Hugo Borner, Leiter Berufsbildung, Kanton Solothurn

Redakteur: Redaktion SMM

Über mehr als ein Vierteljahrhundert Erfahrung in der Berufsbildung verfügt Hugo Borner. Er betont, dass das Qualitätsbewusstsein in der Bildung markant zugenommen habe. Das duale Schweizer Bildungssystem zeigt in diesem Zusammenhang seine Stärken.

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Swissmechanic: In Ihrer langjährigen Tätigkeit in der Berufsbildung haben Sie ohne Zweifel schon einige kleinere und grössere Veränderungen miterlebt. Sie konnten während Ihrer Tätigkeit den kontinuierlichen Wandel im gesamten Bildungsbereich miterleben. Welches waren für Sie die prägendsten Veränderungen in den letzten Jahren?

Hugo Borner: Ich möchte die Veränderungen im gesamten Bildungsbereich etwas differenziert betrachten. Den Wandel innerhalb der Berufsbildung isoliert darzustellen wäre zu einseitig. Vielmehr ist sie immer auch ein Abbild der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung.

Dass ein Wandel in den vergangenen 25 Jahren stattgefunden hat bleibt doch unbestritten. Wo stellen Sie denn die grössten Unterschiede in der Berufsbildung von 1982 und derjenigen im Jahre 2009 fest.

Das Qualitätsbewusstsein hat in der Bildung markant zugenommen. Das Verständnis, aber auch die Bereitschaft grosser Kreise der Wirtschaft, bildungswillige Jugendliche gut auszubilden und dafür entsprechende Vorleistungen zu erbringen, ist in dieser Periode stetig gewachsen. Gleichzeitig stellen wir auch fest, dass die Anforderungen an eine Berufslehre und deren Qualität gestiegen sind. Die Schulabgänger, die vor einer Berufswahl stehen, sind sich dessen bewusst. Sie erkennen die Notwendigkeit eines qualitativ hohen Ausbildungsstandes in der Grundbildung, um die Anforderungen der Wirtschaft erfüllen zu können. Trotzdem dürfen wir festhalten, dass in den vergangenen Jahren die Anzahl der Übertritte aus der Stufe Sek I in die Stufe Sek II, mit dem Ziel erfolgreich eine Berufsbildung abzulegen, stetig angestiegen ist.

Werfen wir einen Blick über die Landesgrenzen, so stellen wir fest, dass die Schweiz, abgesehen von wenigen Ausnahmen als einzige das duale/triale Bildungssystem pflegt. Ist diese Art der Berufsbildung auch volkswirtschaftlich betrachtet ein Relikt der Vergangenheit oder könnte diese Form der Berufslehre auch für andere Länder eine Möglichkeit sein, die Jugendarbeitslosigkeit gering zu halten und der Wirtschaft gut ausgebildeten Nachwuchs zur Verfügung zu stellen?

Ich bin ein überzeugter Verfechter der dualen/trialen Berufsbildung. Wir dürfen stolz sein auf unser verbundpartnerschaftliches Berufsbildungssystem. Dass damit auch Lorbeeren zu holen sind, beweist das gute Abschneiden unserer Berufe an den Berufsweltmeisterschaften oder ähnlichen Veranstaltungen. Ich darf auch festhalten, dass unser System zumindest in verschiedenen Ländern in Europa wahrgenommen wird. Möglicherweise ist es uns bis anhin noch zu wenig gelungen, unser Bildungssystem als erfolgreichen Exportschlager zu vermarkten. Zunehmend rücken europäische Studien (OECD etc.) unser System in ein positives Licht, was beweist, dass unser duales/triales Bildungssystem unbedingt beibehalten und gefördert, ja sogar noch mehr ausgebaut werden sollte.

Es sind auf Druck der Politik Bestrebungen im Gange, die Berufsbildung für all diejenigen Schulabgänger zu öffnen, denen die Voraussetzung für eine weiterführende Schulbildung abgeht. Besteht nicht dadurch eventuell die Gefahr, dass das Image, aber auch die Qualität einer Berufsbildung schlussendlich leidet?

Dies ist keine einfach zu beantwortende Frage. Die Problematik ist uns wohl bewusst. Schon früher konnte oder wollte ein Teil der Schulabgänger keine Berufslehre absolvieren. Trotzdem ist es vielen davon gelungen, sich mittelfristig durchaus im Berufsleben zu etablieren. Wichtig scheint mir, dass neue Berufe und angepasste Berufsfelder partnerschaftlich (Bund/Kantone/Wirtschaft) erarbeitet werden. Sie müssen einerseits zwingend den Ansprüchen der Wirtschaft genügen - und anderseits für die Jugendlichen noch mach- und lernbar sein. Ein Unterfangen, das für die Bildungsverantwortlichen nicht immer einfach ist. Vielfach ist es für unentschlossene oder leistungsschwächere Jugendliche sinnvoller, eine sogenannte Zusatzschlaufe einzulegen oder sie erhalten die Chance, zu einem späteren Zeitpunkt das Versäumte in geeigneter Form nachzuholen.

In den kommenden Jahren ist mit einer regional etwas unterschiedlichen Ausprägung ein markanter Rückgang an Schulabgängern von 10 bis zu 20% zu rechnen. Wie schätzen Sie die Situation im Kanton Solothurn ein, und was gedenken Sie allenfalls zu unternehmen, damit dieser Rückgang die Ausbildungsbetriebe nicht vor schier unlösbare Probleme stellt?

Ich schätze die Lage zurzeit nicht so pessimistisch ein. Wir haben jedoch auf eidgenössischer wie auch auf kantonaler Ebene die Problematik erkannt und werden gemeinsam mit der Wirtschaft nach Lösungen suchen.

Wir stellen fest, dass insbesondere bei den 4-jährigen technisch ausgerichteten Lehren, die hohe geistige wie handwerkliche Fähigkeiten voraussetzen, der Rückgang der Schulabgänger sich schwerwiegend auswirken könnte. Einerseits wird, bedingt durch die sozio-demographische Entwicklung sowie durch den ungebrochenen Trend hin zu den Mittelschulen, das vorhandene Potenzial an Lernenden wesentlich zurückgehen. Können Sie uns Möglichkeiten aufzeigen, wie einerseits die Wirtschaft, andererseits aber auch das Berufsbildungsamt mithelfen können, dieses auf uns zukommende Problem zu lösen?

Es kann und darf nicht das Ziel der Sekundarstufe 1 sein, den Akademisierungsgrad zu Lasten der Berufsbildung zu erhöhen. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang, dass die Jugendlichen je nach Fähigkeit und Interesse ihren künftigen Bildungsweg gehen - ebenso, dass möglichst alle Schulabgänger einen Anschluss an die Sekundarstufe 2 finden. Es muss deshalb das gemeinsame Ziel seitens der Wirtschaft und des Berufsbildungsamtes sein, den Schulabgängern und den Entscheidungsträgern die Attraktivität der beruflichen Grundbildung aufzuzeigen. Selbstverständlich braucht es dazu auch die entsprechenden Voraussetzungen in den Ausbildungsbetrieben. Ferner muss es beiden Partnern gelingen, die Karrierechancen nach der Berufslehre aufzuzeigen. Das heisst, wir müssen es fertig bringen, das breite Spektrum der beruflichen Möglichkeiten durch ein entsprechendes Weiterbildungsangebot mit der notwendigen Durchlässigkeit aufzuzeigen. Es muss uns gelingen, den jungen Leuten (und den Entscheidungsträgern) zu verdeutlichen, dass die berufliche Karriere mit dem Weg über eine Berufslehre wesentlich vielseitiger und ebenso erfolgreich sein kann wie über eine rein schulisch/akademische Bildung.

Wie muss sich Ihrer Meinung nach ein Ausbildungsbetrieb, speziell ein Kleinbetrieb verhalten, damit er auch in Zukunft geeignete Schulabgänger für eine Berufslehre in seinem technischen Gewerbebetrieb oder in seinem kleinindustriell geprägten Unternehmen ausbilden kann?

Vorab, die angesprochenen Zielgruppen haben es in der Vergangenheit ja richtig gemacht. Vergleicht man die statistischen Angaben, darf festgehalten werden, dass gerade die KMU-Betriebe in den letzten Jahren massgeblich zur quantitativen Steigerung der Lehrverträge beigetragen haben. Vermehrt höre ich aber auch von den Bildungsverantwortlichen grösserer Betriebe, dass sie es begrüssen würden, wenn die Lernenden nach der Lehre dem Betrieb erhalten blieben und nicht primär und unmittelbar den Weg zur Fachhochschule suchen würden.

Diese Aussage können wir nur unterstützen. Zum Abschluss möchten wir Sie fragen, wie in Zukunft die Zusammenarbeit zwischen der Swissmechanic-Dachorganisation und der Sektion Solothurn mit dem Berufsbildungsamt des Kantons Solothurn noch verbessert werden könnte?

Wir erachten den gegenseitigen Respekt und das Verständnis für die jeweilige Gegenseite als wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Verbänden und uns.

So darf ich auch mit Stolz behaupten, dass, insbesondere im Hinblick auf den steten Ausbau des Swissmechanic-Ausbildungszentrums in Gerlafingen, der Kanton und unser Amt einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen beigetragen haben. Unser langjähriges ideelles wie finanzielles Engagement hat bestimmt geholfen dass die Swissmechanic Sektion Solothurn heute auf ein modernes und mit einer guten Infrastruktur versehenes Ausbildungszentrum hinweisen kann. Wichtig scheint uns, dass bestimmt auch mit unserer Hilfe ermöglicht wurde, in diesem Zentrum die üK-Ausbildung nicht nur quantitativ, sondern qualitativ einen hohen Stand erreicht hat. Zusammen mit den Verantwortlichen der Swissmechanic Sektion Solothurn wird es uns bestimmt auch in Zukunft gelingen, kommende Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Dies zum Wohle eines hohen Ausbildungsstandes in der beruflichen Grundbildung und Weiterbildung.

Bei dieser Gelegenheit möchten wir es nicht unterlassen, Ihnen für Ihr vieljähriges Engagement für die berufliche Bildung, insbesondere auch für die Berufslehren von Swissmechanic, verbunden mit dem Ausbildungszentrum in Gerlafingen, recht herzlich zu danken.

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