenarien in der Schublade hatten bzw. ich solche Pandemieszenarien in der Armee als Stabsoffizier durchspielen durfte. Als Erstes haben wir im Frühjahr alle als Risikokandidaten taxierten Mitarbeiter nach Hause geschickt. Da wir weiterproduzieren mussten und auch durften und folglich nicht alle ins Homeoffice entsenden konnten, haben wir noch viele weitere Massnahmen ergriffen. Neben Desinfektionsmöglichkeiten waren es selber produzierte Türöffner, eine Fiebermessstation, Trenn- und Stellwände, eine Reinigungsmannschaft, welche Türfallen und Handläufe desinfiziert, zeitversetztes Arbeiten, die physische Trennung von Abteilungen und noch etliches mehr. Wir haben die Pausenzeiten erweitert, sodass in der Morgen- und in der Mittagspause nicht mehr so viele Mitarbeiter aufeinandertreffen. Bereits bevor der Bundesrat die Maskenpflicht einberufen hat, haben wir diese eingeführt. Die Büromitarbeiter, welche neben Verkauf und Einkauf auch noch Logistik und Versandaufgaben haben, wurden räumlich getrennt. Dies war dank unseres komfortablen Neubaus problemlos möglich. Da sowieso keine Sitzungen mehr stattfanden, ist beispielsweise aus dem grossen Sitzungszimmer ein Arbeitsplatz geworden. Dieser Mitarbeiter wird nach Corona bestimmt seinen grossen Tisch vermissen, aber sich umso mehr auf seine Kollegen freuen.

Die Düsen für die Stahlindustrie werden heute auf vier verschiedenen Anlagen gefertigt und sollen zukünftig auf dieser einen Anlage komplett hergestellt, montiert, geprüft, dokumentiert und verpackt werden.

Roland Häfliger, Geschäftsführer und Verwaltungsrat Jato-Düsenbau AG

Was sind die Herausforderungen, denen Sie momentan gegenüberstehen?

R. Häfliger: Eine der grössten Herausforderungen aktuell ist, dass die vor über 1,5 Jahren bestellte Drehmaschine noch immer nicht geliefert wurde. Der deutsche Maschinenhersteller kämpft damit, dass seine Zulieferer ihn nicht beliefern können, dies weil diese entweder coronabedingt nicht arbeiten oder leider, wegen zu wenig Arbeit, schliessen mussten. Obwohl der Maschinenhersteller nur zirka drei Stunden von uns entfernt ist, sind physische Treffen und das Besprechen von Lösungen für die Automation aufwendig und schwierig. Eine Teamsitzung – auch wenn in vielen Situationen wichtig und zukünftig auch richtig – kann hier leider ein physisches Treffen nicht ersetzen. Die neue Maschine, welche nun Anfang Mai ausgeliefert werden soll, wird bei uns die Fertigung eines Bauteils in Perfektion automatisieren. Die Düsen für die Stahl­industrie werden heute auf vier verschiedenen Anlagen gefertigt und sollen zukünftig auf dieser einen Anlage komplett hergestellt, montiert, geprüft, dokumentiert und verpackt werden. In diesem Bereich sind wir voll im Verdrängungsmarkt. Eine frühzeitigere Lieferung der super Anlage hätte geholfen, die Preise zu senken und den Markt früher aktiv zu bearbeiten. Denn wir wollen weiterhin die Qualitätsführerschaft haben, folglich mit dem langlebigsten Produkt überzeugen und trotzdem zu einem sehr attraktiven und konkurrenzfähigen Preis verkaufen.

Was erwarten Sie von Politik und Gesellschaft in Bezug auf die Covid-19-Pandemie?

R. Häfliger: Es gibt immer zwei Medaillenseiten. Der Infektionsschutz und Insolvenzvermeidung sind meiner Meinung nach zwei sehr wichtige Punkte. Ich habe die Erwartung an die Politik, dass transparent, ehrlich und offen kommuniziert wird. Im Grossen und Ganzen hat die Landesführung meiner Meinung nach einen guten Job gemacht. Jeder, der Entscheidungen treffen muss oder darf, weiss, dass eine Entscheidung für den Moment immer richtig ist. Ob diese Entscheidung in einer Sekunde, einer Stunde oder in einem Monat immer noch die richtige sein wird, ist immer ungewiss. Auch wenn ich persönlich nicht immer kongruent mit den Entscheidungen war, wie zum Beispiel die Aussage, Maskenpflicht nütze nichts oder dass Schulen offen bleiben, finde ich das Mittragen sehr wichtig. Eines ist auch klar, eine Entscheidung hat immer seine Kritiker und Befürworter. Man kann es nie jedem recht machen.

Wie ist Ihre Erwartungshaltung in Bezug auf das Jahr 2021?

R. Häfliger: In Bezug auf das Jahr 2021 erwarte ich eine langsame Beruhigung, dass ab Mai, spätestens Sommer, ein wenig Normalität einkehrt und wir uns langsam, aber stetig wieder in Normalität begegnen können. Geschäftlich und wirtschaftlich erhoffe ich mir, dass wir wieder viele neue Projekte und Aufgaben erarbeiten bzw. lösen dürfen und dass alle Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten und ihre Liebsten gesund bleiben können.

Konnten Sie auch positive Erkenntnisse aus der Situation ziehen? Gibt es coronabedingte Veränderungen, die Sie positiv einschätzen?

R. Häfliger: Erneut möchte ich die Medaille als Vorlage nehmen. Es gibt immer eine Vorder- und eine Rückseite, und in jeder Situation findet man positive wie auch negative Aspekte. Da wir aber nur nach vorne schauen wollen bzw. nur die Zukunft beeinflussen können, wollen wir noch stärker und noch kundenorientierter aus der Krise kommen. Ich hoffe, dass wir demütig bleiben und schätzen, was wir haben bzw. uns an den wichtigen Werten im Leben erfreuen. Damit meine ich Familie und Freunde, das Soziale und damit auch die Firmenfamilie mit Kunden und Lieferanten. Ich hoffe weiter, dass sich die globalisierte Gesellschaft wieder stärker zurück zu lokalen Strukturen entwickelt. Dass wieder mehr Wert denn je auf regionale Erzeugnisse gelegt wird. Die Kartoffel vom Bauern nebenan ist die neue Avocado. Die Düsen von nebenan und nicht jene aus dem fernen Ausland sind der Problemlöser im Prozess des Kunden. Eines ist klar: Das gemeinsame Überstehen der Krise verhilft zu einem neuen, achtsamen Umgang miteinander. Ich freue mich schon jetzt auf den ersten Kunden, dem ich die Hand schütteln darf. SMM

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