«Swiss Champion» Stadler Rail Wie KMUs der Währungskrise trotzen

Redakteur: Sergio Caré

«Starker Franken als Last», «Harter Franken drückt Unternehmen ins Umsatzminus», «Firmen spüren den Frankenschock»: So oder ähnlich tönt es zurzeit an den Pressekonferenzen der KMUs. Es gibt aber Unternehmen, die leben ziemlich gut in der Krise. Best Practice am Beispiel Stadler Rail.

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Bilder aus dem Stadler Rail - Werk in Bussnang im Thurgau 2016
Bilder aus dem Stadler Rail - Werk in Bussnang im Thurgau 2016
(Bild: Sergio Caré)

Auch an der letzten Jahresbilanz des Thurgauer Fahrzeugbauers Stadler Rail klagte der Patron, Inhaber und CEO Peter Spuhler in Bussnang über einen Gewinn­einbruch von rund 100 Millionen Franken – eben aufgrund des Frankenschocks. Doch das blosse Klagen ist nicht Spuhlers Sache. Er suchte und fand Lösungen, die wir hier als Best Practice präsentieren wollen.

Der Londoner Wirtschaftsprüfer und -berater «PricewaterhouseCoopers» (PWC) bezeichnet in seiner Studie Stadler als «Swiss Champion». Es sind Schweizer KMUs wie der Zughersteller im Osten, die mit ihren Produkten technologisch führen, mit ihren Leistungen Standards setzen und weltweit um Nasenlängen erfolgreicher als die Konkurrenz sind. Ausserdem haben sie ein solides finanzielles Fundament für wichtige Investitionen in die Zukunft. Firmen wie das Thurgauer Unternehmen stehen dabei oft im Rampenlicht. «Weil diese mittelständischen Unternehmen in ihrer Nische zu Weltmarktführern avanciert sind, können sie sich trotz der hö­heren Kosten am Produktionsstandort Schweiz im harten internationalen Konkurrenzkampf durchsetzen», sagt Norbert Kühnis, Leiter Familienunternehmen und KMU von PWC. Aber: Was genau ist nun die Zunge an der Waage, die den Unterschied zum klagenden Rest macht? In der PWC-Studie sind die «Swiss Champions» nicht nur gewöhnliche Zulieferer der Kunden, sondern bieten sich eben als Lösungsanbieter an. «Sie schaffen durch den langjährigen Aufbau von Know-how und durch Kontinuität bei Prozessen und Produkten laufend Innovationen», erklärt Kühnis, «damit können sie ihre führende Stellung in ihrer Nische aufrechterhalten und oft sogar ausbauen.»

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Agil in der Nische

Mit der Übernahme der Firma 1989 hat Spuhler den Umbruch in der Schienenfahrzeugbranche nach dem Ende des Kalten Krieges von nah miterleben dürfen. Er sah wie die damalige stolze Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) stürzte. Mit 18 Mitarbeitern und dem modularen Zug legt er die Basis für den Erfolg der Stadler. 1998 übernimmt das KMU aus Bussnang den Zahnradbereich der ehemaligen SLM. Eine Produktdiversifizierung, die bis heute Früchte trägt. 2015 betrug der Anteil am Firmenumsatz durch den sogenannten «Tailor Made»-Bereich – in diesem Segment befinden sich die Zahnradfahrzeuge – rund 10 Prozent. Zu begründen ist das durch die konsequente Belegung der Nische. Die Schweizerische Südostbahn (SOB) schrieb die Beschaffung des Voralpen-Express öffentlich aus. Gemeldet hatte sich nur ein Hersteller: Stadler. Warum, darüber schweigt die Branche. Lediglich Siemens liess gegenüber der Zürichsee-Zeitung verlautbaren, dass sie nicht in der Lage wären, ein konkurrenzfähiges Angebot zu machen.

Neue Marktsegmente

Es ist die konsequente Suche nach rentablen Marktsegmenten, die neben einer Spezialisierung eine Firma krisenresistent machen. 2011 wurde der Schienenfahrzeughersteller von der ersten Eurokrise heftig getroffen. Es kam zu einem deutlichen Einbruch des Auftragsvolumens. Die Thurgauer entschieden sich für eine Vorwärtsstrategie: Mit neuen Produkten wie Metros und Hochgeschwindigkeitszügen. Dass dieser Entschluss von Erfolg gekrönt ist, beweisen einerseits die verkauften U-Bahn-Züge an die Berliner Verkehrsbetriebe sowie die führerlosen Metros in Glasgow, andererseits der SBB-Auftrag für 29 «Giruno»-Züge, welche die neue Gotthardstrecke befahren werden. Gerade für die Hochgeschwindigkeitszüge (bis 250 km/h) bestehe laut Thomas Legler, Leiter Technik Fernverkehr bei Stadler, ein grosses Marktpotential. Zurzeit bauen sie im Thurgau an der Erstauflage des neuen Zuges.

Das Rollout ist für den 18. Mai 2017 geplant. «Der Fokus liegt auf der Detail­arbeit, damit mögliche Schwierigkeiten bei der Endmontage frühzeitig erkannt werden», sagt Legler.

Mitarbeiteridentifikation

Damit die Art von Informationsfluss funktioniert, müssen sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen identifizieren. Im Januar 2015 wiederholte sich bekanntlich der Währungsschock. Spuhler suchte darum das Gespräch mit den Gewerkschaften und Mitarbeitern und vereinbarte eine vorübergehende Ausdehnung der Arbeitszeit. «Swiss Champions zeichnen sich durch ihre oft überschaubare Grösse und familiäre Atmosphäre sowie eine hohe Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen aus», sagt Kühnis von PWC. Dafür müssen die Organisationsstrukturen flach und die Kommunikationswege kurz sein. Mitarbeiter erhalten bewusst Freiheiten und identifizieren sich dadurch mit dem Unternehmen. Packt die Chefabteilung mit an, ist die Verbundenheit zu Unternehmen besonders stark. In Krisenzeiten können KMUs dann auch auf Verständnis und Engagement zählen. Klar, dass die Wertschätzung bereits vor der Krise gelebt werden muss. «Trotz der zwei Währungsschocks ist es uns gelungen, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten, ja sogar noch auszubauen», sagt Spuhler.

Flexible Organisation

Dezentral organisierte Standorte und klare Verantwortlichkeiten sind ein weiterer Garant für Krisenresistenz. «Jeder Standortleiter muss über die notwendigen Funktionen und Ressourcen verfügen, um autonom komplette Züge am Standort bauen zu können», erklärt Spuhler. Stadler kauft lediglich Systemdienstleistungen im «Pool» ein. Die Standorte vor Ort entscheiden, wo und welche Schrauben und Muttern sie kaufen und einsetzen wollen. Hinzu kommt, dass die Standortwahl stra­tegisch ausgerichtet ist. «Durch eine
Differenzierung in der Produkt- und Fer­ti­gungs­strategie, indem wir einfache Dieseltriebwagen vermehrt nach Polen verlagern und Hightech-Züge in der Schweiz fertigen, konnten wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern», fügt der Inhaber hinzu.

Geografische Diversifizierung

Das Strategien nicht immer nach Plan verlaufen, ist jedem CEO klar. Die Frage ist, was das Management für Schlüsse daraus zieht, sollte es anders kommen als gewollt. Aufgrund der Währungskrise in der Schweiz, aber auch wegen der Rubelkrise in den GUS-Staaten musste sich Stadler im vergangenen Jahr neu ausrichten. Die Verkaufsaktivitäten verschoben sich von Russland auf die neuen «Fokusmärkte» USA, Grossbritannien und Australien. Der Eintritt in neue Märkte ist zum Teil bereits vollzogen oder zumindest in vollem Gange. So zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Mit dem Ausbau der Aktivitäten und der Gründung einer lokalen Fertigung in den USA treibt das Unternehmen die strategische Neupositionierung auf dem amerikanischen Kontinent voran.

Das wohl bedeutendste Ereignis für den Fahrzeugbauer war im vergangenen Jahr die Übernahme des Lokomotiven-Geschäfts «Rail Vehicles» in Valencia von Vossloh. Der spanische Lokomotiven-Hersteller beschäftigt circa 850 Mitarbeiter – mit der Übernahme ist die Mitarbeiterzahl des KMUs auf knapp 7000 angestiegen. Dadurch arbeiten nun mehr Mitarbeiter im Ausland als in der Schweiz. Mit der Übernahme des Werks in Spanien sicherten sie sich ein neues Marktsegment – diesel­elektrischen Lokomotiven – und erschlies­sen zudem neue Absatzmärkte auf der Iberischen Halbinsel, in Süd- und Mittelamerika sowie in Nordafrika. Dass für den Patron bis jetzt alles gut aufgeht, zeigen die mehrheitlich gut ausgelasteten Produktionsstandorte. Während der Besichtigung in Bussnang waren die Fertigungshallen alles andere als leer.

Alle diese Punkte sollen die Bestell­bücher von Stadler wieder füllen und die negativen Auswirkungen der Frankenstärke abfedern. Zugegeben, die Werkzeuge sind nicht neu. Und klar, die Lösungen können nicht «Copy-and-Paste» auf irgend ein anderes KMU angewendet werden. Auch wurden nicht alle Möglichkeiten aufgezeigt, wie in der Krise reagiert werden soll. Doch eines ist sicher: Wer stehen bleibt, kommt früher oder später unter die Räder, und die nächste Herausforderung kommt bestimmt. -sc- SMM

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