Interview mit Michael Hauser, CEO Tornos Gruppe Positiver Trend trotz schwieriger Lage

Autor / Redakteur: Anne Richter / Anne Richter

Für die Werkzeugmaschinenhersteller war das vergangene Jahr eine noch nie dagewesene Situation. Zur strukturellen Krise kam die Covid-19-Pandemie. Im Interview mit dem SMM berichtet Tornos-CEO Michael Hauser, welche Herausforderungen der Hersteller von Langdrehautomaten und Mehrspindelmaschinen meistern musste.

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«Im Jahr 2021 ist es mehr denn je unsere Aufgabe, unsere Flexibilität weiter zu stärken.» Michael Hauser, CEO Tornos Gruppe
«Im Jahr 2021 ist es mehr denn je unsere Aufgabe, unsere Flexibilität weiter zu stärken.» Michael Hauser, CEO Tornos Gruppe
(Bild: Tornos)

SMM: Das letzte Jahr wird wohl allen in Erinnerung bleiben. Wie ist es für Tornos verlaufen?

Michael Hauser: Wir blicken auf ein sehr schwieriges Jahr zurück. Die Covid-19-Krise hat uns zu Beginn des Jahres mit voller Wucht getroffen. Wir waren einer noch nie dagewesenen Veränderung und Unsicherheit ausgesetzt. Am Anfang haben wir noch versucht dagegenzuhalten. Doch ab April war einfach nichts mehr möglich. Die Grenzen waren geschlossen und wir konnten teilweise keine Maschinen mehr ausliefern. Die Techniker durften nicht reisen und die Maschinen konnten nicht in Betrieb genommen werden. Hinzu kam, dass auch einige Zulieferunternehmen nicht liefern konnten. Dieser entstandene Umsatzverlust konnte auch später nicht wieder aufgeholt werden.

Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat die Covid-19-Pandemie auf Ihr Unternehmen?

M. Hauser: Wir haben fast 50 Prozent unseres Umsatzes gegenüber dem Vorjahr verloren. Mit solch einem starken Rückgang hatten wir nicht gerechnet, und ein Verlust war trotz schnell eingeleiteter Massnahmen nicht zu vermeiden. Wir haben einen Verlust von fast 30 Millionen Schweizer Franken verzeichnen müssen. Als Wermutstropfen bleibt, dass wir weiterhin über eine solide Eigenkapitaldecke und genügend Liquidität verfügen. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass von den Verlusten 18 Millionen CHF nur auf dem Papier bestehen. Dabei handelt es sich um Wertberichtigungen auf unsere Warenvorräte. Diese ausreichenden Warenvorräte werden uns helfen, wieder aktiv am Wachstum partizipieren zu können, wenn die Konjunktur anzieht.

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Wie hat sich die Pandemie auf die Nachfragesituation ausgewirkt?

M. Hauser: Diese Pandemie kam zu dem Abschwung in der Werkzeugmaschinenindustrie hinzu, der bereits Anfang 2019 begonnen hatte. In Verbindung mit dem strukturellen Nachfrageeinbruch in der Automobilindustrie hatte die Covid-19-Krise massive Auswirkungen auf den Auftragseingang und den Umsatz des Konzerns. Die Bestellungen nahmen gegenüber dem Vorjahr um 28 Prozent ab. Einzig China entwickelte sich mit einem Plus von 40 Prozent positiv gegenüber dem Vorjahr.

Welche weiteren Herausforderungen mussten Sie während der Pandemie meistern?

M. Hauser: Zunächst mussten wir den Schutz unserer Mitarbeiter sicherstellen. Das war anfangs gar nicht so einfach, weil wir noch nie zuvor in solch einer Situation waren. So musste das ganze Schutzkonzept erst noch entwickelt werden. Dazu kamen operative Themen. Weil Kunden oder deren Kunden ihre Werke schliessen mussten, kam es zu Verschiebungen von Auslieferungen von Kundenmaschinen. Das musste organisiert werden. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir in der Lage waren, ganz kurzfristig dringend benötigte Maschinen für die Fertigung von Bauteilen von Beatmungsgeräten zu liefern. Um der hohen Nachfrage nach Beatmungsgeräten zu Anfang der Pandemie nachkommen zu können, hat der Schweizer Hersteller Hamilton kurzfristig seine Produktion um 50 Prozent erhöht. Hier konnten wir mit zusätzlichen Maschinenlieferungen aktive Hilfe leisten. Aber auch intern mussten wir uns völlig neu organisieren. Das Thema Homeoffice war völlig neu für uns. Ausserdem mussten wir sicherstellen, dass im Quarantänefall die Produktion aufrechterhalten werden konnte. In vielen Ländern erschwerten uns zusätzlich die Lockdowns das Handeln.

Wie haben Sie auf die Situation reagiert? Welche Massnahmen haben Sie getroffen?

M. Hauser: Unmittelbar nach Beginn der Pandemie war unsere erste Priorität die Umsetzung von Hygiene- und Sicherheitsstandards für unsere Mitarbeiter und Kunden, um dem Risiko einer Covid-19-Übertragung zu begegnen. Erfreulicherweise gab es in unserer gesamten Gruppe weltweit keine ernsthaften Covid-19-Fälle. Zudem haben wir schnelle und effektive Massnahmen zum Schutz der Liquidität ergriffen, Kosten reduziert und Investitionen verschoben. Wir haben für die meisten unserer Mitarbeiter in der Schweiz und in anderen Ländern Kurzarbeit eingeführt. Wir haben sehr frühzeitig mit rigorosen Kostensenkungsmassnahmen und mit der Anpassung unserer Kostenstruktur an die neuen Marktbedingungen reagiert, aber es hat leider nicht gereicht, bei einem Rückgang von 50 Prozent des Umsatzvolumens einen operativen Verlust zu vermeiden.

Was sind die Herausforderungen, denen Sie momentan gegenüberstehen?

M. Hauser: Die allgemeine wirtschaftliche Lage hat sich seit dem 4. Quartal 2020 verbessert. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, müssen wir das ganze System wieder hochfahren. Damit meine ich vor allem die Zuliefererindustrie, die unter der Pandemie sehr gelitten hat. Ausserdem sind Transport- und Stahlpreise stark am Steigen. Das ist zwar einerseits ein positives Zeichen, da es ein Ausdruck von gestiegener Nachfrage ist, andererseits werden die gestiegenen Preise aus Kostengründen eine Herausforderung für die nahe Zukunft sein.

Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation für die Werkzeugmaschinen-Industrie in der Schweiz ein?

M. Hauser: Die Exporte in der Werkzeugmaschinenbranche sind im vergangenen Jahr um 30 Prozent zurückgegangen. Das sind die stärksten Rückgänge innerhalb der MEM-Industrie. Die Lage ist zwar schwierig, aber wir sehen seit dem vierten Quartal 2020 einen positiven Trend. Und wir bekennen uns klar zum Standort Schweiz. Auch wenn wir bestimmte Maschinen, die mehr für den asiatischen Markt konzipiert sind, in Asien bauen, haben wir den Hauptsitz in Moutier. Auch Forschung und Entwicklung, die Herstellung von Schlüsselkomponenten und der High-End-Maschinen finden in der Schweiz statt.

Was erwarten Sie von Politik und Gesellschaft in Bezug auf die Covid-19-Pandemie?

M. Hauser: Von der Politik erwarte ich eine klare Perspektive für den Lockdown-Exit. Und es sollte klar kommuniziert werden, unter welchen Bedingungen welche Massnahmen rückgängig gemacht werden. Überhaupt erwarte ich eine transparentere Kommunikation, hier sehe ich im Vergleich zu anderen Ländern einen Verbesserungsbedarf. So wird hier beispielsweise wenig über den Impfstatus berichtet, Informationen dazu muss man sich mühsam zusammensuchen. Ansonsten finde ich die Massnahmen in der Schweiz bisher konstruktiv. Wir dürfen die Wirtschaft nicht zerstören. Wichtig für uns ist, dass das Thema Kurzarbeit ebenfalls pragmatisch und unkompliziert behandelt wird und in bestimmten Fällen über 24 Monate hinaus gewährt werden sollte. Ausserdem sollten die Modalitäten für die Covid-19-Kredite des Bundes überdacht werden. Aktuell werden beispielsweise die Kreditlimite bei einer Nicht-Inanspruchnahme nach einer bestimmten Zeit gekürzt. Das schafft meiner Meinung nach einen falschen Anreiz, die Limite auszuschöpfen, ohne es wirklich zu benötigen. Und Unternehmen, die sparsam gewirtschaftet haben, haben im Notfall weniger Anspruch.

Wie ist Ihre Erwartungshaltung in Bezug auf das Jahr 2021?

M. Hauser: Für das Jahr 2021 sind wir zuversichtlich. Mit dem erwarteten Anstieg der Verfügbarkeit wirksamer Impfstoffe zur Bekämpfung von Covid-19 und ohne weitere unerwartete, pandemiebedingte Rückschläge gehen wir davon aus, dass sich die Weltwirtschaft im Jahr 2021 erholen wird. Dank unseres Produktmixes, der ein breites Leistungs- und Preisspektrum abdeckt, sind wir für eine zukünftige Markterholung gut gerüstet. Wir haben im vergangenen Jahr unsere Strukturen und Kosten an die veränderte Marktsituation angepasst und sind gut vorbereitet in das Jahr 2021 gestartet. Die vorhandenen Lagerbestände bieten dem Konzern zudem ein hohes Mass an Flexibilität, um auf einen eventuellen Nachfrageschub in diesem Jahr schnell reagieren zu können. Die positive Nachfrageentwicklung im vierten Quartal 2020 und der seit Mitte 2020 leicht gestiegene Auftragsbestand sind ermutigende Zeichen. Im Jahr 2021 ist es mehr denn je unsere Aufgabe, unsere Flexibilität weiter zu stärken. Wir werden unsere Strategie vorantreiben und in verschiedenen Märkten neue Maschinen- und Serviceprodukte einführen, um unseren Kunden einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. So haben wir beispielsweise unsere sehr erfolgreiche SwissNano 4 weiterentwickelt. Die neue Generation ermöglicht eine bis zu 40 Prozent höhere Produktivität.

Konnten Sie auch positive Erkenntnisse aus der Situation ziehen? Gibt es coronabedingte Veränderungen, die Sie positiv einschätzen?

M. Hauser: Ich denke, wir haben im Jahr 2020 gelernt, anders zu arbeiten. Obwohl wir alle hofften, bald zu einer Art Normalität zurückzukehren, gibt es einige Dinge, die wir lernen mussten und jetzt mit in die Zukunft nehmen wollen. Ich denke da vor allem an Agilität, Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Schnelligkeit bei der Entscheidungsfindung.

Vielen Dank für das Gespräch. SMM

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