Rückblick: Berufe in der Industrie

Drei Schweizer Mechaniker und ihre Lebenserinnerungen

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«Auf den Kilometer gehen»

Fritz Frei (1912–1991) – Elektromechanikerlehrling

Fritz Frei wurde 1912 geboren. Sein Vater war Arbeiter, legte aber Wert darauf, dass sein Sohn eine «gute» Lehre absolvieren konnte. Im Jahre 1927 trat Fritz Frei in einer Maschinenfabrik als Elektromechanikerlehrling ein. Das Pensum war für einen Jugendlichen anspruchsvoll, sowohl schulisch als auch praktisch. Über seine vierjährigen Erfahrungen als Lehrling berichtet Fritz Frei in seinen Lebenserinnerungen namens «An der Werkbank des Lebens» ausführlich.

Die Fabrik war gross. Insgesamt arbeiteten dort über 70 Lehrlinge. Als erste praktische Arbeit hatte er einen Eisenklotz dergestalt zu feilen, dass alle sechs Seiten schön «plan» seien. Frei hatte zwar handwerkliche Vorkenntnisse und durchaus geschickte Hände, doch er wusste nicht, was «plan» bedeutete. Er war zu schüchtern, um beim Meister nachzufragen, so dass er sich an die Lehrlinge nebenan wandte. Diese halfen, spotteten aber auch ein wenig über den unsicheren, etwas ungelenken, noch im Wachstum stehenden Neuen. «Den giftigen Pfeilen des Spotts war er einstweilen schutzlos preisgegeben, doch nahm er sich fortan in Acht.» Die etablierten Lehrlinge wollten bestimmt auch austesten, wieweit sie in ihrem Spott beim «Frischling» gehen konnten. Nach zehn Tagen Tüfteln hatte Frei den Klotz endlich fertig. Das war eindeutig zu lange und beinahe wäre Frei noch während der Probezeit entlassen worden.

Von den Mitlehrlingen lernte Frei auch rasch, sich gewisse Freiheiten zu nehmen. So lautete ein gebräuchlicher Ausdruck: «Auf den Kilometer gehen.» Dies hiess, einen Bummel durch die vielen weitläufigen Werkhallen zu unternehmen. Frei gönnte sich solche Auszeiten von Disziplin und Kontrolle, die aber auch seine Weiterbildung beförderten. Namentlich die Montagehalle hatte es ihm angetan. So lernte er die Produktionslinien seiner Fabrik aus erster Hand kennen. Dazu trugen ebenfalls die internen Rochaden bei. Jeder Lehrling wechselte nach einem halben Jahr seinen Standort, sodass er die gesamten betrieblichen Abläufe kennenlernte. Doch der Stress nahm spürbar zu. Frei musste im Akkord arbeiten:

«Wehe dem Burschen, der zu oft oder zu lange aufs WC oder gar auf den Kilometer» ging. Wem ein grosses Missgeschick widerfuhr, der konnte etwas erleben. Die dem System innewohnende Ungerechtigkeit und die daraus resultierende Hetze prägten die Arbeitsatmosphäre.

Manche Arbeiter lieferten wegen des Zeitdrucks einen «Pfusch» ab oder hatten gar doppelt so lange. Wenn etwas schief­lief, ging der Zeitaufwand zu Lasten des Arbeiters. Derbes Gefluche gehörte in der Fabrikhalle zur Tagesordnung und es kam auch vor, dass ein Arbeiter wutentbrannt sein Werkzeug wegwarf. Gewisse Arbeiter lachten selten und waren kaum mehr für Spässe zu haben. Andere nahmen es lockerer und rauchten sogar während der Arbeit. Alkohol, wenngleich offiziell verboten, wurde ebenfalls konsumiert.

In der werkseigenen Schule fühlte sich Frei wohl. Er lernte gerne und hatte eine rasche Auffassungsgabe. Seine Notizen übertrug er feinsäuberlich in ein Reinheft. Nicht nur Fachliches wurde gelehrt, auch Anstandsregeln standen auf dem Lehrplan. Dies zeigt die disziplinierende Funktion der Schule deutlich auf. Ein Hauptlehrer, Herr Waldburger, hatte einen guten Humor und war trotz seiner gelegentlichen Zornausbrüche, die auch körperliche Züchtigungen beinhalteten, beliebt bei seinen Schülern.

Ein anderer Hauptlehrer orientierte die Schülerschar gerne über sein Steckenpferd, die Eisenbahn, was auf breites Interesse stiess. Frei schloss seine Lehre mit sehr guten Noten ab. Trotz der «Weltwirtschaftskrise» hatte Frei das Glück, in der Firma bleiben zu dürfen. Besorgt beobachtete er jedoch die politische Entwicklung in Deutschland und den Aufstieg Hitlers. Das hinderte ihn nicht, einige Reisen zu unternehmen, nach Frankreich oder London. In der Firma arbeitete er fortan in der Abteilung Schalttafelbau: «Nun galt es, auf die theorienahe, harte Praxis und auf Gediegenheit der Ausführung umzustellen.»

Die Ausbildung junger Menschen hat sich seit jener Zeit stark verändert. Neue Werkzeuge oder Arbeitsprozesse, aber auch der Umgangston wurde menschlicher. Dennoch: Viele der Freiheiten von damals gibt es auch heute noch. Und das ist gut so.

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