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Fachkräftemangel Suche nach Fachkräften geht weiter

| Autor / Redakteur: Ursula Burkhalter Estermann und Manfred Sac, Teilnehmer/-in des Executive MBA der Hochschule Luzern – Wirtschaft. / Silvano Böni

In seltener Einigkeit machen Staat und Wirtschaft seit Jahren auf den Fachkräftemangel aufmerksam. Ob der vom Bundesrat 2013 verabschiedete Massnahmenplan im Rahmen der Fachkräfteinitiative (FKI) die gewünschte Wirkung zeigt, kann aufgrund der vorhandenen Daten und zu vieler Variablen nicht abschliessend beantwortet werden.

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Die Schweiz als global vernetzte und exportorientierte Volkswirtschaft ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Weil diese oft fehlen, beschloss das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) im Jahr 2011 die Lancierung einer Fachkräfteinitiative (FKI).
Die Schweiz als global vernetzte und exportorientierte Volkswirtschaft ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Weil diese oft fehlen, beschloss das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) im Jahr 2011 die Lancierung einer Fachkräfteinitiative (FKI).
(Bild: andyller)

Die Schweiz als global vernetzte und export­orientierte Volkswirtschaft ist auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Weil diese oft fehlen, beschloss das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) im Jahr 2011 die Lancierung einer Fachkräfteinitiative (FKI). Mit der FKI soll das inländische Fachkräftepotenzial besser ausgeschöpft und die Abhängigkeit der Schweizer Unternehmen von ausländischen Fachkräften reduziert werden. Um diese Ziele zu erreichen, erarbeiteten die zuständigen Stellen während zweier Jahre einen Massnahmenplan.

Der Plan und seine Handlungsfelder

Im November 2013 verabschiedete der Bundesrat einen Massnahmenplan zur Fachkräfteinitiative für die Jahre 2015 bis 2018. Dieser orientiert sich an folgenden vier Handlungsfeldern.

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  • Entsprechend dem Bedarf der Arbeitswelt soll die Nach- und Höherqualifizierung gestärkt werden, was auch im Sinne des lebenslangen Lernens ist.
  • Der Abbau bestehender Hürden in der Kinder- und Angehörigenbetreuung sowie ein erleichterter Wiedereinstieg in den Beruf nach Mutterschaftsurlaub sollen zu einer verbesserten Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen.
  • Um dem stetig zunehmenden Anteil der über 50-jährigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gerecht zu werden, muss der Arbeitsmarkt darauf vorbereitet sein, dass in Zukunft immer mehr Personen länger aktiv im Arbeitsleben verbleiben wollen.
  • Die Förderung von Innovationen dient auch der Entschärfung der Fachkräfteknappheit und steigert zudem die Wettbewerbsfähigkeit des Arbeitsplatzes Schweiz.

Der Fokus dieses Artikels liegt vor allem auf den Themen «Höherqualifizierung» und «Vereinbarkeit von Beruf und Familie». Nicht um damit Prioritäten bei der Umsetzung signalisieren zu wollen, sondern weil Arbeitgebende diese Handlungsfelder am ehesten aktiv beeinflussen und mitgestalten können. Dazu wurden unter anderem auch die Unternehmer Kurt Naef und Jakob Broger befragt.

Aus- und Weiterbildung

Bildung ist ein begehrter Rohstoff. So heisst es auf der Website www.fachkraefte-schweiz.ch: Um dem Fachkräftebedarf gerecht zu werden, ist entscheidend, dass die Menschen gut ausgebildet sind und deren Ausbildung auch der Nachfrage der Wirtschaft entspricht. Lanciert hatten Bund, Kantone und Sozialpartner diese Webseite gemeinsam im Mai 2016. Als eine der wichtigsten Massnahmen unternimmt der Bund Anstrengungen im Bildungsbereich, die Wirkung zeigen. Im internationalen Vergleich bringen die Jungen eine gute Grundbildung mit.

Auf der bereits zitierten Webseite des Bundes ist auch nachzulesen, dass Programme unter dem Label «Match-Prof» helfen, das Angebot und die Nachfrage an Lehrstellen aufeinander abzustimmen. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) publiziert auf seiner Homepage den Bericht zu «Match-Prof» mit folgenden, auf dem Lehrstellenbarometer basierenden Zahlen für das Jahr 2013: Von rund 95 500 Lehrstellen blieben 8500 (9 Prozent) unbesetzt. Ferner waren 16 500 Jugendliche und junge Erwachsene in Brückenangeboten, weil es ihnen nicht gelungen war, eine passende Lehrstelle zu finden.

Doch wie haben sich diese Zahlen in den Jahren verändert? Ein Blick auf die Nahtstellenbarometer der Jahre 2018 und 2019 verrät, dass vor allem bei den unbesetzten Lehrstellen keine wesentlichen Veränderungen eintraten. Den genannten Quellen ist zu entnehmen, dass Lehrstellen oft wegen ungeeigneter Bewerbungen unbesetzt bleiben und ferner seit Jahren ein genereller Rückgang an Bewerbungen festzustellen ist.


Lehrstellenvergabe, Stand August 2018

Angebotene Lehrstellen: 81 605

Vergebene Lehrstellen: 69 929 / 86 %

Nicht besetzte Lehrstellen: 11 676 / 14 %

Jugendliche in Brückenangeboten: 7413 / 10 %

Lehrstellenvergabe, Stand August 2019

Angebotene Lehrstellen: 90 173

Vergebene Lehrstellen: 79 173 / 88 %

Nicht besetzte Lehrstellen: 11 000 / 12 %

Jugendliche in Brückenangeboten: 7466 / 10 %

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

«Frauen und Männer sollen die Möglichkeit haben, die Erwerbsarbeit und die Aufgaben in Familie und Haushalt möglichst gut in Einklang zu bringen.» Diese Forderung zahlreicher Arbeitnehmenden wurde von den Verantwortlichen der Website www.fachkraefte-schweiz.ch ebenfalls aufgenommen.

«In der metallverarbeitenden Industrie sind wir in einer von Männern dominierten Arbeitswelt», sagt Jakob Broger, Geschäftsführer der Intool AG. Mehr Frauenpower in Form von entsprechend ausgebildeten Fachkräften täte der Branche aber gut. Nur wirkten die wichtigsten, historisch gewachsenen Berufsbilder auch für aufgeschlossene Frauen wenig attraktiv. Die Fachkräfte- und Gleichstellungs­initiative des Bundes hätten daran bisher kaum etwas geändert, meint er weiter.

Die vielfältigen Anforderungen im Berufs- und Familienleben besser miteinander verbinden zu können, gehört zu den weiteren Hauptmassnahmen. Wie weit diese griffen, lässt sich aufgrund des zugänglichen Zahlenmaterials nur schlecht einschätzen. In der Beobachtungsperiode zwischen 2010 und 2016 wurden 82 000 Vollzeitstellen von Frauen im Alter zwischen 25 und 54 Jahren besetzt. (Quelle: www.fachkraefte-schweiz.ch/de/beruf-und-familie/erfolge/). Um welche Stellen es sich dabei handelt und wie viele offene Stellen von Männern besetzt wurden, gibt diese Quelle nicht preis. Da es keine Wirkungsanalyse der FKI gibt, kann nicht beurteilt werden, ob dies der Erfolg der Initiative ist. Es könnte auch sein, dass das günstige Wirtschaftswachstum der Beobachtungsperiode oder allenfalls weitere Faktoren die Zahl positiv beeinflusst haben.

Familienergänzende Betreuung, steigendes Bildungsniveau sowie das Programm «HarmoS-Konkordat» unterstützen Frauen im Beruf. Die Plattform «Topbox» bietet einen Überblick über alle erfolgreichen Programme zur Unterstützung von Beruf und Familie und zur Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau. Da keine systematische Auswertung der ergriffenen Massnahmen in Bezug auf die Chancengleichheit im Rahmen von FKI vorliegt, können weder die Erfolge noch die Misserfolge aufgezeigt werden.

Auch mit staatlicher Hilfe nicht einfach

Den Kritikern staatlicher Programme möchten sich die Unternehmer Kurt Naef, CEO der HABA-Gruppe, und Jakob Broger nicht blind anschliessen. Auch weil sie nicht abschätzen können, ob die Massnahmen genau dort greifen, wo der Bedarf an Fachkräften am grössten ist. In der Metallbranche sei es jedenfalls nicht einfach, Vakanzen mit geeignetem Personal zu besetzen. Und als mögliche Folge dieses Befundes sehen sie: «Sind gesuchte Fachkräfte, wie zum Beispiel Ingenieure oder Informatiker, auf dem Arbeitsmarkt nicht zu finden, steigt das Risiko, dass der Produktionsstandort ins Ausland verlagert wird.»

Sich bei der Lösung von Problemen lediglich auf den Staat zu verlassen, gehört nicht zur DNA eines Unternehmers. Daher meinen die beiden Interviewten: «Wir reagieren auf den Fachkräftemangel schon längst mit verstärkter Investition in die Bildung der Angestellten, da wir die Anstrengungen des Bundes zu wenig wahrnehmen.» So wird zum Beispiel sowohl bei der HABA-Gruppe als auch bei der Intool AG die interne Ausbildung verstärkt und ausgebaut – auch beim Lehrpersonal oder bei Praktikantinnen und Praktikanten. Beide empfehlen zudem die Einführung und Pflege eines Wissensmanagements. Denn so lässt sich dokumentieren, wer was kann, welche Ziele in Jahresgesprächen festgehalten wurden und wann eine aktive Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen Sinn macht. Jakob Broger weist ferner darauf hin, dass die Wirtschaft vieles selbst regelt, wenn der Bund ideale Rahmenbedingungen schafft.

Die Aussagen der beiden Unternehmer bestätigen, dass der Fachkräftemangel in der Branche seit Jahren zu den Problemen gehört, die sich mit einer Entweder-oder-Strategie sicher nicht lösen lassen. Und dass es zur Förderung von Bildung, Forschung und Innovation (BFI) ein Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Staat braucht, um den Fachkräftemangel unabhängig von der Branche in den Griff zu bekommen.

Nur Wahrgenommenes wird verhaltensrelevant

Es braucht sowohl staatliche als auch privatwirtschaftliche Massnahmen. Doch der eingeschlagene Weg erfordert offenbar ein besseres Kommunikationskonzept. Denn bereits bestehende Rahmenbedingungen von Bund und Kantonen werden von den Unternehmen ungenügend oder gar nicht wahrgenommen. Solange dem so ist, nützt eine informative Website wie www.fachkraefte-schweiz.ch weniger, als dies möglich wäre.

Unternehmen sind selbstverständlich ebenfalls aufgerufen, gezielte Massnahmen zu ergreifen. Zumal es unumgänglich ist, die gegenwärtigen und künftigen Qualifikationen des eigenen Personals zu kennen. Denn nur so lassen sich Aus- und Weiterbildungsprogramme entwickeln, die dem Fachkräftemangel entgegenwirken können und mehr sind als reine Alibiübungen. Nicht minder wichtig sind die Schaffung und Förderung von Arbeitsmodellen, die es Mitarbeitenden erleichtern, Beruf und Familie miteinander zu verbinden.

Der Engpass bei den verfügbaren Fachkräften ist durch äussere und hoffentlich einmalige Vorkommnisse bedingt zurzeit weniger gravierend als auch schon. Aber sobald der Wirtschaftsmotor wieder brummt, wird sich die Verknappung in bestimmten Berufsbereichen noch verschärfen. Denn auch die EU/EFTA-Staaten sind in der Sicherung ihrer Fachkräfte nicht untätig. Wettbewerb ist Wettbewerb.

«Seit Jahrzehnten gehört unser Land bei den Themen Innovation und Wertschöpfung zur Welt­spitze. Voraussetzung dafür sind gut ausgebildete Fachkräfte», heisst es auf der bereits mehrfach genannten Webseite fachkraefte-schweiz.ch. Das bedeutet für die Zukunft: Wer beim Rennen um gute Fachkräfte vorne dabei sein will, muss neben diversen auf der Webseite aufgeführten Ideen und Vorschlägen immer mehr auch attraktive Arbeitsbedingungen, interessante Lohnnebenleistungen und ein gesundes Arbeitsklima bieten. Zu glauben, das sei in einem Käufermarkt anders, wäre ein fataler Irrtum. SMM

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