Swissmem-Interview mit Christoph Plüss, CTO United Machining Solutions«Der Maschinenbau in Europa läuft Gefahr, ins gleiche Fahrwasser wie die Automobilindustrie zu geraten»
Geopolitische Unsicherheit, Kostendruck und der rasante Wandel hin zur softwaredefinierten Maschine stellen die europäische Werkzeugmaschinenindustrie vor grundlegende Entscheidungen. Im Interview erklärt Christoph Plüss, CTO United Machining Solutions, warum Agilität, Digitalisierung und Interoperabilität über die Zukunft des Maschinenbaus entscheiden – und weshalb Industrie und Forschung nur mit einer gemeinsamen Vision, weniger Bürokratie und einem stärkeren Fokus auf ganzheitliche digitale Systeme schneller Wert schaffen können.
Christoph Plüss, Chief Technology Officer (CTO), United Machining Solutions
(Bild: United Machining Solutions)
Swissmem: Welche aktuellen Markt- und Produktionsherausforderungen beschäftigen Sie am meisten?
Christoph Plüss: Die allgemeine geopolitische Lage und damit verbundene unsichere Weltwirtschaft ist natürlich für die exportorientierte Highend-Investitionsgüterindustrie alles andere als vorteilhalft. Die Werkzeugmaschinenindustrie steht unter massivem Kostendruck und Sparmassnahmen, was schliesslich auch unsere F&E-Aktivitäten limitiert und drosselt.
In welchen Bereichen sehen Sie derzeit den stärksten Veränderungsdruck für Ihr Unternehmen und die Branche?
Ch. Plüss: Grundsätzlich sind in allen Unternehmensbereichen eine höhere Agilität und Veränderungsbereitschaft gefordert. Wir müssen lernen, uns schneller an neue Rahmenbedingungen anzupassen – das ist auch meiner Sicht ein genereller Druck.
Damit verbunden ist der ganze Themenbereich der Digitalisierung, der in vielen Unternehmen nach wie vor polarisiert. Auf der einen Seite steht eine veränderungsresistente und erfolgsverwöhnte Fraktion, welche die Meinung vertritt: «Das haben wir die letzten 20 Jahre nicht gebraucht, wieso jetzt?» Auf der anderen Seite gibt es wenige, die Digitalisierung als überlebensnotwendig erachten.
Ich vertrete klar die Meinung, dass der Maschinenbau in Europa Gefahr läuft, ins gleiche Fahrwasser zu geraten wie die Automobilindustrie, die mit dem Übergang zum Software-Defined-Vehicle (SDV) die Technologie-Führerschaft nach China abgegeben hat. Man muss kein Visionär und Hellseher sein: Die moderne Werkzeugmaschine ist bereits heute in hochgradig digitales Produkt und wird sich konsequent zur Software-Defined Machine Tool (SDMT) wandeln. Die Produktivität der Zukunft liegt in der Interoperabilität intelligenter und automatisierter Maschinen in einem vernetzten, digitalen Ökosystem. China hat das erkannt handelt nach einem Plan. In Europa hingegen diskutieren und normieren wir noch.
Welche Art von Forschungsinput ist für Sie am wertstiftendsten – und wo gibt es aus Ihrer Sicht noch Lücken?
Ch. Plüss: Es kommt darauf an, welche Ebene ich in meiner Funktion als CTO zur Beantwortung der Frage einnehme. Die Industrie braucht Forschungsinputs auf allen Ebenen, auf Level Applikation, Technologie sowie digitalem Gesamtsystem. Den grössten Mehrwert sehe ich persönlich in Neuentwicklungen, die idealerweise alle oder mehrere Ebenen gleichzeitig adressieren.
Ich bin überzeugt, dass eine ganzheitliche Betrachtungs- und Denkweise eine Stärke schweizerischer und europäischer Lösungen ist. Wir werden stets die teurere Lösung haben, deshalb muss sie cleverer, komfortabler, produktiver und zuverlässiger sein und ein klares Mehr an Nutzen liefern.
Hier erkenne ich in der Forschungslandschaft gewisse Lücken. Forschungsaktivitäten sind häufig stark auf Grundlagen und einzelne Technologien fokussiert, jedoch selten auf die Optimierung eines Gesamtsystems, insbesondere mit Blick auf Digitalisierung, Interoperabilität und Usability. Im Kontext von Industrie 5.0, also der Koexistenz von intelligenter Maschine und Mensch in einem gemeinsamen, digitalen Ökosystem sehe ich noch viel ungenutztes Potenzial. Gerade hier liegt jedoch eine wichtige Differenzierungschance: digitale, intelligente Fertigungssysteme, welche die Fähigkeiten des Menschen nicht ausschliessen, sondern gezielt einbinden.
Welche technologischen Schwerpunkte haben Sie aktuell in Ihren Entwicklungsprojekten – und was treibt diese Prioritäten?
Ch. Plüss: Nebst der kontinuierlichen Weiterentwicklung unserer Kerntechnologien mit Fokus auf Effizienz, Produktivität und Zuverlässigkeit bei allen Markengesellschaften beschäftigen uns mehrere Schwerpunktthemen. Dazu zählen insbesondere moderne Mensch-Maschine-Interaktion, Softwareentwicklung, Automation, Smart Machines & IoT, Energieeffizienz, digitale Plattformen, Ökosysteme sowie Netzwerk- und Cybersecurity.
Diese Themen sind für uns von übergeordneter Bedeutung: Einerseits verfolgen wir das Ziel, gruppenweit Ressourcen und Synergien effizienter zu nutzen, um unseren Kunden ganzheitlichere und leistungsfähigere Lösungen anbieten zu können, als dies einzelne Gesellschaften allein leisten könnten. Andererseits werden bestimmte Schwerpunkte auch durch regulatorische Anforderungen vorgegeben – etwa im Bereich «Product Security» in Hinblick auf den ab 2027 geltenden «Cyber Resilience Act» (CRA).
Wie sieht Ihr Netzwerk an externen F+E-Partnern aus?
Ch. Plüss: Als Gruppe pflegen wir enge Kooperationen mit der Inspire AG. Der Ansatz einer Transfergesellschaft zwischen Forschung und Industrie ist für uns als Industriepartner besonders wertvoll, da durch die inhaltlichen Schwerpunkte und Teams von Inspire eine gewisse Themenkontinuität gewährleistet ist.
Am besten funktionieren F&E-Partnerschaften dann, wenn unsere Produkte direkt in Forschungsinstitutionen installiert werden. So besteht im Bereich von «Additive Manufacturing» eine enge Zusammenarbeit mit dem SIPBB (Switzerland Innovation Park Biel/Bienne), wo eine «Impact 4530» von IRPD im Einsatz ist. Über Innosuisse-Projekte arbeiten wir zudem mit weiteren F&E-Partnern wie der ETH Zürich und dem CSEM.
Stand vom 30.10.2020
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Ganz aktuell engagieren wir uns als Industriepartner in einem neuen Studiengang der FHNW mit dem Titel «Human Centered Digital Innovation» (HCDI). Ziel dieses Master-Studiums ist es, die oben beschriebene vernachlässigte Rolle des Menschen in digitalen Ökosystemen stärker in den Fokus zu rücken. Die FHNW hat diesen Bedarf erkannt und wir sind gespannt, was wir gemeinsam mit dieser Ausbildung erreichen werden.
Aus Ihrer Erfahrung: Welche typischen Hürden oder Fallstricke gibt es bei Kooperationen zwischen Industrie und Forschung? Was sollten Unternehmen beachten?
Ch. Plüss: Entscheidend ist in erster Linie eine «Shared Vision» - ein gemeinsames Ziel von Forschung und Industrie. Ohne dieses wird sich kaum ein nachhaltiger Mehrwert ergeben. Stimmen Mindset und Chemie auf beiden Seiten, entsteht eine Win-Win Situation; bei einseitigen Partikularinteressen wird die Zusammenarbeit hingegen schwierig.
Ebenso zentral sind die kontinuierliche Betreuung und Lenkung des F&E-Vorhabens auf beiden Seiten. Vielen denken, man könne ein Problem einfach an die Forschung «übergeben» und dann eine Lösung zurückerhalten – das habe ich noch nie erlebt. Soll tatsächlich Substanzielles entstehen, braucht es eine intensive und enge Begleitung durch den Industriepartner. Dieser Aufwand wird häufig unterschätzt, zumindest nach meiner Erfahrung.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem eine Zusammenarbeit mit einer Hochschule, einem Institut oder einem Start-up entscheidend für den Erfolg einer Entwicklung war?
Ch. Plüss: Da gibt es in unserer Gruppe glücklicherweise viele Beispiele. Gemeinsam mit der Inspire AG konnten wir mehrere technologische Quantensprünge realisieren, etwa die «WireDress»-Technologie von Studer oder den gesamten Bereich der Laserbearbeitung von Schneidwerkzeugen bei Ewag, wo echte Pionierarbeit geleistet wurde, was auch zu Spin-off-Gründungen geführt hat.
Erwähnenswert sind zudem zahlreiche kleinere und grössere Innosuisse-Projekte, die ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, um Grundlagen und Vorprojekte zu beleuchten.
11. F&E-Konferenz
Christoph Plüss ist einer der Keynote-Speaker an der F&E-Konferenz von Swissmem, die am 29. Januar 2026 an der ETH Zürich stattfindet.
Die F&E-Konferenz 2026 bietet einen kompakten Überblick über aktuelle Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten an Schweizer Hochschulen, Forschungsinstitutionen und Startups. Im Fokus stehen praxisnahe Innovationen in der Produktions- und Fertigungstechnik – von Effizienzsteigerungen und neuen Fertigungsansätzen über Digitalisierung, Automatisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bis hin zu smarten Produktionssystemen, neuen Materialien und zukunftsweisenden Prozessen.
Welche eine zentrale Botschaft möchten Sie den Konferenzteilnehmenden mitgeben – insbesondere den Forschenden?
Ch. Plüss: In Bezug auf die Digitalisierung sollten gemeinsame Interoperabilitäts- und Schnittstellenstandards (wie z. B. Umati) konsequent umgesetzt werden. Aktuell kochen viele OEMs und Systemlieferanten noch ihr eigenes, proprietäres Süppchen. Das wird den Endkunden, der in einem Multi-OEM- und Multi-Lieferanten Ökosystem lebt, nicht glücklich machen und erschwert den Aufbau einer «Smart Factory». Mein Wunsch wäre daher, dass man Industrie-Schnittstellen-Standards konsequent umsetzt – dies würde allen Beteiligten das Leben erleichtern.
Hätte ich einen Wunsch an die Forschungs-Community, um gemeinsam Themen schneller voranzubringen, so würde ich mir eine Art «Online-Experten-Leasing-Börse» wünschen. Insbesondere im Bereich der Softwareentwicklung – sei es in Data-Science, Frontend- oder Backend-Entwicklungen, APIs oder verwandten Themen – wäre eine kurzfristige, temporäre und unkomplizierte Integration von interessierten Studenten und Experten wertvoll, möglichst ohne bürokratische Hürden.