Industrie 4.0 in der Praxis

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Schritt für Schritt also?

M. Krack: Richtig. Die Umsetzung der grossen Vision erst in einer Ecke beginnen. Und da kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es doch einige Betriebe gibt, die klare Ideen haben. Der Pumpenfabrikant, der sagt: In Zukunft müssen unsere Pumpen digital steuerbar sein. Dafür müssen zum Beispiel die Schnittstellen entsprechend neu gestaltet werden. Nur so können sie über das Internet kommunizieren und entsprechend geregelt werden.

Das ist ja schon eine konkrete Idee. Wie weiter? Was empfehlen Sie den Unternehmen?

M. Krack: Wer ein Projekt nicht selber stemmen kann oder will, der kann jederzeit bei uns für ein erstes Beratungsgespräch anfragen. Das ist für das Unternehmen grundsätzlich unverbindlich und es entstehen hierfür auch keine Kosten.

Wie läuft denn eine Kooperation mit Ihnen (FITT) ab?

M. Krack: Meistens kommt eine zaghafte Anfrage zu einem bestimmten Problem und, ob wir ihnen behilflich sein könnten. Die Firmen wissen oft nicht, was wir für Kooperationsmöglichkeiten anbieten. Darum gibt es immer zuerst ein Treffen, an dem geklärt wird, was für den Betrieb die beste Zusammenarbeitsform mit der Hochschule ist. Dann schauen wir uns zusammen die Firma an und erörtern die Problemstellung.

Sie bieten neben den Studierendenprojekten, in denen Bachelor- oder Master-Studenten Lösungen für Unternehmen und Organisationen erarbeiten, auch Unterstützung bei KTI-Projekten an. Dabei geht es um Geld, das vom Bund für Forschung und Entwicklung (F+E) von der Kommission für Technologie und Innovation (KTI) gesprochen wird.

M. Krack: Das ist richtig. Je nach Aufgabenstellung oder Komplexität der Fragestellung können Unternehmen diese
mittels Studierender oder langfristiger KTI-Projekte mit Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitenden unserer Institute bearbeiten lassen. Eine typische Aufgabenstellung für die Studierenden ist zum Beispiel die Optimierung von Prozessen. Als Basis dient den Studierenden Kaizen, sprich Lean-Management.

Profitieren die Unternehmen von der Arbeit der Studierenden?

M. Krack: Absolut! Die Firmen haben danach schon mal die erste Rückmeldung: Wie sollten die Prozesse optimiert werden. Anschliessend wird ein Konzept erstellt, wie die Problemstellung gelöst werden könnte. Wenn nun ein langfristiges F+E-Nachfolgeprojekt nötig ist, unterstützen wir das KMU bei der Eingabe dieses Projektes bei der Kommission für Technologie und Innovation. Gerade durch die Studierendenprojekte entstehen teilweise im Anschluss neue KTI-Projekte für uns. Die Firmen kennen uns und sind von unserer Kompetenz überzeugt.

Auf die Kompetenzen kommen wir gleich zu sprechen. Können Sie vorher sagen, wie viele Projekte die FHNW schweizweit pro Jahr durchführt?

M. Krack: Alleine die Hochschule für Technik hat jährlich rund 450 Studierendenprojekte und 100 KTI-Projekte. Hinzu kommen 100 Dienstleistungsprojekte, die wir wie ein Ingenieurbüro anbieten.

Was für Kosten kommen auf ein KMU zu, wenn es zusammen mit der FHNW ein gemeinsames Projekt startet?

M. Krack: Die Studierendenprojekte inkl. Bachelorthesis mit Bachelor-Studenten kosten nicht die Welt. Wir erheben hierfür eine Gebühr von 1500 Franken. Dafür bearbeiten Studenten die Aufgabenstellung je nach Projekt 180 bis 360 Stunden. Begleitet werden sie durch einen fachkundigen Dozenten. Die Kosten für ein Projekt mit einem Master-Studenten liegen höher. Da ist aber der Arbeitsaufwand auch grösser. Bei Projekten im Bereich der angewandten Forschung und Entwicklung bewegen wir uns im Rahmen von 100 000 bis zu 1 Million Franken. Hier werden aber die anfallenden Kosten von der KTI übernommen.

Kommen wir auf die Kompetenzen zu sprechen. Wie bleiben Sie als FH kompetent?

M. Krack: Gerade Projekte aus der Wirtschaft helfen uns, unser bestehendes Wissen einzusetzen und weiter auszubauen. Es findet ein Wissenstransfer statt, zwischen Student, Mitarbeitenden der FH und Wirtschaft. Neben dem praktischen Wissen kommt noch die Interdisziplinarität zwischen den einzelnen Instituten der FH zum Tragen. Ein einzelnes Institut profitiert vom Know-how des anderen und umgekehrt.

Was sind ihre Kompetenzfelder innerhalb der Industrie 4.0?

M. Krack: Hier sind wir vor allem in den drei Hochschulen Technik, Angewandte Psychologie und Wirtschaft der FHNW sehr gut aufgestellt! Die bereits erwähnten cyber-physischen Systeme, das Internet der Dinge, Big Data, 3D-Printing oder die Mensch-Maschinen-Schnittstelle ...

Wahrscheinlich ein brennendes Thema?

M. Krack: Und ob. Aber auch Sensor-Aktor-System, also die Mensch-Maschinen-Interaktionen, wird angefragt. Und da wir über die Prozesse gesprochen haben, auch Ressourceneffizienz sowie die Gestaltung von neuen Geschäftsprozessen gehören zu unseren Kompetenzfeldern.

Können Projekte auch scheitern? Und warum?

M. Krack: Leider ja! Man kann dem entgegenwirken, wenn man gewisse Dinge beachtet. Ganz wichtig ist: Die Projekte müssen von der Geschäftsleitung getragen und die Mitarbeiter müssen miteinbezogen werden. Sonst ist das Projekt zum Scheitern verurteilt. Gift sind ausserdem personelle Veränderungen in der Firma; wenn also derjenige nicht mehr im Betrieb ist, der das Projekt lanciert hat. Es können aber auch mal die alten Patrons sein, die sowieso die Lösung des Problems kennen und neue Ansätze nur schwer akzeptieren. Aber auch die Leistung des Studierenden kann mal ungenügend sein.

Letzte Frage: Was empfehlen Sie einem Unternehmen, das gerne Industrie 4.0 machen will, aber nicht weiss, wo anfangen?

M. Krack: Den ersten Schritt einfach mal wagen und ein Gespräch suchen. Wie anfangs erwähnt: Nichts zu machen, ist das Schlimmste überhaupt. Wie dieser erste Schritt aussieht, muss das Unternehmen selber wissen. Das kann mit uns als Hochschule oder einem anderen Anbieter sein. Man muss sich einfach einen inneren Ruck geben und die Thematik angehen. SMM

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