Rückblick: Berufe in der Industrie

Drei Schweizer Mechaniker und ihre Lebenserinnerungen

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«Vorwärtskommen» im Ausland

Jakob Geilinger (1858–1936) – wandernder Maschinenkonstrukteur

Jakob Geilinger wurde im Jahre 1858 in Winterthur als Sohn eines Schlossermeisters geboren. Der Vater war sehr auf die Familienehre und eine gute Ausbildung bedacht. Nach dem Besuch der Primar- und Sekundarschule trat Geilinger beim Vater in die Lehre ein. Zudem besuchte er das kantonale Technikum in Winterthur, «welches ich mit bestem Erfolge absolvierte», wie Geilinger schrieb und fügte hinzu: «Nun hiess es, hinaus in die Fremde!» Die berufsbedingte Mobilität führte den jungen Mann über Genf und Turin nach Vercelli im Piemont. Dort trat er 1880 in der Maschinenfabrik und Eisengiesserei der Firma «Giuseppe Locarni» als Maschinenkonstrukteur ein und blieb dort vier Jahre. «Um mich weiter auszubilden und vorwärtszukommen, nahm ich nach einiger Zeit die mir angebotene Stellung in der Firma A. Millot in Zürich an. Diese Fabrik baut als Spezialität Müllereimaschinen.» Die Arbeit wurde ihm allerdings durch mühsame Mitangestellte und einen «nicht einwandfreien» Chef vergällt. So entschloss sich Geilinger nach nur einem Jahr, erneut auszuwandern und in Mailand eine neue Maschinenfabrik zu leiten. «Ein reiches Arbeitsfeld bot sich, und im reichsten Masse konnte ich mir diejenigen Kenntnisse erwerben, welche nötig sind, um rationell und erfolgreich den Betrieb einer Maschinenfabrik und Eisengiesserei zu leiten.» Geilinger beeindruckte die Fachwelt und sogar den König Umberto an Ausstellungen mit seinen Konstruktionen. Doch der mit Diplomen und Auszeichnungen überhäufte Geilinger blieb auch nach seiner Familiengründung ein «Wandervogel». Seine nächste Stelle war im württembergischen Ravensburg. Geilinger arbeitete dort ab 1888 auf Vermittlung eines Zürchers hin als Betriebsingenieur der Filialmaschinenfabrik. «Die Oberleitung sämtlicher mechanischer Werkstätten, inkl. der Giesserei, des Kalkulationsbureaus und selbst die Kanalbauten und die Ökonomieverwaltung waren mir anvertraut.» Eine grosse Verantwortung für den 30-Jährigen. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit dem Chef entschloss sich Geilinger zum erneuten Stellenwechsel und fand dank «prima Referenzen und Zeugnissen» im Jahre 1895 eine Stelle bei der weltberühmten Firma Krupp, im Grusonwerk Magdeburg-Buckau. Vorerst wirkte Jakob Geilinger als Betriebsingenieur des Gasmotorenbaues, «in welcher Stellung ich die Oberleitung der Montage einer grossen Gasmaschine in der Kgl. Oper Kroll zu Berlin für Rechnung der Firma Siemens & Halske Berlin übernommen hatte.» Die Direktion würdigte den Fleiss und das Talent, indem sie den Winterthurer zum Betriebsführer beförderte und ihm mehrere Fabrikationszweige (u. a. Panzerturmbau, Geschützbau, Klempnerei, Modell- und Konstruktionstischlerei) unterstellte. Dass er in dieser Position auch Alfred Krupp persönlich kennenlernte, vermag nicht weiter zu erstaunen. Er identifizierte sich ganz mit der Firma Krupp und war froh darüber, endlich eine «Lebensstelle» gefunden zu haben

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