Konjunkturelles Zwischenhoch Werkzeugmaschinenindustrie – Chancen und Risiken

Von Joshua Burkart, HPO Forecasting

Die Werkzeugmaschinenindustrie befindet sich in einem konjunkturellen Zwischenhoch. Das aktuelle Umfeld weist verschiedene Chancen und Risiken auf, die die konjunkturelle Entwicklung der Branche beeinflussen können. Der Artikel gibt einen aktuellen Überblick darüber.

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Chancen für die Werkzeugmaschinenbranche bieten Branchen mit starkem Trendwachstum wie die Medizinaltechik, Halbleiterindustrie oder auch die Bau- und Bergbaumaschinen.
Chancen für die Werkzeugmaschinenbranche bieten Branchen mit starkem Trendwachstum wie die Medizinaltechik, Halbleiterindustrie oder auch die Bau- und Bergbaumaschinen.
(Bild: RS-Studios - stock.adobe.com)

Der Maschinenbau blickt nach dem tiefen Fall seit Ende 2020 auf eine starke Aufholjagd zurück. Während der allgemeine Maschinenbau beispielsweise in Deutschland im letzten Jahr neue Rekordwerte erreichte, ist die Erholung beim Auftragseingang der spätzyklischen Werkzeugmaschinenindustrie weniger stark ausgeprägt. Welche Chancen und Risiken bieten sich für die Industrie in der aktuellen Situation, die von grossen Unsicherheiten geprägt ist?

Die Risiken

  • Gestörte Lieferketten und die Zero-​Covid Policy in China: Die strikte Zero-​Covid Policy in China verschärft die Störung der globalen Lieferketten und ein Ende zeichnet sich nicht ab. Da die Zero-Covid Policy als Errungenschaft von Xi Jinping dargestellt wird, rechnet Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in China, nicht damit, dass sich die Corona-Politik bis zum chinesischen Parteikongress im vierten Quartal ändern wird.
  • Ukraine-Krieg und Sanktionen gegen Russland: Die längerfristigen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts sind noch nicht absehbar. Sicher ist aber, dass die erhöhten Rohstoffpreise zusätzlich die Inflation antreiben, insbesondere in Europa, aber auch in vielen Schwellenländern. Der Angriffskrieg in Europa hat auch eine zusätzlich dämpfende Wirkung auf die Stimmungsindikatoren und bringt Schwellenländer, die stark auf ukrainische und russische Lebensmittelimporte angewiesen sind, in echte Bedrängnis. Zusätzlich war die Ukraine ein wichtiger Produzent von Vorprodukten, die für die Metallindustrie (z. B. Nickel) und die Halbleiterindustrie (Neon) von grosser Bedeutung sind.
  • Inflation und Notenbankpolitik: Die Notenbanken bewegen sich in einem erheblichen Dilemma. Die Inflation wurde sowohl vom amerikanischen Fed als auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) vollkommen unterschätzt. Das Fed schwenkte in den letzten Monaten endlich auf einen restriktiveren geldpolitischen Kurs ein, um die galoppierende Inflation zu bekämpfen. Die späte Reaktion führt dazu, dass das geldpolitische Brems­manöver nun bedeutend stärker ausfallen muss, um die gewünschte Preisstabilität wieder zu erreichen. Damit steigt aber die Gefahr einer Rezession in den USA. Noch bedeutend anspruchsvoller ist die Lage in Europa, wo die EZB nach wie vor eine sehr expansive Geldpolitik betreibt. Aufgrund der hohen Verschuldung vieler europäischer Staaten kann sich die EZB keine starke Erhöhung der Leitzinsen erlauben, ohne dass sie eine neue Schuldenkrise in den südeuropäischen Ländern provoziert. Im schlimmsten Fall könnte dies das Auseinanderbrechen des Euro-Währungsraums herbeiführen. Ein sanfter Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik wird sehr anspruchsvoll und ist mit grossen konjunkturellen Risiken verbunden.
  • Fehlende Wachstumsimpulse der Automobilindustrie: Eine Schlüsselbranche für die Werkzeugmaschinenindustrie ist Automotive, auch wenn die Schweizer Hersteller im Durchschnitt etwas weniger stark von den Automobilherstellern abhängig sind als die deutschen Marktbegleiter. Zwei wichtige Entwicklungen in diesem Sektor wirken dämpfend auf die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen: Erstens, der chinesische Automobilmarkt war der Haupttreiber für die hohen Wachstumsraten im globalen Automobilsektor der letzten Jahrzehnte. Nach vielen Jahren mit Wachstumsraten von über 20% liegt das Trendwachstum bei den Neuzulassungen von Personenwagen in China seit 2011 nur noch bei ca. 2% und in den letzten Quartalen verdichteten sich die Anzeichen, dass sich das Trendwachstum weiter abflacht. Bestätigt sich unsere Hypothese, dass China bei den Automobil-Neuzulassungen in den kommenden Jahren ein sehr flaches Trendwachstum ausweisen wird, wie dies in den OECD-Ländern schon lange der Fall ist, wird sich die Automotive-Industrie von den starken Wachstumszahlen der letzten Jahrzehnte verabschieden müssen. Die zweite Entwicklung in der Automobilindustrie, welche bremsend auf die Werkzeugmaschinenindustrie wirkt, ist der starke Trend zur Elektromobilität. Verschiedene Studien zeigen, dass das Zerspanungsvolumen bei Automobilen mit Elektroantrieb um die 50% tiefer ist als bei Automobilen mit Verbrennungsmotor.
  • Konsumzyklus schwächt sich ab: Im Prognosemodell unserer Firma HPO Fore­casting ist der Konsumzyklus ein zentraler Taktgeber der Industrie. Der kurzwellige Industriezyklus oszilliert um den langwelligen Konsumzyklus. Wenn sich der Konsum in den OECD-Staaten in den letzten 50 Jahren jeweils wesentlich abschwächte, führte dies stets auch zu einer starken Abschwächung der Nachfrage nach Investitionsgütern. Aufgrund der umfangreichen Stimulusmassnahmen in den Industrieländern erlebten wir 2021 eine sehr starke Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern, die bis heute zu spüren ist. Der Konsum kann in den kommenden Monaten fast nur zurückgehen und die Frühindikatoren zeigen genau eine solche Entwicklung an. Seit Mitte 2021, als die Inflation in den USA stark zu steigen begann, hat sich die Konsumentenstimmung in den Industrieländern trotz boomendem Arbeitsmarkt stark verschlechtert. Noch ist der Einzelhandelsumsatz in der OECD hoch. Sobald sich die eingetrübte Konsumentenstimmung in einem tieferen Konsum niederschlägt, wird dies jedoch auch die Investitionsgüterindustrie spüren.

Die Chancen

  • Tiefe Arbeitslosenquoten und hohe Ersparnisse: Der positive Effekt der umfangreichen Stimuluspakete während der Pandemie ist die tiefe Arbeitslosenquote. In den USA herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Es ist zu hoffen, dass der Konsum nicht so rasch einbricht, wie es die oben erwähnte abstürzende Konsumentenstimmung erwarten lässt. Zudem verfügen die Konsumenten im historischen Vergleich nach wie vor über hohe Ersparnisse. Auch die Liquiditätssituation vieler Unternehmen ist weiterhin komfortabel.
  • Finanzmärkte: Trotz starker Korrekturen der Finanzmärkte im letzten Halbjahr bis zum Redaktionsschluss Ende April sind diese im historischen Vergleich nach wie vor hoch bewertet. Positiv daran ist, dass die Finanzmärkte ebenfalls mit einer sich eher eintrübenden Konjunktursituation rechnen, aber nicht mit einer grossen Krise. Das stimmt hoffnungsvoll.
  • Business Confidence Index (BCI): Während die Konsumentenstimmung in den OECD-Staaten in den letzten Monaten tief in den kontraktiven Bereich fiel, bewegt sich der von der OECD publizierte BCI im März immer noch klar im expansiven Bereich, allerdings ebenfalls mit abnehmender Tendenz. Der BCI ist ein verhältnismässig guter Frühindikator für die Investitionsgüterindustrie und es lohnt sich, diesen Wert genau zu beobachten.
  • Aufbau redundanter Lieferketten: Das neue Schlagwort im Supply-Chain-Management ist Resilienz. Das gilt für einzelne Unternehmen, aber auch für ganze Volkswirtschaften. Nordamerika und Europa unternehmen grosse Anstrengungen, um die Abhängigkeit von Ostasien bei der Halbleiterproduktion zu reduzieren – ein äusserst kostspieliges und kompliziertes Unterfangen. Aber auch bei vielen anderen Komponenten wird stärkerer Wert auf Redundanzen gelegt. Diese Entwicklung dürfte noch länger anhalten – und bietet kurz- und mittelfristig Chancen für die Investitionsgüterindustrie, wenn neue Produktionslinien ausserhalb Chinas aufgebaut werden.
  • Branchen mit starkem Trendwachstum: Während das langfristige Trendwachstum im Automotive-Sektor wie oben beschrieben stark abgeflacht ist, gibt es andere Industriezweige, die sich viel dynamischer entwickeln. Dazu gehören Branchen wie Medizintechnik, Halbleiterindustrie sowie die Bau- und Bergbaumaschinen. Auch in der Rüstungsindustrie werden sich Chancen bieten.

Das Fazit

Der Maschinenbau und insbesondere die Werkzeugmaschinenindustrie ist eine sehr zyklische Branche mit einem volatilen Auftragseingang. Die Nachfrage nach Werkzeugmaschinen ist zudem eher spätzyklisch, als Konsequenz war der Aufschwung im letzten Jahr im Vergleich zu anderen Industriezweigen des Maschinenbaus eher verhalten und bewegt sich immer noch weit unter dem Vorkrisenniveau. Dies deutet darauf hin, dass der Werkzeugmaschinenbau noch ein paar weitere Monate von Nachholeffekten nach der Corona-Pandemie profitieren könnte und weiter eine dynamische Nachfrage erleben wird. Danach überwiegen hingegen in unserem Modell die Risiken. Spätestens gegen Ende Jahr muss gemäss unserer Modellrechnung wieder mit einer sich eintrübenden Auftragslage gerechnet werden.

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Die letzten drei Jahre waren beim Auftragseingang von einer besonders grossen Volatilität geprägt. Mit den beschriebenen grossen Unsicherheitsfaktoren bei der Geopolitik, Geldpolitik, den Finanzmärkten und Lieferketten muss davon ausgegangen werden, dass die Volatilität der Nachfrageentwicklung sehr hoch bleiben wird. In dieser Situation ist es zwingend, in Szenarien zu planen und die Konjunktursituation fortlaufend systematisch zu beobachten und auszuwerten. SMM

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