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Mit Elektrizität Grundstein für Wohlstand gelegt Brown und Boveri: Technik und Vision vereint

Redakteur: Konrad Mücke

Mit famosen Erfindungen und zahlreichen Patenten ging Charles E. L. Brown in die Geschichtsbücher der Elektrotechnik ein. Walter Boveri war wage­mutiger Geschäftsmann. Mit der gemeinsamen BBC prägten sie die Elektrifizierung und Industri­alisierung in der Schweiz.

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Der Auftrag zur elektrischen Ausrüstung des Kraftwerks Kappelerhof in Baden entschied über den Gründungsstandort des späteren Weltunternehmens BBC.
Der Auftrag zur elektrischen Ausrüstung des Kraftwerks Kappelerhof in Baden entschied über den Gründungsstandort des späteren Weltunternehmens BBC.
(Bild: ABB)

Im Jahr 1891 gründeten Charles Brown und Walter Boveri in Baden ein (nach heutigem Duktus) «Start-up». Elektrische Energie sahen sie als Schrittmacher für ein neues Zeitalter. Mit Elektrizität wurde vor etwa 120 Jahren erstmals eine geografische Trennung von Produktion und Verbrauch von Energie möglich. Fabriken mussten nicht mehr direkt an Wasserläufen stehen; dank elektrischer Beleuchtung wurde die Nacht zum Tag. Die elektrische Energie revolutionierte industrielle Prozesse und löste tief greifende gesellschaftliche Veränderungen aus. Mit ihrem Unternehmen BBC prägten die beiden Gründer massgeblich die Elektrifizierung der Schweiz und vieler anderer Länder.

Technische Begabung im Blut

Charles Eugene Lancelot Brown bekommt die technische Begabung sozusagen in die Wiege gelegt. Er wird am 17. Juni 1863 als ältestes von sechs Kindern der englischen Familie Charles Brown-Pfau in der aufstrebenden Industriestadt Winterthur geboren. Seinen Vater Charles Brown hatte es aus London in die Schweiz gezogen, weil die Gebrüder Sulzer den begnadeten Konstrukteur in ihre 1834 gegründete Maschinenwerkstätte geholt hatten. Später wird Charles senior zum Gründer der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM). Mit 19 Jahren ist Charles junior in Maschinentechnik diplomiert und absolviert zunächst ein Praktikum in der Basler Firma Bürgin & Alioth (BBC wird dieses Unternehmen später übernehmen).

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Junger Tausendsassa

Der erst 21-jährige Charles Brown übernimmt 1884 die Leitung der elektrischen Abteilung der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO). Schon im zweiten Jahr sorgt er für Schlagzeilen, als er eine Gleichstromleitung vom 8 km entfernten Kriegstetten nach Solothurn realisiert, wobei er nach der Planung seinem Assistenten Walter Boveri die Durchführung des Projekts überlässt. Der Wirkungsgrad der Übertragung beträgt damals sensationelle 75 Prozent.

Doch Brown erkennt die Grenzen des Gleichstroms und wendet sich Versuchen mit mehrphasigem Wechselstrom zu. Wieder sorgt er für Furore: an der Elektrotechnischen Ausstellung 1891 in Frankfurt. Renommierte Firmen lehnen es ab, von einem Wasserkraftwerk am Neckar eine Strom­übertragung ins 175 km entfernte Frankfurt zu bauen, um damit auf dem Messegelände einen Wasserfall zu betreiben und 1000 Glühlampen zum Leuchten zu bringen. Brown lässt sich nicht abschrecken. Zusammen mit der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) erzielt er mit der erfolgreichen Stromübertragung den Durchbruch in der Wechselstromtechnik.

Im selben Jahr beginnt Charles E. L. Brown, die Gründung eines eigenen Unternehmens vorzubereiten. Er tut sich zu diesem Zweck mit dem Leiter der Montageabteilung der MFO, Walter Boveri, zusammen. Diesem gelingt es nach drei Jahren, die benötigten Geldmittel aufzutreiben. In dieser Zeit verfolgen die Badener Brüder Pfister die Idee, im Badekurort ein Elektrizitätswerk zu bauen. Sie gewinnen Brown dafür, die neue Firma in Baden statt in Zürich oder Basel anzusiedeln. Ein geeignetes Bauareal wird angeboten. Die Aussicht auf den ersten Auftrag hilft mit, sich für den Standort Baden zu entscheiden.

Gründung der BBC

Im Dezember 1890 schliessen Brown und Boveri einen Assoziationsvertrag. Die Gründung von Brown, Boveri & Cie. erfolgt am 2. Oktober 1891. «Natur des Geschäftes: Fabrikation von elektrischen Maschinen» wird im Handelsregister eingetragen. Während sich Boveri darum kümmert, dass BBC zu einem weltumfassenden Konzern wird, beschäftigt sich Brown mit der stetigen Verbesserung seiner Leistungen. Für BBC erwirbt Brown über 30 Schweizer Patente für seine bahnbrechenden Erfindungen, darunter der Ölschalter (1898) und der zylindrische Rotor für Turbogeneratoren (1901). In unglaublich kurzer Zeit baut BBC immer perfektere und stärkere Generatoren, Transformatoren, Motoren und schliesslich Dampfturbinen.

Ein weiterer Sektor, in dem von Anfang an Pionierarbeit geleistet wird, ist die elektrische Eisenbahntraktion. Das Unternehmen wird 1900 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, mit Charles Brown als erstem Verwaltungsratspräsidenten. Aufgrund der raschen internationalen Expansion wird die Arbeit an der Unternehmensspitze immer kaufmännischer. Brown findet immer weniger Zeit, um an neuen Technologien zu forschen. Diese Rolle behagt dem kreativen, aber auch impulsiven und exzentrischen Tüftler nicht.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Krisen und Rückschläge manch junger Fabrik die Existenz kosten, schreibt auch BBC rote Zahlen und hat Mühe, die Liquidität zu sichern. Vorübergehend übernimmt gar die deutsche AEG die Aktienmehrheit. Ergänzten sich die unterschiedlichen Talente Browns und Boveris anfangs, kommt es zwischen den beiden nun zu schweren Spannungen.

Der Bruch

Im Jahr 1911, im Alter von 48 Jahren, gibt Brown sein Amt als BBC-Verwaltungsratspräsident sowie sämtliche anderen Ämter in der Fabrik auf. Es kommt zum Bruch zwischen den beiden Gründern. Im gleichen Jahr wird Brown mit der Ehrendoktorwürde der Technischen Hochschule Karlsruhe ausgezeichnet. Nach einer Weltreise zieht er sich ins Privatleben zurück und verbringt den Lebensabend im Tessin. Er besucht 1916 das Unternehmen nochmals auf Einladung zu den bescheidenen Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen. Im gleichen Jahr wird Brown – zusammen mit Boveri – Ehrenbürger von Baden. Am 2. Mai 1924 stirbt Charles E. L. Brown. Aufgrund seiner Verdienste um die Entwicklung der elektrischen Energietechnik verdient er es, im gleichen Atemzug mit Werner von Siemens und Thomas Alva Edison genannt zu werden.

Visionen und zukunftsorientierte Projekte

Walter Boveri, obwohl technisch durchaus versiert, ist eher die Rolle des wagemutigen Geschäftsmanns und Verwalters zugeschrieben. Er wird als dritter von vier Söhnen des Arztes Theodor Boveri in Bamberg im Jahr 1865 geboren. Er schliesst als Zwanzigjähriger die königliche Maschinenbauschule in Nürnberg ab und zieht daraufhin als Maschinentechniker in die Schweiz. Dort ist er zunächst Volontär und wenig später Montageleiter für elektrische Anlagen bei der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO). Boveris schnelle Auffassungsgabe und sein sicheres Urteilsvermögen führen ihn zur engeren Zusammenarbeit und bald zur Freundschaft mit Charles E. L. Brown, der zu dieser Zeit bereits die elektrische Abteilung der MFO leitet. Bald wird Walter Boveri mit der Montageleitung für elektrische Beleuchtungsanlagen im In- und Ausland betraut. 1886 leitet er mit grossem Stolz die Montage und Inbetriebnahme der von Brown konzipierten, berühmten ersten industriellen Stromübertragung der Schweiz von Kriegstetten nach Solothurn.

Kapital durch Heirat

Walter Boveri begibt sich für die MFO bald auf einige Auslandsreisen. Sein diplomatisches Verhandlungsgeschick, gepaart mit fachlicher Kompetenz und gutem Entscheidungsvermögen, kommt ihm zugute und er erhält Einblick in Zukunftsperspektiven und Gewinnmöglichkeiten im Gebiet der Elektrotechnik. So keimt in ihm der Gedanke, eine eigene Firma zu gründen. Diese Idee teilt er mit seinem Freund und Vorgesetzten Charles Brown. Boveri veranschlagt nach einigen Analysen 1888 den benötigten Kapitalbedarf mit mindestens 500 000 CHF. Die zwei jungen Männer sind zu diesem Zeitpunkt gerade 23 und 25 Jahre alt. Ein Jahresgehalt beläuft sich auf 3000 CHF. Die Suche nach Investoren bleibt zunächst erfolglos. Trotzdem sucht Boveri parallel auch nach einem geeigneten Standort für ein neues Fabrikgebäude. Die Brüder Pfister, Badener Kaufleute, schreiben ihn direkt an, weil sie die Stadt Baden elektrifizieren möchten. Gleichzeitig können Pfisters ihnen ein geeignetes Gelände für einen Fabrikbau vermitteln.

Im Jahr 1890 lernt Walter Boveri den Zürcher Seidenindustriellen Conrad Baumann kennen, der sich nicht nur für die Pläne der beiden Pioniere interessiert, sondern auch noch eine Tochter, Victoire, hat. Dann geht es schnell. 1891 heiratet Boveri Victoire Baumann und erhält vom Schwiegervater ein grosszügiges Darlehen. Im Dezember 1890 schlies­sen Brown und Boveri einen Assoziationsvertrag; drei Monate später wählen sie Baden als Firmenstandort. Am 2. Oktober 1891 wird die Brown, Boveri & Cie. (BBC) gegründet. Den Betrieb nimmt das Unternehmen mit rund 100 Arbeitern und 24 Angestellten auf. Den Auftrag für die Elektrifizierung von Baden haben Brown und Boveri bereits vor der Firmengründung erhalten.

Wagemutiger Geschäftsmann

Während Brown sich um den technischen Fortschritt des Unternehmens kümmert, nimmt Boveri, obwohl technisch ebenfalls begabt, immer stärker die Rolle des visionären kaufmännischen Leiters ein und zeigt grosses Geschick im Aushandeln von Verträgen. Er gelangt zur Überzeugung, dass für die Projektierung, die Finanzierung und den Bau von Kraftwerken ein weiteres Unternehmen nötig sei. Deshalb gründet er 1895 in Baden die «Motor AG für angewandte Elektrizität», die spätere Motor-Columbus. In rascher Folge werden im In- und Ausland immer grössere und stärkere Anlagen zur Stromgewinnung realisiert, die für BBC neue Aufträge und eine schnelle technische und kommerzielle Weiterentwicklung bedeuten. In dieser Zeit entstehen viele andere schweizerische Elektrizitätswerke und Stromverteilungsgesellschaften, von denen viele die Handschrift Boveris tragen und die er auch meist präsidiert. Damit wird er auch zum Pionier in der schweizerischen Elektrizitätswirtschaft.

Ein weiterer wichtiger Förderungsbereich von Walter Boveri ist die Bahnelektrifikation. Seine Bemühungen in diesem Bereich tragen ihm ein Verwaltungsratsmandat der SBB zu. Auch lokal ist er engagiert. Für die Stadt Baden stellt er sich jahrelang als Präsident der Budget- und Rechnungskommission zur Verfügung. Schon 1893 hat er die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten. Um 1900 zählt BBC bereits über 1700 Mitarbeitende. Es ist Boveris Verdienst, dass BBC danach zum internationalen Grosskonzern ausgebaut wird. Es folgen Neugründungen und Übernahmen von anderen Unternehmen im Ausland. Nach Browns Rückzug ins Privatleben ist Boveri von 1911 bis 1924 Verwaltungsratspräsident der BBC. Verwöhnt von den Jahren des Aufschwungs, sind die Krisenjahre aufgrund des Ersten Weltkriegs für den Unternehmer nur schwer zu ertragen. Rohstoffe wie das für die Elektroindustrie wichtige Kupfer werden immer knapper und teurer. Von 1921 bis 1924 erhalten die BBC-Aktionäre keine Dividende. Nachdem sich Walter Boveri nie ganz von einem schweren Autounfall erholt, stirbt er ein halbes Jahr nach Charles Brown am 28. Oktober 1924 kurz vor seinem 60. Geburtstag. Seine Erfolge liegen in der Finanzierung und der Verwaltung, wobei ihm sein Ingenieurwissen und das Gespür für die Elektrizität stets zugutekamen – und sein Wagemut.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der ABB Schweiz, weitere Berichte zu 125 Jahre ABB im Kundenmagazin «about» von ABB Schweiz, Ausgabe 4/2016. SMM

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