Industrie 4.0 in der Praxis

Redakteur: Sergio Caré

Die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW unterstützt Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft aktiv bei der Entwicklung und Umsetzung von Industrie-4.0-Konzepten. Wie genau der Wissenstransfer zwischen Bildungsinstitution und Wirtschaft funktioniert, dafür hat der SMM mit Markus Krack von FITT gesprochen.

Firmen zum Thema

Die Hochschule für Technik der FHNW ist ein Kompetenzentrum für die Industrie 4.0.
Die Hochschule für Technik der FHNW ist ein Kompetenzentrum für die Industrie 4.0.
(Bild: Design: FHNW / Foto Sergio Caré (VBM))

Die FHNW bündelt ihr Know-how in einem interdisziplinären «Kompetenzzentrum Industrie 4.0» unter der Leitung der Hochschule für Technik FHNW, mit Beteiligung der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, der Hochschule für Wirtschaft FHNW und der Technologietransferstelle FITT – steht für Forschung, Innovation und Technologietransfer. Damit wollen sie sowohl regionale KMU als auch international tätige Firmen unterstützen, die Möglichkeiten und Vorteile neuer Technologien zu nutzen. So entwickelten die Forscherinnen und Forscher erst kürzlich zusammen mit einer Automationsfirma ein neuartiges Diagnosesystem, das die weltweite Überwachung komplexer Fertigungsanalgen in Echtzeit mittels intelligenter Software erlaubt. Im Rahmen eines anderen Forschungsprojekts mit einem Schweizer Hersteller für Sanitärarmaturen wurde ein innovatives Verfahren für den Betrieb von Schleif- und Polieranlagen konzipiert. Die Projekte kosten dabei oftmals weniger als das Honorar eines externen Beraters. Die Forschung durch Bachelor-Studenten kostet läppische 1500 CHF. Das kann sich auch ein kleines KMU leisten. Aber der Reihe nach. Wie eine Kooperation zwischen der FHNW und ein Unternehmen abläuft, erklärt Markus Krack, Leiter des Technologietransfers FITT der FHNW und der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Er ist zudem Dozent in den Studiengängen Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau sowie Studiengangleiter für den CAS-Kurs in Giessereitechnik. Das Interview führte Sergio Caré.

SMM: Soll ein Unternehmen lieber sofort digitalisieren oder abwarten?

Markus Krack: Das Schlimmste, was eine Firma machen kann, ist, nichts zu machen und möglicherweise das Feld der Konkurrenz zu überlassen.

Bildergalerie

Das scheint aber nicht bei allen KMU angekommen zu sein. Vor ein paar Monaten hat hier in Windisch die Tagung Industrie 2025 stattgefunden. Der Moderator fragte die Teilnehmer, ob diese bereits Industrie-4.0-Projekte lanciert hätten. Erschreckend wenige haben daraufhin die Hand gehoben. Können Sie sich das erklären?

M. Krack: Viele KMU können mit dem Begriff noch nichts anfangen. Sie hören immer wieder über die Digitalisierung und Industrie 4.0, wissen aber nicht, was dahintersteckt und was das vor allem für sie bedeutet. Hier wollen wir als Fachhochschule (FH) ansetzen. Industrie 4.0 ist ein übergeordneter Begriff, der aus einzelnen Elementen besteht. Aber in den Medien wird immer nur das aufsehenerregende grosse Ganze gezeigt. Nie die einzelnen Elemente. Sie bilden aber die Einheit der Digitalisierung in einer Fabrik.

Zum Beispiel?

M. Krack: Das sind zum Beispiel die cyber-physischen Systeme. Mit ihnen werden die Maschinen durch eingebettete Software und Elektronik mit entsprechenden Informationen in Form von Daten intelligent gemacht. Diese Systeme sind mit Sensoren und Aktoren mit ihrer Umwelt verbunden und kommunizieren über das Internet mit anderen Maschinen.

Stichwort Big Data

M. Krack: Genau. Aber da sind wir schon mittendrin in der Thematik. Am Anfang von Industrie 4.0 ist jedoch immer das Geschäftsmodell und nicht die Technologie. Anhand des Geschäftsmodells kann ein KMU sich fragen, was die Digitalisierung ihnen bringen würde. Im nächsten Schritt müssen dann die Prozesse innerhalb des Unternehmens überprüft und entsprechend neu gestaltet werden. Dessen sind sich etliche Betriebe nicht bewusst.

An der erwähnten Tagung wurde den Teilnehmern ebenfalls empfohlen, zuerst die physischen Prozesse in den Griff zu bekommen. Vorher sei eine Firma nicht für die Digitalisierung bereit. Sehen Sie das auch so?

M. Krack: Die Arbeitsprozesse sind elementar für Industrie 4.0. Nur aus optimierten Prozessen können Standards abgeleitet werden. Und erst dann können sich die Firmen langsam auf die Digitalisierung stürzen. Wir von der FH sagen darum immer: Die Firmen dürfen zwar gross denken, sie sollen aber im Kleinen anfangen.

(ID:44253857)