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Auch die Börsenkurse verlieren massiv. Industrieunternehmen sind nicht selten strategisch in bedeutenden Positionen. Wie schützt man in diesen Situationen die Unternehmen vor möglichen «feindlichen Übernahmen»?
G. Parmelin: Mit den Überbrückungskrediten des Bundes für KMU ist derzeit dafür gesorgt, dass diese Unternehmen mit ausreichend Liquidität ausgestattet sind und so stabilisiert werden. Ausserdem können die Unternehmen selbst auf die Zusammensetzung und den Einfluss des Aktionariates einwirken. Das Aktienrecht bietet ihnen hierzu verschiedene Instrumente. Gemäss dem Prinzip der Privatautonomie liegt es jedoch im Ermessen der Generalversammlung, diese Instrumente zu nutzen. Wenn es zudem um kritische Infrastrukturen geht, so befindet sich die grosse Mehrheit der Unternehmen, die kritische Infrastrukturen bereitstellen, in öffentlicher Hand. Dies ist der stärkste Schutz gegenüber ausländischer Einflussnahme.
Medizintechnik ist eines der Stärken des Standorts Schweiz. Ist das aktuell ein Vorteil, um die derzeitigen Herausforderungen im Gesundheitswesen auch technologisch seitens der Industrie zu unterstützen?
G. Parmelin: Es ist auf jeden Fall von Vorteil für den Wirtschaftsstandort Schweiz, über eine wettbewerbsfähige und innovative Medizintechnik zu verfügen. Dies gilt natürlich insbesondere in der aktuellen Situation. Aber unser Gesundheitswesen ist natürlich nicht nur in den Bereichen gut ausgerüstet, in welchen die entsprechenden Unternehmen in der Schweiz ansässig sind. Ein wichtiger Teil der Ausrüstung, ebenso wie viele Vormaterialien für die Medizintechnik in der Schweiz, beziehen wir im Ausland. Gleichzeitig liefert unsere Medizintechnik-Branche ihre Produkte an andere Länder. Das ist effiziente Arbeitsteilung. In den vergangenen Wochen ist viel Kritik an der Abhängigkeit vom Ausland aufgekommen. Es ist aber so, dass es heute so viele verschiedene und spezialisierte Produkte gibt, dass ein kleines Land diese alleine gar nicht alle herstellen könnte.
Themenwechsel: Hochschulen wie ETH und EPFL verfügen über einen weltweit hervorragenden Ruf. Wie sollen sich die Hochschulen im Sektor der industriellen Forschung zukünftig positionieren?
G. Parmelin: Die enge Zusammenarbeit mit KMU und Industrie ist eine der wichtigen Aufgaben, die der Bundesrat dem ETH-Bereich gibt. Dazu gehören beispielsweise die aktive Mitarbeit beim Schweizerischen Innovationspark oder der Aufbau eines nationalen Netzwerks von Technologietransferzentren im Bereich Advanced Manufacturing. Der ETH-Bereich betreibt sowohl Grundlagen- als auch angewandte Forschung. Vieles davon gemeinsam oder zugunsten unserer Wirtschaft. Ich denke dabei insbesondere an die Forschung im Bereich Gesundheit oder Datenwissenschaften beziehungsweise im weiten Feld der Digitalisierung insgesamt.
Wie grenzen sich die Fachhochschulen thematisch von den beiden Hochschulen EPFL und ETH im industriellen Umfeld ab?
G. Parmelin: Es ist weniger eine Frage der thematischen Abgrenzung, sondern eine Frage des unterschiedlichen Profils. Die Fachhochschulen führen im industriellen Sektor Absolventinnen und Absolventen einer Lehre mit Berufsmatura zu einem Bachelorabschluss. Diese praxisorientiert ausgebildeten Ingenieurinnen und Ingenieure sind in der Industrie sehr nachgefragt und haben ein komplementäres Profil zu den ETH/EPFL-Absolvierenden. Auch in der Forschung ergänzen sich die beiden Profile. Die Fachhochschulen bearbeiten primär direkte Fragestellungen aus der Industrie und liefern schnell Resultate und Innovationen. Die ETH/EPFL bearbeiten schwerpunktmässig Fragestellungen aus der Wissenschaft, die aber längerfristig eine hohe Wirkung in der Industrie entfalten können.
Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die duale Berufsbildung und wie muss sie sich entwickeln im Rahmen der Weiterentwicklung der Industrie?
G. Parmelin: Die Berufsbildung in der Schweiz ist ein Erfolgsmodell. Und das soll sie auch bleiben. Damit dies gelingt, muss die Berufsbildung fit sein für die Herausforderungen der Zukunft. Mit Herausforderungen umgehen kann die Berufsbildung jedoch. Und das nicht erst seit gestern. Denn die Berufsbildung wird seit jeher von den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft geprägt. In der Schweiz werden die Berufe der beruflichen Grundbildung auf Initiative der Wirtschaft entwickelt. Mindestens alle fünf Jahre werden sie auf wirtschaftliche, technologische, ökologische und didaktische Entwicklungen hin überprüft und gegebenenfalls um- oder gar neugestaltet. Megatrends wie die Digitalisierung, steigende berufliche Mobilität oder demografischer Wandel stellen neue Anforderungen an Fachkräfte und Unternehmen und müssen frühzeitig erkannt werden. Die Branchen merken als Erste, wie sich diese Trends auf die Anforderungen an ihre Mitarbeitenden auswirken. Die Branchen werden denn auch die Ausbildungen entsprechend anpassen. Berufsübergreifende Antworten auf die Trends liefert ausserdem die Initiative «Berufsbildung 2030», welche die Verbundpartner der Berufsbildung vor drei Jahren gemeinsam lanciert haben.
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