Interview mit Josef Widmer

Redakteur: Lya Bartholet

>> SWISSMECHANIC stellte Josef Widmer, dem Dienststellenleiter Berufs- und Weiterbildung, Luzern, acht grundsätzliche Fragen zur beruflichen Bildung. Hierbei geht es um die Entwicklung der Berufsbildung und um die Bekämpfung des Fachkräftemangels.

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Josef Widmer (Bild: Swissmechanic)
Josef Widmer (Bild: Swissmechanic)

Swissmechanic: Sie sind im Kanton Luzern Leiter der Dienststelle Berufs- und Weiterbildung. Wie viele Jahre sind Sie schon Amtsträger, und was hat sich seit dem Inkrafttreten des neuen Berufsbildungsgesetzes alles verändert?

Josef Widmer: Ich bin nun beinahe 12 Jahre Leiter meiner Amtsstelle. Das neue Berufsbildungsgesetz gibt es seit dem Jahre 2004. Ich würde den zweiten Teil Ihrer Frage wie folgt zusammenfassen: Für die Betriebe bringt das neue Gesetz klarere Strukturen und ein verbessertes Verständnis, welche Ausbildungsaufgaben ein Lehrbetrieb zu erfüllen hat. In den Bildungsplänen wird aufgezeigt, welche Aufgaben dem Lehrbetrieb, welche dem Ük-Zentrum (Ausbildungsort der überbetrieblichen, fachlichen Grundbildung) und welche der Berufsfachschule zugeordnet werden.

SM: Welche Erwartungen wurden mit dem neuen Gesetz nicht erfüllt?

J. W.: Eine Reduktion der Berufe, wie sie damals bei der Reorganisation der MEM-Berufe auf wenige Berufsfelder erzielt wurde, konnte bei den übrigen Berufen nicht umgesetzt werden.

SM: Die Gesamtzahl der Schulabgänger ist gesamtschweizerisch teilweise massiv am Zurückgehen. Wie entwickelt sich diese Situation in der Zentralschweiz?

J. W.: Auch bei uns wird sich die demografische Entwicklung bemerkbar machen. Man spricht heute von einem Rückgang von bis zu 15 % in den nächsten 5 bis 6 Jahren. Gelingt es der Berufsbildung nicht, diesen Rückgang in Grenzen zu halten, droht in einzelnen Berufen ein spürbarer Fachkräftemangel.

SM: Plant Ihr Amt entsprechende Massnahmen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken?

J. W.: Ja, wir haben verschiedene Ideen und Szenarien entwickelt. Alleine werden wir dies jedoch nicht schaffen, und es ist unsere Absicht, entsprechende Massnahmen nur im Zusammenspiel mit den Berufsverbänden einzuleiten. So ist die Berufswerbung eine Aufgabe der Berufsverbände. Wir werden diese jedoch unterstützen. Wir führen auch Gespräche mit den Verbänden, und wir verstärken generell das Berufsmarketing. Ziel soll sein, dass unsere Botschaft bei Eltern, Schülern und der Lehrerschaft ankommt und sie verstehen, dass mit einer beruflichen Ausbildung eine gleichwertige Berufskarriere oder Laufbahn erreicht werden kann, wie beim Beschreiten des schulischen, akademischen Bildungsweges.

SM: Seit der Einführung des neuen Berufsbildungsgesetzes hat sich die Tendenz in den MEM-Berufen nachweislich verstärkt, eine Lehre in einer Vollzeitschule oder in einer Lehrwerkstätte mit anschliessendem Berufspraktikum zu machen. Darunter leiden vermehrt die kleineren Lehrbetriebe, die oft Schwierigkeiten bekunden, entsprechend geeignete Schulabgänger für die klassische „Meisterlehre“ zu gewinnen. Welche Tendenzen stellen Sie in der Zentralschweiz fest?

J. W.: In der Zentralschweiz oder hier im Kanton Luzern kennen wir praktisch keine der angesprochenen Angebote. Wir setzen weiterhin auf die duale Lehre und sahen uns bis heute nicht dazu veranlasst, uns von diesem Modell abzuwenden. Auch seitens der Verbände haben wir keine entsprechenden negativen Rückmeldungen erhalten. Lehrwerkstäten kämen allenfalls bei uns in Frage, wenn wir eine ungenügende Anzahl von Lehrbetrieben feststellen müssten, dies ist aber nicht der Fall.

SM: Die Berufsbildung wird in Zukunft vermehrt den Blick nach Europa werfen müssen. So sind europaweite Bestrebungen im Gange, einheitlichere und vergleichbare Berufsqualifikationen zu erzielen. Hat unser duales Berufsbildungssystem in diesem europäischen Bildungsrahmen überhaupt noch eine Überlebenschance?

J. W.: Mit voller Überzeugung darf ich sagen, dass unser duales Berufsbildungssystem im europäischen Kontext eine ausgezeichnete Chance hat. So gibt es immer wieder Länder, die unser Bildungssystem studieren wollen. Sie kommen bestimmt nicht, um ein Negativbeispiel zu studieren, sondern wollen sich vielmehr über den Erfolg unseres Systems erkundigen, das nicht zuletzt zur international gesehen sehr tiefen Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz beiträgt. Es wäre falsch, wenn die Schweiz sich irgendeinem ausländischen Ausbildungssystem anpassen würde, welches schwergewichtig eine rein schulische Ausbildung im Vordergrund hat. Es muss uns gelingen, vermehrt unsere Stärken auch im Ausland aufzuzeigen und auch zu verkaufen. Diesbezüglich kennen unsere deutschsprachigen Nachbarländer analoge Systeme. So sollte es uns gemeinsam gelingen, das sehr effiziente duale Ausbildungssystem gemeinsam weiterzuentwickeln. Ein Aufgeben unseres äusserst erfolgreichen Modells wäre auch volkswirtschaftlich gesehen ein grosser Fehler.

SM: Welches sind die Aufgaben der Berufsverbände, um das duale Berufsbildungssystem erfolgreich weiter zu entwickeln?

J. W.: Wichtig erscheint mir, dass sich die Berufsverbände vor allem mit Herzblut und Engagement zur dualen Berufsbildung bekennen. Es gehört zu ihren Aufgaben, die Berufe stets den tatsächlichen Bedürfnissen anzupassen und die Berufsentwicklung entsprechend zu gestalten. Besonders wichtig erachte ich, dass die Berufsverbände dem Nachwuchs die vielfältigen und interessanten Perspektiven aufzeigen, die im Beruf möglich sind. Dazu gehört nebst fundierten Möglichkeiten in der beruflichen Grundbildung das Aufzeigen von Laufbahn-Perspektiven in der Weiterbildung oder in einer höheren Berufsbildung.

SM: Welches sind die Aufgaben, die die Berufsverbände im Zusammenspiel zwischen dem einzelnen Betrieb und den Kantonen beziehungsweise dem Bund in Zukunft wahrnehmen soll? Können allenfalls die Kantone die ursprünglich den Berufsverbänden zugedachte Rolle übernehmen?

J. W.: Überhaupt nicht! Diesem Gedankenspiel kann ich mich nicht anschliessen. Für mich bleiben die Berufsverbände auch in Zukunft wichtige Partner. Dies einerseits auf nationaler Ebene, um die Gestaltung der Bildungspläne und die grundlegende Richtung und Positionierung der Berufe zu definieren. Anderseits sind die Berufsverbände unsere Partner auf regionaler und kantonaler Ebene, um die Berufsbildung zu koordinieren, sei dies in der Berufswerbung oder bei der Durchführung der Überbetrieblichen Kurse. Dazu kommen noch viele weitere Aktivitäten wie beispielsweise die Qualifikationsverfahren, die wir nur gemeinsam sinnvoll und erfolgreich zu Gunsten der Berufsbildung angehen können. Zu den wesentlichen Aufgaben des Staates gehören das Führen der Berufsfachschulen sowie die Koordination des Gesamtsystems.

SM: Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

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