Urs Fischer hat ein Vierteljahrhundert die Normung in der Schweiz mitgeprägt und eine wichtige Rolle in der internationalen Normungsarbeit gespielt. Dank seiner intensiven Netzwerk-Tätigkeit sind Schweizer Expertinnen und Experten in Normenkomitees häufig vertreten und gern gesehen. Bevor er Ende April in Pension ging, erklärte er, wie er diese Zeit erlebt hat, wie er die Entwicklung der Normung sieht und was er selbst noch vorhat.
Von 2001 bis 2016 war Urs Fischer stellvertretender Geschäftsführer und Leiter Normung und internationale Beziehungen bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV), von 2017 bis April 2025 ihr CEO.
(Bild: SNV)
Susanne Brenner: Womit würden Sie Ihre Reise bei der SNV, beginnend mit dem ersten Tag bis heute, vergleichen?
Urs Fischer: Am ehesten mit einer weltweiten Interrail-Reise. Diese war ausserordentlich vielfältig, reichhaltig und blumig – und insgesamt sehr spannend. In den 25 Jahren erlebte ich zudem eine Art Zeitreise durch die technische Entwicklung. Aber es war auch eine Reise, die mir die Chance gegeben hat, viele unterschiedliche Kulturen kennenzulernen, unglaubliche Geschichten zu hören und zu erleben. Das Einzigartige an dieser Aufgabe war, dass ich so vielen Menschen begegnen durfte, aus heute 173 Mitgliedsländern.
Was waren die bedeutendsten Meilensteine während Ihrer Amtszeit?
U. Fischer: Ein wichtiger inhaltlicher Meilenstein war die Erweiterung des Normenverständnisses. Früher waren Normen reine Industrienormen; da ging es hauptsächlich um Schrauben, Masse oder Materialien. Im Jahr 1985 wurde die Debatte darüber geführt, ob geschäfts- und gesellschaftsrelevante Themen in die Normungsarbeit aufgenommen werden sollen. Damit begann die Diskussion um die Einführung von Management Standards. Ob sogar Themen der gesellschaftlichen Verantwortung (Corporate Social Responsibility – CSR) in die Normung einfliessen sollen, wurde 2004 auf der Konferenz der International Organization for Standardization (ISO) lebhaft behandelt. Wir waren von Anfang an für diese Erweiterungen, doch wurden sie anfänglich international nur zögerlich begrüsst. Heute sind sie etabliert und für die nachhaltige Entwicklung sehr wichtig. In den vergangenen 25 Jahren hat sich zudem geändert, wie wir die Normen zur Verfügung stellen: Anfangs mussten die umfangreichen gedruckten Normenbeschreibungen per Post verschickt werden. Mit dem Internet kam ein Web-Shop, in dem die Normen als Download gekauft werden konnten, dazu. Heute arbeiten wir mit einer Plattform, über die gewünschte Normen abonniert und das eigene Normenportfolio selbst verwaltet werden kann – vergleichbar mit Spotify für die Musik.
Können Sie ein Projekt oder eine Initiative nennen, auf die Sie besonders stolz sind?
U. Fischer: Stolz bin ich, dass wir als kleine Organisation im Bereich der Normung zu den ersten gehörten, die eine digitale Plattform geschaffen haben, über die sich Expertinnen und Experten austauschen können. Wir erkannten darin früh eine Chance und haben ein System entwickelt, das ab 2004 für die Arbeit in Komitees genutzt werden konnte – also schon lange vor der Covid-Pandemie. Da wir digital gut aufgestellt waren, konnten wir international mithalten.
Wie hat sich die SNV unter Ihrer Führung weiterentwickelt?
U. Fischer: Heute ist die SNV international eine gern gesehene Partnerin. Wir sind präsent, unser Netzwerk ist gut etabliert. Dies weil wir aktiv sind, unsere Expertinnen und Experten über weltweite Entwicklungen informieren und sie sich entsprechend einbringen können. Schweizer Fachpersonen werden sehr geschätzt, auch weil sie europäische Sichtweisen vertreten, aber keine EU-Vertretende sind. Eine weitere Entwicklung betrifft die bereits erwähnten Veränderungen aufgrund der digitalen Transformation. Zu meinen Anfangszeiten dauerte es drei bis fünf Monate, bis eine neue oder eine überarbeitete Norm bei den Bestellenden ankam. Heute sind diese in spätestens drei Wochen nach der Erstveröffentlichung verfügbar. Ein weiterer Fortschritt ist, dass heute rund 90 Prozent der in der Schweiz verwendeten Normen international gelten. Damit konnten Handelshemmnisse abgebaut werden. Lediglich im Baubereich sind noch rund 50 Prozent der Normen national.
Was hat Ihnen während Ihrer Zeit als CEO am meisten Freude bereitet?
U. Fischer: Kurz gesagt, die Vielfalt der Themen, der Beitrag zum Guten und die Mediationsarbeit: Menschen sitzen zusammen am gleichen Tisch mit unterschiedlichen Interessen. Es braucht einen Findungsprozess. Erst dann ist eine Lösung gefunden, wenn alle damit leben können – vielleicht auch mal zähneknirschend. Der Normungsprozess ist ein demokratischer, wenn nicht gar «der» demokratischste Prozess und wir können mit unserer Organisation einen aktiven Beitrag leisten.
Wie sehen Sie die Zukunft der SNV und die Rolle von Normen in der globalisierten Wirtschaft?
U. Fischer: Wir stehen heute vor dem nächsten Paradigmenwechsel. Die digitale Transformation geht weiter. Wissen und Erfahrungen bestimmen den Inhalt der Norm. Zukünftig werden diese Informationen als Daten im Zentrum stehen. Maschinen werden Normen lesen und interpretieren. Somit müssen Normen maschinenlesbar werden, damit Systeme sie direkt verarbeiten können. Diese Veränderung wird Anpassungen der Geschäftsmodelle, auch jenes der SNV, erfordern.
Welche drei Tipps würden Sie Ihrem Nachfolger Lukas Keller weitergeben?
U. Fischer: Der erste Tipp: Dem Prozess der Normenerarbeitung Sorge tragen. Denn diese Art der weltweiten Zusammenarbeit und der Konsensfindung ist einmalig. Der zweite Tipp: Die internationale Vernetzung gut pflegen. Der dritte Tipp: Technologisch dranbleiben.
Was sind Ihre Pläne nach der Pensionierung? Gibt es bestimmte Projekte oder Ziele, die Sie noch verfolgen möchten?
U. Fischer: Beruflich klinke ich mich aus – bis auf die Mandate, die ich aufgrund personengebundener Verpflichtungen noch zu Ende führen werde. Ich habe diese Arbeit sehr gern gemacht. Aber nun kommt eine Zeit, in der ich mich noch dem widmen möchte, was oft zu kurz kam. Ein kleines Umbauprojekt im Tessin und das Präsidium einer Wohnbaugenossenschaft werden mich beschäftigen und dann auch meine vier Enkelkinder. Fürs Italienischlernen und für Kultur werde ich Zeit investieren. Insgesamt werde ich mir mehr Quality Time gönnen.
Gibt es etwas, das Sie Ihren Mitarbeitenden oder der Öffentlichkeit mitgeben möchten?
U. Fischer: Ich bin dankbar für die vielen bereichernden Begegnungen und Erfahrungen über die Jahre – für diese bunte berufliche Reise. Ich durfte auf ein Team bauen, das mithalf, Dienstleistungen für Expertinnen und Experten bereitzustellen. Diese wiederum haben mit viel Engagement die Anliegen der SNV sowie der Schweiz vertreten und in die internationale Normung eingebracht. Diese Zusammenarbeit hat mich erfüllt – wenn die ganze Welt so zusammenarbeiten würde, wäre sie eine andere.
Stand vom 30.10.2020
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