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Gemischte Gefühle im Vorfeld der Messe
Die 81 Schweizer Unternehmen haben ihre Stände mit gemischten Gefühlen aufgestellt. Verbreitet ging die Befürchtung um, man würde sich die Füsse in den Bauch stehen. Nach Boom-Jahren mit zweistelligen Zuwachsraten ist in per Ende dieses Jahres ein Einbruch von rund 40 Prozent im Durchschnitt zu erwarten. «Leider», wie Christoph Blättler, der Fachverbandsleiter von Swissmem hinzufügt.
Und siehe da: Nach Messeschluss machte sich überraschend verhaltener Optimismus breit. «Die EMO markierte aller Voraussicht nach den Wendepunkt für unsere Industrie», sagt Christoph Blättler sichtlich erleichtert.
Besser als befürchtet
Für die meisten Aussteller habe sich die Beteiligung an der wichtigsten Messe dieser Branche besser als erwartet erwiesen. «Vielleicht könnte man treffender sagen, besser als befürchtet», meint Blättler. Dies schlug sich auch auf die unerwartet hohe Besucherzahl nieder: 125000 streiften durch die elf Hallen. «Die EMO hat unserer Industrie wieder etwas mehr Vertrauen gegeben», schliesst der Fachbereichsleiter daraus. Der europäische Werkzeugmaschinenverband CECIMO hat die Ausstellung auf dem neuen Mailander Messegelände Fieramilano RHO tatkräftig unterstützt.
Umfragen bei Schweizer Ausstellern bestätigen diese Analyse Blättlers: «Die Schock-Starre ist überwunden», meint etwa Frank Fehlmann von Fehlmann AG in Seon. Auch andere Aussteller sprechen von einem schwachen Silberstreifen am Horizont. «Der Sturmwind ist abgeflaut», sagt Verkaufsleiter Peter Baumgartner von Schneeberger Linear Technology in Roggwil BE.
Auch Schneeberger wurde von der Krise arg getroffen, ein Personalabbau war nicht zu vermeiden. Doch nach der EMO hat -Baumgartner Zuversicht gefasst: «Wir haben Grund zu verhaltenem Optimismus, die Talsohle scheint überschritten.»
Etwas verhaltener äussert sich Frank Brinken, der CEO von Starrag-Heckert in Rorschacherberg. «Ich rechne mit einem Ende des Tunnels erfahrungsgemäss erst in drei Jahren», meint Brinken. Interessant sind seine Aussagen, wie man bei Starrag-Heckert diese Durststrecke überwinden will: «Einstellungsstopp ja, aber nicht bei den Lehrlingen. Und in Forschung und Entwicklung wollen wir auf gleichem Niveau voll weiter machen.»
Gesucht: die richtige Lösung
Die EMO ist keine eigentliche Besteller-Messe. Wenn Interessenten mit fertigen Skizzen oder Plänen für ein Teil kommen, schlägt das Aussteller-Herz höher. Wir möchten dieses Teil herstellen, habt ihr die Maschine, die Werkzeuge, welche dies zuverlässig und vorteilhaft für uns erledigen können? «Von solchen und ähnlich interessanten Gesprächen wurde mir im Verlaufe der Messe zunehmend berichtet», hat Christoph Blättler festgestellt.
Und dies sei ein klares vertrauensbildendes Signal. Allerdings sind auch konkrete Abschlüsse während der Messe vor Ort bekannt geworden, etwa beim Beschichtungsanlagenhersteller Platit aus Grenchen. Von Aufträgen über 52,5 Millionen Euro berichtet gar der deutsche Maschinenbauer Gildemeister aus Mailand.
Die Krise ist deshalb aber noch längst nicht vorbei. Die meisten Aussteller müssen noch eine weitere Durststrecke mit Kurzarbeit überbrücken. Bei den kleineren und mittleren Unternehmen sind die «Feldflaschen» meist gut gefüllt. «Wir wollen auch diese Durststrecke möglichst ohne Entlassungen bewältigen, das ist unser erstes Ziel», meint stellvertretend Jörg Leimgruber vom Werkzeughersteller Alesa in Seengen. Auch J. Leimgruber fühlt nach der diesjährigen EMO wieder etwas festeren Boden unter den Füssen: «Der Zuschauerzustrom zeigt ein deutlich grösseres Interesse als erwartet.» Den Schweizer Aussteller ist aufgefallen, dass überraschend viele Besucher aus Russland und Indien stammten. Es gab mit Besuchern aus diesen Nationen zahlreiche interessante Calls.
Sehr gute räumliche Bedingungen
Begeistert zeigten sich die meisten Schweizer Aussteller vom neuen Mailänder Messegelände mit seinen fast säulenlosen Hallen - nicht zuletzt von den Ausstellerparkplätzen direkt vor der eigenen Halle. Ein grosser Vorteil. Weniger begeistert zeigten sie sich vom bürokratischen Aufwand im Vorfeld der Messe.
5-Achs-Lasertechnologie für den Formenbau
Auch bei den Innovationen konnte sichdie Schweiz sehen lassen, allen voran GF Agie-Charmilles mit ihrem neuen Laserprozess, Laserablation, eine echte Neuigkeit. Vor allem für den internationalen Designermarkt besitzt diese neue Technik ein grosses Entwicklungspotential. Die Lasermaschinen von Agie-Charmilles ermöglichen das Texturieren, Gravieren, Mikrostrukturieren, Markieren und Beschriften von komplexen 2D- und 3D-Geometrien.
Handyrückseiten, scheinbar aus Krokodilleder, dies ist nur eine der künftig möglichen Anwendungen dieser neuen Technik. Der Prozess besitzt definitiv auch noch beträchtliches Entwicklungspotential.
Grossmaschinen für Bergbau und Energie
An der diesjährigen EMO fiel auch auf, dass die Grossmaschinen, entgegen einer verbreiteten Meinung, nach wie vor sehr präsent sind. Offenbar sind diese Maschinen nach wie vor für Anwendungen in Windenergie, Bergbau und Tunnelbau sehr gefragt. Die Italiener und die Spanier belegen in diesem Segment nach wie vor wichtige Positionen. So zeigte beispielsweise, P.A.M.A. SRL einen riesigen Spindelstock aber auch der Stand von Juaristi TS aus Spanien beeindruckte.
Eine zweite wichtige Feststellung im internationalen Vergleich: Die Anzahl chinesischer Aussteller hat sich im Vergleich zur letzten Mailänder EMO verdoppelt. Bei der auf europäische Verhältnisse zugeschnittenen Messepräsentation konnte die aufstrebende, chinesische Werkzeugmaschinenbranche noch nicht ganz mithalten: Zu viel wurde noch auf Video, Plakate und CAD gesetzt. «Hardware» fehlte weitgehend. Aber dies dürfte sich schon bei der nächsten EMO 2011 ändern, dannzumal tournusgemäss in Hannover. Eines ist jedoch sicher: China kommt.
Nur der Kanton Bern unterstütze seine Unternehmen
Die Schweizer Aussteller nahmen viel Geld in die Finger, um sich in Mailand zeigen zu können. Dabei hat einzig der Kanton Bern seine Firmen finanziell für die Messegebühren unterstützt. «Wir würden uns wünschen, dass der Bund für alle mitzieht», fordert Mario Macario vom Thurgauer Werkzeughersteller Utilis. «Wir profitieren von keinen staatlichen Konjunkturprogrammen, leider fliesst das Geld hauptsächlich in Infrastruktur-Vorhaben.»
Das Fazit von Fachverbandsleiter Blättler: «Ich erwarte auch nach dieser wichtigsten Branchenveranstaltung dieses Jahr noch keine grossen Sprünge, aber ich schaue dem kommenden Jahr etwas gelassener entgegen, als ich das vor der EMO Milano getan habe.»
AutorGeorges Wüthrich
