EMS-Renaissance erwartet

Industrie 4.0 bringt Fertigung nach Europa zurück

| Redakteur: Franz Graser

Michael Ford von Mentor Graphics ist der Überzeugung, dass Industrie 4.0 den europäischen Elektronikfertigern eine Renaissance bescheren wird.
Michael Ford von Mentor Graphics ist der Überzeugung, dass Industrie 4.0 den europäischen Elektronikfertigern eine Renaissance bescheren wird. (Bild: Mentor Graphics)

Michael Ford, Senior Marketing Development Manager bei Mentor Graphics, hält die Elektronikproduktion in Asien für ein Auslaufmodell. Dank der Effizienzsteigerungen durch Industrie 4.0 kann die Fertigung in Europa aus seiner Sicht wieder Boden gutmachen.

Im Vorfeld der diesjährigen Productronica kursierte ein Papier, das den deutschen EMS-Fertigern ein Massensterben voraussagte. Das Beratungshaus FAMAS sah voraus, dass 200 der rund 300 noch in Deutschland aktiven Fertigungsdienstleister in den kommenden 15 Jahren den Weg in die Insolvenz antreten werden.

Die Gründe für diese düstere Prognose: Hoher Margendruck (vor allem aufgrund der Konkurrenz durch asiatische Anbieter), geringe Profitabilität der EMS-Unternehmen und zu geringe Spezialisierung. Michael Ford, den Senior Marketing Development Manager von Mentor Graphics, sieht das allerdings anders. Er erwartet eine Renaissance der Elektronikfertigung in Europa und nicht zuletzt in Deutschland.

Der Optimismus des Briten fusst auf dem Begriff Industrie 4.0. „Die Industrie 4.0 wird eine Revolution im Bereich der Fertigung auslösen“, sagt Ford. Der Produktivitätsgewinn durch die Digitalisierung und Vernetzung der Fertigung wiege den Vorteil Chinas aufgrund der niedrigen Lohnkosten im Reich der Mitte mehr als auf.

„Wenn man die Kosten zwischen Deutschland und China vergleicht, glaubt natürlich jeder, dass China billiger ist“, erläutert Ford. Doch der Mentor-Mann fährt fort: „Wenn man sich aber den gesamten Geschäftsprozess ansieht, einschliesslich der Logistik und des Wertverlustes der Produkte durch den Transport über das Meer, dann übersteigen diese Kosten die Fertigungskosten bei weitem!“

Der Mentor-Marketier führt Apple, den Goldstandard für profitable Elektronikprodukte, als Beispiel an: „Apple sagt – diese Zahlen sind öffentlich zugänglich –, dass nur zwei Prozent ihrer Produktionskosten auf die Fertigung in China entfallen. Das muss man sich vor Augen halten: Zwei Produkt des Produktpreises. Warum verlieren wir überhaupt einen Gedanken darüber? Das macht doch keinen Unterschied! Bezahlt den Arbeitern in Deutschland ruhig das Zehnfache der Leute in China, und mit den Produktivitätsverbesserungen von 30 Prozent und mehr, die Industrie 4.0 bringt, ist der lokale Fertiger, der näher am Kunden ist, kosteneffektiver als der Betrieb in China.“

Den Einwand, dass der chinesische Fertiger seinerseits durch die Implementierung von Industrie-4.0-Prinzipien den Kostenvorteil wieder aufholen könne, lässt Ford nicht gelten. Sein Hauptargument: „Die Entfernung zwischen China und Deutschland lässt sich nicht abkürzen. Entweder liefert man die Produkte per Luftfracht aus und zerstört damit die Umwelt oder man verschifft sie per Frachtschiff, was sechs bis acht Wochen dauert. Inzwischen verlieren die Produkte an Wert, dann müssen Sie noch die Kapitalbindung aufgrund der ganzen Produkte auf dem Schiff bedenken. Das macht sehr viel mehr aus als die ein oder zwei Prozent Fertigungskosten.“

Treibt man die Prinzipien von Industrie 4.0 auf die Spitze, dann ist eine lokale Fertigung für lokale Märkte laut Michael Ford durchaus nicht unrealistisch. „Stellen wir uns einmal vor, wie viele elektronische Produkte in einer Stadt wie München verbraucht werden. Das sollte genug sein, um zwei oder drei Fabriken komplett auszulasten.“ Die Achillesferse ist für Ford allerdings der Produktwechsel an der Maschine.

Für den Mentor-Marketier ist es deshalb entscheidend, die Material-Setups für die Fertigungslinien dynamisch zu erzeugen. „Das ist der Schlüssel, der die Produktivität für High-Mix-Betriebe steigern kann. Dadurch bleiben die EMS-Unternehmen effizient, und sie bekommen gleichzeitig die Flexibilität, die täglichen Änderungen im Bedarf in den Griff zu bekommen.“ Das treffe nicht nur auf die SMT-Prozesse zu, sondern auch auf die nachgelagerten Vorgänge wie Inspektion und Test.

„Wir können Industrie 4.0 über unser Software-Interface anbinden“, zeigt sich Michael Ford zuversichtlich. „Wir können auch den Materialfluss steuern, so dass wir ganz genau wissen, dass die Materialien und die Bauteile zu jedem Zeitpunkt verfügbar sein werden.“

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