Swissmechanic «Ich sehe die Zukunft eigentlich positiv...»
>> SWISSMECHANIC im Interview mit Peter Schütz. Er ist Inhaber eines erfolgreichen mittelständischen Unternehmens, der Letrona AG in Friltschen, und Mitglied des Verbandes SWISSMECHANIC. Ausserdem ist er auch Präsident des Thurgauischen Gewerbeverbandes und Kantonsrat.
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SWISSMECHANIC: Peter Schütz, Sie sind Inhaber der Firma Letrona AG in Friltschen, und Sie sind bekannt als Hersteller der im ganzen Land sichtbaren grösseren und kleineren Masten unter anderem für unsere Telekommunikation. Spüren Sie den zunehmenden Widerstand, wenn es um das Aufstellen von derartigen Masten geht?
Peter Schütz: Unsere Leistung beginnt dort, wo eine Baubewilligung erteilt wurde. Wir stellen fest, dass offerierte Projekte zum Teil wegen Einsprachen mehrere Jahre in Anspruch nehmen, bis sie gebaut werden können. Wenn man heute wegen Einsprachen einen Standort verlegen muss, so erfordert das neue statische Berechnungen und eine erneute Eingabe der Offerte. Dadurch hat der administrative Aufwand bei diesen Projekten massiv zugenommen.
Als wichtiger Fertigungsbereich der Letrona AG gilt der Bereich der Kommunikationstechnik, das heisst der Kommunikations-Infrastruktur. Das bedeutet, die Letrona AG ist weitestgehend auch in der Baunebenbranche tätig. Gerade diese Branche wurde in den letzten Jahren von der Wirtschaftskrise verschont. Wie wirkt sich hingegen die Stärke des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro aus? Ist Ihr Bereich weniger krisenanfällig, oder spüren Sie die Krise auch?
P. Schütz: Wir sind nicht so krisenresistent wie das Bauhaupt- oder das Ausbaugewerbe. Unser Unternehmen hat seine Wurzeln in einem erweiterten Bereich der Telekommunikation. 1998/1999 wurde die Entscheidung gefällt, die Mobilkommunikation in der Schweiz zu liberalisieren oder zumindest zu teilliberalisieren und neben der Swisscom zwei weitere Wettbewerber auf dem Markt zuzulassen. So haben die neuen Anbieter «Sunrise» und «Orange» ihre eigenen Netze aufgebaut. Von dieser aussergewöhnlichen Entwicklung konnten wir selbstverständlich auch profitieren. Es war für uns eine sensationelle Entwicklung, damals die Netze punktuell weiter ausgebaut, und es braucht Ersatz. Aber der Zenit ist längst überschritten. Ausserdem müssen wir feststellen, dass der Widerstand der Bevölkerung gegen diese Projekte zunimmt. Diese Tatsache erschwert uns, eine gleichbleibende Kontinuität im Wachstum zu erzielen. Hier liegen die Unterschiede zum Bauhauptgewerbe, wo man in den letzten Jahren mehr oder weniger hochkonjunkturelle Voraussetzungen feststellen konnte. Erschwerend kommt hinzu, dass in der Mobilkommunikation Projekte nach den Gadgets (technische Richtlinien) europaweit ausgeschrieben werden müssen. Dort treffen wir auf ein wesentlich anderes Wettbewerbsumfeld als im binnenmarktorientierten, traditionellen Baugewerbe. Wie angetönt, müssen wir in unserer Branche mit grossen Schwankungen leben. Es gibt natürlich viele Projekte, wie zum Beispiel Aufträge für den Ausbau des Policomnetzes (kantonale Polizeifunknetze). Wir konnten schon für verschiedene Kantone die Basisinfrastruktur liefern. Wenn diese Projekte laufen, hat man natürlich innerhalb von 12 bis 18 Monaten eine stattliche Anzahl an Masten zu erstellen. Wenn diese Projekte realisiert sind, ist wieder Schluss. In diesem Bereich hat man nie konstante Auslastung, und so leben wir in diesem Bereich mit enormen Schwankungen.
Haben Sie Probleme mit dem hohen Schweizer Franken?
P. Schütz: Wir haben im Bereich der Kommunikationsinfrastruktur einen direkten Export-Anteil von ungefähr 10 Prozent. Wir fakturieren in Euro, die Preise konnten wir nie erhöhen, und somit trifft uns die momentane Situation ausserordentlich stark. Die Ertragsmarge ist völlig weg bei der derzeitigen währungspolitischen Situation.
Ihr Unternehmen beschäftigt je nach Auftragsvolumen und saisonal bedingten Schwankungen zusätzlich zum ordentlichen Personalstamm von etwas über 70 Mitarbeitenden teilweise bis zu einem Drittel temporäre Stellen, das sind gegen 30 temporäre Arbeitsplätze. Wie ist es möglich, innert einer doch kurzen Zeit so viele zusätzliche Mitarbeitende zu rekrutieren und diese dann auch wieder zu entlassen?
P. Schütz: Wir rekrutieren diese Mitarbeitenden aus dem Fundus der temporären Personalverleiher oder können im Einzelfall auf Fachkräfte zurückgreifen, die für Temporäreinsätze gerne zur Verfügung stehen. In Spitzenzeiten haben wir 20–25 Temporär-Mitarbeiter, diese sind immer befristet angestellt. Das befristete Arbeitsverhältnis besteht in der Regel zwischen 2 und 4 Monaten.
Hat der kürzlich neu abgeschlossene Gesamtarbeitsvertrag für Temporär-Mitarbeitende bereits spürbare kostenwirksame Folgen für Ihr Unternehmen?
P. Schütz: Ja, es gibt erste Anzeichen von Auswirkungen auf die Preise. Ich bin überzeugt, dass diesbezüglich die Personalkosten noch massiv zunehmen werden. In der Regel laufen längerfristige Verträge mit diesen Personalvermittlern. Müssen die Verträge jedoch neu ausgehandelt werden, bin ich überzeugt, dass der Gesamtarbeitsvertrag für uns in der Summe sich eher nachteilig auswirken wird. Ich denke, die Nachteile werden vor allem mit höheren Kosten verbunden sein.
Wie schätzt Peter Schütz als Unternehmer die Zukunftsaussichten für sein Unternehmen ein?
P. Schütz: Ich sehe die Zukunft eigentlich positiv, die uns aber im zunehmenden Ausmass vor grosse Herausforderungen stellt. Positiv in dem Sinn, dass ich überzeugt bin, dass wir in unserem Unternehmen viele ausgezeichnete Spitzenfachkräfte beschäftigen. Dies ist die Grundlage für jeden zukünftigen Erfolg. Ich spreche gerne von «meinen» Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Ich lege grossen Wert darauf, dass sich unser Personalstamm überdurchschnittlich aus- und weiterbildet. Es gehört auch zu unseren Aufgaben, eigene Lernende in der Konstruktion und anderen Bereichen auszubilden, das ist ganz wichtig für uns. Es stimmt mich eigentlich positiv, dass wir wirklich gut aufgestellt sind und bis heute leistungsfähig geblieben sind. Wir haben Top-Leute, die bereit sind, sich einzusetzen und Überdurchschnittliches zu leisten. Wir sind immer noch geprägt von einer ländlichen Kultur und Denkhaltung. Unsere Leute wissen, dass, wenn viel Arbeit anliegt, diese Aufträge fristgerecht ausgeführt werden müssen und daher auch Mehrleistungen erforderlich sind. Sie verstehen aber auch, dass, wenn es wenig Arbeit hat, wir runterfahren müssen. Das funktioniert bei uns relativ gut. Ich denke, das ist eine Stärke der Schweizer Wirtschaft. Deshalb müssen wir schauen, dass die mehr oder weniger liberalen Arbeitsrechte erhalten bleiben und uns nicht noch mehr Einschränkungen auferlegt werden. Die Reglementierungsdichte engt uns zunehmend in unserem dringend notwendigen Handlungsspielraum ein. Mit zunehmenden gesetzlichen Restriktionen geben wir wirtschaftliche Vorteile preis, die nicht nur meinem Unternehmen abträglich wären, sondern unserer Wirtschaft respektive unserer gesamten Volkswirtschaft noch nicht abzuschätzende Schäden zufügen würden. Noch sind wir noch nicht so weit. Ich bin überzeugt, dass die Mehrheit unserer Politiker und unser Volk dies auch so sehen. Das stimmt mich positiv.
Tendenziell bekommt man den Eindruck, dass in der Schweiz der Abbau des produktiven Wirtschaftssektors eine unwiderrufliche Tatsache sei. Wie beurteilen Sie die momentane Situation?
P. Schütz: Die gesamte Entwicklung stimmt mich nachdenklich. Wir müssen mit der Tatsache leben, dass wir ein Hochpreisland sind. Ich spüre heute klar die Tendenz, auch bei meinen Kunden, dass wir mehr denn je mit ausländischen Anbietern verglichen werden und zu diesen im harten Konkurrenzwettbewerb stehen. Ich erlebe beinahe täglich hautnah, wie bisherige Kunden gewisse Produkte nicht mehr in der Schweiz, sondern im EU-Raum einkaufen. Diese ebenfalls unter Druck geratenen Kunden sind gezwungen, diese Änderung des Kaufverhaltens mitzumachen. Diese Tatsache ist eindeutig auf die momentane Währungssituation zurückzuführen. Für mich ist es eine ganz enorm schwierige Entwicklung, wenn jetzt Unternehmungen beginnen, ihre Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Das ist ein Zeichen, das mich sehr nachdenklich stimmt. Wenn eine Unternehmung Arbeitsplätze verlagert, dann ist es an einem Punkt, wo dieser Prozess sehr weit vorangeschritten ist. Natürlich kann man sagen, man hat vor 10 bis 15 Jahre schon aus diesen Überlegungen Arbeitsplätze in den EWR-Raum oder in die EU verlagert, und einige sind wieder zurückgekommen. Aber nicht mehr viele. Denken wir an die einst blühende Textilindustrie. Ich bin selbst in einer noch ansässigen Textilfirma im Verwaltungsrat und kann die momentane Situation hautnah miterleben. Das heisst, die Deindustrialisierung der Schweiz ist kein theoretisches Planspiel, sondern findet heute in der Alltagsrealität statt. Sollte dieser Prozess weitergehen oder sich gar noch verstärken, dann fehlt bei uns in der Realwirtschaft ein ganz wichtiger Teil. Wer glaubt, die Schweiz könne nur aus Dienstleistern bestehen, liegt falsch, das funktioniert so nicht. Das geht schon rein gesellschaftspolitisch nicht. Wir können nicht alle Arbeitnehmenden im Tertiärsektor beschäftigen. Daneben brauchen wir auch noch das Gewerbe und die Industrie, die wichtige Grundlagenarbeit leisten. Darum glaube ich, dass es für die Schweiz und für uns als Werkplatz enorm entscheidend ist, dass wir eine vernünftige Balance zwischen Werk-, Denk- und Finanzplatz haben. Wir brauchen diese drei Bereiche, und diese müssen in einem ausgewogenen Mass erhalten werden. Sonst kippt das ganze System. Eine vernünftige Grösse für die drei Hauptwirtschaftsbereiche zu erzielen, die unserer gesamten Volkswirtschaft und dem Wohlergehen unseres Landes förderlich sind, das ist für mich die grosse Herausforderung für die Schweiz. <<
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