Eine Fusionsgeschichte wider alle Regeln

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Respekt vor dem Anderen

Warum die beiden Unternehmen so gut zueinander passten, weiss auch Vincent Touya noch ganz genau: «Beide waren Familienunternehmen und hatten daher eine sehr ähnliche Auffassung von Werten», sagt der Gesamt-Verkaufschef von Graveleau, der schon damals Mitglied der Geschäftsführung in La Verrie war. Die vielen Übereinstimmungen waren jedoch noch lange keine Garantie für eine erfolgreiche Integration: In den 90er-Jahren waren reihenweise deutsch-französische Firmenehen geschlossen worden - die meisten davon ohne nachhaltigen Erfolg. Die jeweiligen Mentalitäten und Geschäftsgebaren erwiesen sich oft als zu unterschiedlich; Dominanzstreben und Überheblichkeit führten nicht selten zum Scheitern. «Wir wollten die Zusammenführung unserer beiden Firmen und Belegschaften anders anpacken: sorgfältig, behutsam und mit viel Respekt vor der anderen Seite», erinnert sich Bernhard Simon. Mit dieser langsamen Gangart machten Dachser und Graveleau so ziemlich alles anders, als was Fusionsexperten als notwendig erachten: schnelle Entscheidungen, harte Schnitte, konsequentes Durchgreifen. Das Ergebnis zeigt: Der sorgsame, manchmal zögerlich scheinende Graveleau-Dachser-Weg war genau der richtige: «Wir hatten kaum Abgänge im Management zu beklagen; auch die Belegschaften arbeiteten schon bald gut zusammen - erst noch ein wenig vorsichtig, dann immer vertrauensvoller», erzählt Vincent Touya.

Von grösster Bedeutung für das Gelingen der Integration war auch, dass der «Alt-Eigentümer» Joël Graveleau mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit die Fusion unterstützte und sich exakt an den vereinbarten Übergabe-Fahrplan hielt: 2001 schied er aus dem Unternehmen aus, das er 35 Jahre lang massgeblich geprägt hatte - nicht ohne vorher noch selbst seinen Nachfolger Philippe Tardieu einzusetzen und sorgfältig einzuarbeiten. «Ich habe Herrn Graveleau für diese Konsequenz im Handeln, im entscheidenden Moment auch loslassen zu können und das Ruder in jüngere Hände zu übergeben, als Vorbild erkannt und bewundert», sagt Bernhard Simon noch heute.

Mit Philippe Tardieu steht seit 2001 ein Logistikmanager an der Spitze von Graveleau, der die Vision der beiden Protagonisten Joël Graveleau und Bernhard Simon aus vollster Überzeugung mitträgt. «Wir gehören alle drei ganz unterschiedlichen Generationen an, aber das hat sich erstaunlicherweise eher als Ergänzung denn als Hindernis erwiesen», erinnert sich Tardieu.

Rebranding erst nach zehn Jahren

Zusammen mit Touya hat Tardieu dafür gesorgt, dass der Name Dachser, vor zehn Jahren in Frankreich noch völlig unbekannt, in der französischen Transportbranche zu einer festen Grösse geworden ist. Heute, erst zehn Jahre nach der Fusion, steht die Integration vor einem weiteren grossen Schritt. Es ist ein Schritt, den viele andere Fusionisten gerne symbolhaft an den Anfang einer Integration stellen: den Übergang vom bisherigen Doppelnamen Graveleau, Dachser Group auf den weltweit einheitlichen Namen Dachser.

Die Entscheidung hat man sich in La Verrie und in Kempten nicht leicht gemacht: Kunden wie Mitarbeiter wurden in den vergangenen Monaten intensiv befragt, um herauszufinden, wie wichtig es ihnen ist, den Bestandteil Graveleau im Namen des deutsch-französischen Logistikunternehmens erhalten zu sehen - oder eben nicht. Das Ergebnis ist eindeutig: Graveleau/Dachser wird umfassend als französisches Unternehmen wahrgenommen. Die Nationalität spielt für die meisten Kunden ohnehin nur eine untergeordnete Rolle: Zusammenschlüsse von Unternehmen unterschiedlicher Nationalität bewerten sie überwiegend positiv. Damit steht es fest: Ab Juni 2009 wird in den bisherigen Graveleau-Ländern ein exakt geplanter Umfirmierungsprozess starten. Das flächendeckende Rebranding der 2400 Fahrzeuge umfassenden Lieferflotte von Graveleau soll sukzessive von 2010 bis 2015 erfolgen.

Heisst die Fusion im Namen nun auch, dass der langwierige Integrationsprozess damit endgültig abgeschlossen ist? Bernhard Simon schmunzelt. «Nein. Völlig zu Ende ist diese Aufgabe nie. Wer einen Integrationsprozess für endgültig abgeschlossen erklärt, hat das Wesen der Integration nicht verstanden - denn das ist nun wirklich wie in einer langjährigen Ehe: Man muss sich immer wieder neu zusammenraufen.»

InformationDachser Spedition AGAlthardstrasse 3558105 RegensdorfTel. 044 872 11 00Fax 044 872 11 98dachser.regensdorf@dachser.comwww.dachser.ch

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