Eine Fusionsgeschichte wider alle Regeln
Vor zehn Jahren, im Jahr 1999, fusionierten der deutsche Logistiker Dachser und das französische Transportunternehmen Graveleau. Die Fusionsteams beider Seiten entschieden sich damals, alles anders zu machen als es Fusionsexperten in Lehrbüchern raten.
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Das unkonventionelle Vorgehen bei der Fusion führte zum Erfolg: Die Fusionsgeschichte zeigt auf, wie ein Zusammenschluss über Mentalitätsgrenzen hinweg gelingen kann.
Beim zweiten Anlauf hat's geklappt
Es begann mit einem Missverständnis - wie so manche gute Ehe. Joël Graveleau, der bereits über 60-jährige Eigentümer und Präsident von Transports Graveleau, suchte 1998 nach einem starken, europaweit tätigen Käufer, dem er sein Lebenswerk ruhigen Gewissens anvertrauen konnte. Schnell wusste er: Am besten würde zu seinem stark familiär geprägten Unternehmen aus dem französischen La Verrie der ebenfalls familiengeführte Logistikdienstleister Dachser aus dem Süden Deutschlands passen. Direkt an seinen Favoriten mochte sich Joël Graveleau jedoch nicht wenden. Er beauftragte einen Fusionsvermittler mit der neutralen Suche nach einem potenten Käufer und wies ihn an, das Angebot umfassend zu anonymisieren und es bevorzugt Dachser zu unterbreiten. Die Tarnung gelang so perfekt, dass für die Dachser-Geschäftsführung nicht mehr erkennbar war, welches Unternehmen ihr da angeboten wurde.
Die Kemptener hatten ihrerseits schon lange nach einem geeigneten Partner für den französischen Markt gesucht - und dabei ein Auge auf Graveleau geworfen. Daher lehnten sie das unbekannte Angebot ab. Sehr zum Schrecken von Joël Graveleau, der diese Zurückweisung keineswegs gewollt hatte. Erst in einem zweiten Anlauf fanden die Wunschpartner zueinander. Keiner von beiden hat die Entscheidung später jemals bereut: «Es war der grösste Zukauf in unserer beinahe 80-jährigen Firmengeschichte», erinnert sich Bernhard Simon, Enkel des Firmengründers Thomas Dachser und heute Sprecher der Geschäftsführung. «Wir haben den "Dachser von Frankreich" gesucht - und in Graveleau gefunden», so Simon.
