Interview mit dem Baumer-CEO Oliver Vietze

«Industrie 4.0 beginnt mit dem Sensor»

| Autor / Redakteur: Silvano Böni / Silvano Böni

«Bei Baumer wird Nachhaltigkeit gross geschrieben. Darunter verstehen wir Achtsamkeit gegenüber Menschen und den Ressourcen der Natur, aber auch das nachhaltige Denken und Handeln aus ökonomischer Sicht.» Oliver Vietze, CEO Baumer Group
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«Bei Baumer wird Nachhaltigkeit gross geschrieben. Darunter verstehen wir Achtsamkeit gegenüber Menschen und den Ressourcen der Natur, aber auch das nachhaltige Denken und Handeln aus ökonomischer Sicht.» Oliver Vietze, CEO Baumer Group (Bild: Baumer)

Baumer gehört zu den international führenden Sensorik-Anbietern und schaut auf eine bald 70-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Grund genug, uns mit dem Geschäftsführer Oliver Vietze über die Sensoren aus Frauenfeld, den Werkplatz Schweiz sowie die Digitalisierung der Industrie zu unterhalten. Hinweis: Das Interview mit Oliver Vietze fand bereits Ende Februar statt und spiegelt daher nicht unbedingt die aktuelle Situation der Schweizer Wirtschaft wider.

Der Werkplatz Schweiz leidet seit 2015 arg unter der Frankenstärke. Wie ist Baumer durch diese schwierigen Jahre gekommen?

Oliver Vietze: Die Frankenstärke hat uns in den letzten Jahren auch bei Baumer stark beschäftigt und Spuren hinterlassen. Mit unserem internationalen Set-up – mittlerweile sind zwei Drittel unserer weltweit rund 2700 Mitarbeiter an 18 internationalen Standorten angestellt – konnten wir die Situation aber abfedern und auch in der Schweiz weitere Arbeitsplätze schaffen und weiter investieren.

Welche Massnahmen wurden ergriffen, um diese Situation zu meistern?

O. Vietze: Wir sind bereits seit vielen Jahren mit unserer Lean-Six-Sigma-Kultur daran, uns ständig zu verbessern und Prozesse zu optimieren. In den letzten Jahren haben wir diese Aktivitäten, insbesondere auch unter Nutzung der Möglichkeiten der Digitalisierung, in allen Geschäftsbereichen und Prozessen weiter verstärkt. Nebst der Prozessoptimierung haben wir unsere Investitionen in neue, innovative und smarte Produkte und in die Digitalisierung der Kundenschnittstellen stark erhöht. Das Thema Industrie 4.0 spielt uns da in die Hände: Sensoren sind ein Schlüssel. Stagnierendes Wachstum in der Schweiz konnten wir mit grossem Erfolg in Asien überkompensieren.

Und wie ist für Baumer das vergangene Geschäftsjahr 2019 verlaufen?

O. Vietze: Nach erfreulichem Wachstum in den Vorjahren hat das Jahr 2019 noch gut angefangen und wir konnten Schwung aus dem Vorjahr mitnehmen. Ab Mitte des Jahres aber wurde es schwieriger, zumal auch der Frankenkurs wieder erstarkte, was sich in unserem konsolidierten Umsatz in Schweizerfranken mit einem Minus von rund 3 Prozent in 2019 widerspiegelt. In Euro gerechnet konnten wir dem Umsatz halten.

Baumer befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Sehen Sie entscheidende Unterschiede zwischen manager- und inhabergeführten Unternehmen?

O. Vietze: Als Familienunternehmer in zweiter Generation kenne ich aus eigener Erfahrung nur diesen Typ Unternehmen. Bei Baumer wird Nachhaltigkeit grossgeschrieben. Darunter verstehen wir Achtsamkeit gegenüber Menschen und den Ressourcen der Natur, aber auch das nachhaltige Denken und Handeln aus ökonomischer Sicht. Wir investieren langfristig orientiert und fokussieren nicht auf Monats- oder Quartalsergebnisse. Mit Boni-Modellen haben wir bereits vor zehn Jahren aufgehört. Wir zahlen leistungsorientierte Festgehälter. Das hat bei uns dazu geführt, dass sich unsere Mitarbeiter – auch die im Vertrieb – langfristig für unsere Kunden und für das Unternehmen einsetzen und nicht dem schnellen Auftrag hinterherrennen. Insbesondere in der Schweiz war das wichtig, da wir als Marktführer in der Sensorik für Fabrikautomation sehr viele Kunden haben, welche die Maschinen und Anlagen in der Schweiz entwickeln und konstruieren, aber ausserhalb der Schweiz produzieren. Die Motivation zur optimalen Betreuung unserer Kunden bleibt somit hoch, auch wenn der Umsatz im Ausland fakturiert wird. Wir konnten hier ein tolles Teamplay innerhalb des globalen Vertriebsteams erreichen. Ebenfalls schätzen unsere Mitarbeiter die flachen Hierarchien, kurzen Wege und schnellen Entscheidungen.

Industrie 4.0 kommt ins Rollen und gerade Sensoren sind eine Schlüsselkomponente für die Realisierung einer smarten Produktion. Welche Chancen ergeben sich dadurch für Baumer?

O. Vietze: In der Tat, Sensoren sind ein Schlüssel für die «Smarte Produktion». Industrie 4.0 beginnt mit dem Sensor. Die Motivation unserer Kunden sind die «Flexible Produktion», «Total Cost of Ownership» über den «Equipment Lebenszyklus», sowie die «Over all Effectiveness» der Produktionsanlagen. Die Themen sind nicht neu. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation mittels IO-Link und dem Industrial Ethernet bis in die Sensorebene ergeben sich jedoch ganz neue Möglichkeiten. Heutige «Smart Connected»-Sensoren liefern weit mehr als nur den Schaltzustand. Und das beginnt schon beim einfachen Induktivsensor. Die zunehmende Automatisierung von Prozessen spielt uns hier in die Hände.

Wie hebt man sich da noch vom Mitbewerber ab? Mit was kann Baumer auftrumpfen?

O. Vietze: Je autonomer eine Maschine oder Anlage laufen soll, desto wichtiger sind präzise und zuverlässige Sensorsignale und Daten. In einer mannlosen Fertigung steigen die Folgekosten erheblich, wenn die Anlagen wegen dem Ausfall einer Komponente stehen. Mehr und mehr Kunden erkennen für sich, dass nicht nur die Beschaffungskosten relevant sind, sondern die Gesamtkosten der Maschine oder Anlage über den gesamten Lebenszyklus. Die Performance und Zuverlässigkeit der Sensoren wird da immer wichtiger. Viele unserer Produkte sind hier einfach besser.

Die digitale Schnittstelle zu unseren Kunden ist ein weiterer Schlüssel. Entscheidend ist nicht nur der Sensor als Komponente, sondern immer häufiger diskutieren wir mit unseren Kunden die Integration der Lieferanten-Kunden-Schnittstelle über den ganzen Prozess – von der Bestellung über die Auslieferung bis zum After Sales. Wir haben viel in modernste Softwarearchitektur rund um unsere SAP-Plattform investiert, um unseren Kunden bei der Digitalisierung ihrer Prozess- und Produktionsabläufe einen Mehrwert bieten zu können.

In unserem Sonderheft dreht sich alles um den Werkplatz Schweiz. Wo sehen Sie die besonderen Stärken des hiesigen Werkplatzes?

O. Vietze: Der Werkplatz Schweiz hat viele Stärken. Wir profitieren von der zentralen Lage in Europa. Von unserem Headquarter in Frauenfeld aus sind wir mit dem Zug in 25 Minuten am Flughafen Zürich, von wo aus es einfach ist, mit Direktflügen die weltweit wichtigsten Destinationen zu erreichen. Unser liberaler Arbeitsmarkt ist nach wie vor ein Vorteil und dadurch beeinflusst eine im Vergleich zum Ausland durchschnittlich doch noch etwas höhere Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter. Weitere Stärken liegen in der guten Ausbildung – im starken dualen CH-Bildungssystem. Wir pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit den hervorragenden Fach- und Hochschulen in der Ostschweiz. Nicht zuletzt ist auch die Rechtssicherheit eine Stärke, speziell im Hinblick auf langfristige Investitionen. Diese hat allerdings leider in den letzten Jahren gelitten.

Welche Schwächen hat der Werkplatz Schweiz?

O. Vietze: Mit grosser Sorge sehe ich, dass die Fremdenfeindlichkeit und wirtschaftsfeindlichen Initiativen mehr und mehr diese letzten Vorteile gegenüber dem europäischen Ausland aufs Spiel setzen. Es ist heute schon absehbar und offensichtlich, dass durch die demografische Entwicklung bereits in 10 bis 15 Jahren in der Schweiz mehrere Hunderttausend Arbeitskräfte fehlen werden. Wir sind also auf Einwanderung angewiesen, um den Werkplatz, die Sozialsysteme und damit unseren Wohlstand zu halten. Mit Sorge betrachte ich auch die wachsende Bürokratie und, dass der Wohlstand der Schweiz – auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen – von einer guten Zusammenarbeit mit dem Ausland abhängig ist. Gerade zu diesem Thema läuft es derzeit nicht rund.

Der Fachkräftemangel macht sich nach wie vor bemerkbar. Wie begegnet Baumer diesem?

O. Vietze: Der Fachkräftemangel wird in den nächsten Jahren wohl eine der grössten Herausforderungen für Europa und insbesondere auch für die Schweiz werden. Einige Jobs werden sich durch Roboter und Software ersetzen lassen, aber speziell im Innovationsbereich steht nach wie vor der Mensch im Zentrum. Bei Baumer bieten wir ein teamorientiertes, fortschrittliches Arbeitsumfeld und investieren viel, um uns als Arbeitgeber weiterzuentwickeln. Hierzu gehören unter anderem eine moderne Infrastruktur, flexible Arbeitsmodelle, vor allem aber sinnstiftende Aufgaben und ein guter Spirit mit Leidenschaft im Team.

Baumer schaut auf eine bald 70-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Welches sind die grössten Herausforderungen, denen sich das Unternehmen jetzt stellen muss?

O. Vietze: Der Wandel der Welt geht weiter. Die Hausaufgaben haben in den letzten Jahren stark zugenommen und werden auch in Zukunft nicht kleiner. Internationalität, Komplexität, Arbeitsmarkt und Digitalisierung werden die Welt weiterhin stark verändern. Ich sehe das allerdings auch als Chance. Wir bei Baumer haben unsere aktuelle Strategie auf diesen Wandel ausgerichtet. Wir sind bereit, die Zukunft mit einer motivierten, agilen Mannschaft, smarten Produkten, Neugierde, Mut und finanzieller Stärke mit unseren Partnern und Kunden zu gestalten. SMM

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