Fachkräfte Die «Next Generation» der Schweizer Tech-Industrie

Das Gespräch führte Nastassja Neumaier 5 min Lesedauer

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Der Swissmem Industrietag am 25. Juni 2024 in Bern steht unter dem Motto «NextGen Industry». SMM-Redaktorin Nastassja Neumaier sprach mit Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher darüber, wie sich die «Next Generation» von Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden für eine zukunftsfähige Industrie in der Schweiz aufstellen muss.

Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem: «Der Vorteil der Tech-Industrie ist, dass sie zukunftssichere Arbeitsplätze bietet.»(Bild:  Swissmem)
Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem: «Der Vorteil der Tech-Industrie ist, dass sie zukunftssichere Arbeitsplätze bietet.»
(Bild: Swissmem)

Im letzten SMM-Interview (Ausgabe 4 vom 20. März 2024) erwähnten Sie, dass mit dem fortschreitenden technologischen Wandel auch neue «Skills» benötigt werden. Wie sehen diese Kompetenzen aus?

Stefan Brupbacher: Gemäss unseren Umfragen wird der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren zunehmen, aber nicht überall gleich stark. Bei den Ausbildungsniveaus ist der Nachfrageüberhang bei Personen «ohne formelle Bildung» klar am kleinsten. Grösser ist dieser natürlich bei Abgängern von «Universität/ETH», aber klar am grössten ist er beim Dreiergespann «Berufsbildung», «höhere Berufsbildung» und «Fachhochschule». Das zeigt, dass die Praxisorientierung und die damit zusammenhängenden Vorteile wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, eigenständiges und unternehmerisch-lösungsorientiertes Denken absolut zentral bleiben.

Unsere Studien zeigen auch, dass neben der Praxiserfahrung vor allem Sprach-, Digitalisierungs- und Problemlösungs-Skills gefragt sind. Bei letzteren geht es im Grunde um das traditionell ingenieurorientierte Mindset: «Ich habe ein Problem. Wie löse ich es?». Man muss also vor allem wissen, wie man an ein Problem herangeht.

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Da wird uns KI fordern: EPFL-Präsident Professor Vetterli weist seit Jahren auf die Notwendigkeit eines neuen, exakten Sprachverständnisses hin, um KI rasch die richtigen Fragen zu stellen. Da kann man nicht um den heissen Brei herumreden. Zudem muss man weiterhin die Nagelprobe machen können: Schon beim Taschenrechner musste man wissen, dass 1 + 1 = 2 ergibt, und auch weiterhin muss man bei KI die Plausibilisierung der Antworten machen können.

Unsere Jugend ist fit dafür, davon bin ich überzeugt. Nun gilt es, die Berufsbildung weiter als Königsweg sicherzustellen. Aktuell wählen immerhin 70 Prozent der Schweizer Schulabgänger und -abgängerinnen diesen Weg. Damit das so bleibt, arbeiten wir bei Swissmem an der grössten Berufsbildungsreform für unsere acht technischen Berufe. Es geht dort um die Modularisierung und Digitalisierung unserer Berufe. Nutzen wird das nicht nur Lernende, denn die Modularisierung hilft im Rahmen der Weiterbildung auch älteren Mitarbeitenden, «up-to-speed» zu bleiben.

Der Vorteil der Tech-Industrie ist, dass sie zukunftssichere Arbeitsplätze bietet. Durch den technologischen Wandel werden sich die Jobs zwar verändern und manche werden wegfallen. Fachkräfte, die genau verstehen, wie ihre Anlagen laufen und Maschinen so programmieren, dass sie 24 Stunden mit einer Geisterschicht laufen, wird es jedoch weiterhin brauchen.

Dabei stehen aktuell ingenieurtechnische und vergleichbare Fachkräfte ganz oben im Fachkräftemangel-­Index der Schweiz. Besonders KMU melden, dass es schwierig ist, passende Fachkräfte zu rekrutieren.

S. Brupbacher: Den Grund dafür sehe ich primär im «Employer Marketing». Unsere Firmen machen B2B und haben wenig direkten Kontakt mit Konsumierenden. Wir müssen mehr zeigen, dass wir die Lösungen bringen. Denn gerade die junge Generation achtet bei der Berufswahl zunehmend auf sinnstiftende Tätigkeiten. Gerade unsere kleinen und mittleren Unternehmen wären hier gut aufgestellt. Man kann rasch Verantwortung übernehmen und arbeitet konkret an der Lösung gesellschaftlicher Probleme. Hier kann man etwas verändern. Vom ersten Tag an sind Lernende integraler Bestandteil des Teams. Mit diesem Gestaltungs- und Entfaltungsspielraum können KMU punkten.

Um ihre Attraktivität zu steigern, ist es jedoch wichtig, dass sie ihre Unternehmenskultur und ihre Lösungen nach aussen kommunizieren. Hier haben unsere Unternehmen noch Luft nach oben. Es herrscht zum Teil eine gewisse Bescheidenheit, eine schweizerische Nüchternheit. Das betrifft auch das Marketing im Allgemeinen. Früher lautete die Botschaft: «Meine Maschine verbraucht 30 Prozent weniger Strom, damit bin ich günstiger in der Produktion, also kauft meine Maschine». Heute heisst es zusätzlich: «Damit leiste ich einen grösseren Beitrag zur Dekarbonisierung». Das ist ein neuer Mindset. Grundsätzlich muss man sich fragen: Welches Bedürfnis hat der Empfänger meiner Botschaft? In den meisten Fällen muss die Botschaft gegenüber dem Kunden, der Gesellschaft und den Mitarbeitenden eine andere sein.

Das beste Marketing kommt von Kunden und Mitarbeitenden. Deshalb setzen wir im Branchenmarketing auch junge Menschen als Botschafter ein. Wenn sie sagen: «Kommt in die Industrie», ist das einfach viel glaubwürdiger, als wenn ich es als Verbandsdirektor sage.

In einem Ihrer Projekte haben Arbeitgebende und Arbeitnehmende zehn «Best Practices» erarbeitet, um den Herausforderungen des demographischen Wandels in der heutigen Arbeitswelt erfolgreich zu begegnen. Das Spektrum reicht von der Flexibilisierung der Arbeitszeit oder der Verbesserung des Arbeitsumfeldes für Mitarbeitende in der Produktion bis hin zu Themen wie Nachhaltigkeit und Digitalisierung im Unternehmen. In welchen Bereichen tut sich derzeit am meisten?

S. Brupbacher: Viele Fortschritte wurden bereits im Bereich der Flexibilisierung der Arbeitszeit erreicht. Nehmen wir das Beispiel Oertli Werkzeuge AG: sie haben eine bemannte Tages- und eine Geisterschicht. In der Tagesschicht stellt die Bereichsleitung sicher, dass die Maschinen immer bedient werden. Die Einteilung der Arbeitszeit erfolgt dabei flexibel unter Berücksichtigung der individuellen Präferenzen. So kann man auf Familienpflichten und Hobbys Rücksicht nehmen. Solche Modelle gehen aber nur im flexiblen Arbeitsmarkt. Er ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor und darf nicht durch Einschränkungen zerstört werden.

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Nach Aussagen Ihres Verbandes nutzen die Unternehmen der Tech-Industrie die Potenziale im Bereich «Diversity» und «Inclusion» noch ungenügend, um den vorher genannten Herausforderungen zu begegnen. Wie fördern Sie diese Potenziale?

S. Brupbacher: Potenzial sehen wir unter anderem beim Thema «Frauen in der Industrie». Unter dem Namen «SwisswoMEMclub» organisiert Swissmem regelmässig Anlässe für Frauen in der Tech-Industrie. Ziel ist es, Frauen untereinander zu vernetzen, einen vielseitigen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen sowie Berufs- und Karrieremöglichkeiten in der Tech-Branche aufzuzeigen.

Für Frauen sind solche Netzwerke wichtig. Es ist aber genauso wichtig, dass Frauen sich auch ausserhalb frauenspezifischer Netzwerke positionieren, beispielsweise im Vorstand der Verbände oder in den Medien, was wir beides aktiv fördern. Hier geht es wieder darum, die richtigen Botschaften zu senden.

Das fängt bei uns an: Bei Swissmem sind zwei von sieben Mitgliedern der Geschäftsleitung Frauen. Kareen Vaisbrot ist mit ihrem Team, das sich mindestens zur Hälfte aus Frauen zusammensetzt, für die gesamte Arbeitgeberpolitik verantwortlich. Und Sonja Studer verantwortet als Leiterin des Bereichs Bildung das mit Abstand grösste Ressort von Swissmem. Frauen sind bei uns zwar noch nicht in der Mehrheit, aber sie besetzen einige der wichtigsten Positionen in der Geschäftsleitung.

Die Statistiken sprechen für unsere Industrie. In der gesamten Tech-Industrie beträgt die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen heute noch 3,2 Prozent. Bei den Swissmem-Mitgliedfirmen liegt sie sogar bei lediglich 2,7 Prozent und somit deutlich unter der Toleranzschwelle von 5 Prozent. Hinzu kommt, dass wir derzeit zwar noch relativ wenige Frauen in der obersten Führungsebene haben, Frauen auf der zweiten und dritten Ebene aber die grössten Aufstiegschancen haben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Brupbacher.

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