Ergänzendes zum Thema
Interview
150 Jahre SIP: Interview mit Jean-Daniel Isoz, Direktor der SIP-Produktion
Seit 150 Jahren steht die Société d' Instruments de Précision (SIP) aus Genf für Präzisionsprodukte. Lange vor der Einführung der Elektronik, bereits 1921, baute das heutige Mitglied der Starrag Group Lehrenbohrmaschinen mit µm-Präzision. Über diese gelebte Genauigkeit, die Rolle der Mechanik, die Bedeutung guten technischen Personals und seine neue Rolle bei Bumotec berichtet Jean-Daniel Isoz, Direktor der SIP-Produktion.
Herr Isoz, Präzision im Mikrometer-Bereich gehört mittlerweile bei sehr vielen Werkzeugmaschinenherstellern zum guten Ton. Was unterscheidet Ihr Selbstverständnis, Ihre Philosophie und Ihre Arbeit von der Präzisionsidee anderer Firmen?
J.-D. Isoz: Wir leben Präzision seit der ersten Stunde: Sie bedeutet für uns vor allem mechanische Genauigkeit, die sich durch das Schaben der Maschinenelemente und ihre sehr genaue Montage erzielen lässt. Nur so lässt sich konstante Genauigkeit heute, morgen und übermorgen erreichen. Das ist die sogenannte „long-term accuracy“ unserer Maschinen. Wenn sich nämlich die Geometrie einer Maschine im Laufe der Zeit verschlechtert, weil sich die beim Montage entstandenen Zugspannungen verändern, dann nützt einem Anwender auch kein noch so genaues Lasermess-System. Wir sorgen von vorneherein dafür, dass keine Zugspannungen bei der Montage der Maschine entstehen. Erst, wenn wir die perfekte Geometrie erreicht haben, kümmern wir uns um Kompensation der letzten Mikrometer etwa durch Elektronik. Es gibt übrigens Kunden, die uns sogar den Aufwand für eine zusätzliche mechanische Behandlung beim Herstellen der Maschinenteile bezahlen, um eine noch bessere SIP-Maschine als andere zu erhalten.
Damit führen Sie die Tradition der Firmengründer, der Gelehrten und Professoren Auguste de la Rive und Marc Thury fort, die damals ohne jede Elektronik hochpräzise, wissenschaftliche Instrumente herstellten. Gibt es die damalige Denkweise und Einstellung immer noch bei SIP?
Isoz: Absolut. Wenn Sie heute auf die Lehrenbohrmaschinen von uns schauen, dann hat sich an der grundlegende mechanische Auslegung nicht wesentlich geändert. Wir hören immer wieder von den Chefingenieuren unserer Kunden: „Wenn Sie weiterhin Top-Präzision anbieten wollen, ändern Sie bitte nichts!“ Unsere Vorgänger haben in den 1920er Jahren die konstruktive Grundlage für die mechanische Auslegung entwickelt, die sich immer noch als der beste Weg für hochpräzise Technik erweist.
Bereits in den 1950-Jahren stieg SIP als Pionier in die Elektronik ein: Welchen Stellenwert besitzen Chip und Co. heute für Sie?
Isoz: Die Einführung der CNC-Technik war eine Erfordernis des Marktes. Die elektronische Steuerung senkt beispielsweise die Einrichtungszeit bei sich wiederholenden Prozessen. Außerdem ermöglicht sie dem Anwender aktuelle Messtechnik, Service-Bausteine und Diagnose-Programme zu nutzen. Darüber hinaus setzen wir auf die elektronische Kompensation der letzten Mikrometer-Fehler.
Was hat sich für SIP mit der Übernahme durch Starrag im Jahr 2006 geändert?
Isoz: Wir hätten uns als Nischenanbieter auf dem Weltmarkt schwer getan, ein globales Service-Netzwerk anzubieten. SIP kann dies heute als Mitglied einer Gruppe erfüllen. Ausserdem sind die Risiken für unsere Kunden, Finanzgeber und Lieferanten wegen der wirtschaftlichen Stärke der Starrag Group niedriger.
Und wie sieht es technisch aus?
Isoz: Die Kosten für Forschung und Entwicklung sind heute so hoch, dass sie sich nur noch mit Synergie-Effekten senken lassen. Für einen Nischenanbieter, der nicht wie SIP einer Gruppe angehört, wird es daher immer schwieriger, zu überleben.
Auf der Homepage der Starrag Group heisst es: Für die ausserordentliche Genauigkeit der SIP-Technologie ist neben konstruktiven Merkmalen und speziellen ultrapräzisen Maschinenkomponenten vor allem die Fertigkeit des Schweizer Fachpersonals verantwortlich. Wie suchen Sie diese Menschen aus, wie bilden Sie diese weiter?
Isoz: Einer der besonderen Vorteile der Schweiz ist die gute technische Ausbildung. Die besondere Portion Präzision erhalten wir dank dieser gut ausgebildeten Mitarbeiter, die zusätzlich ein intensives, internes „training on the job“ erhalten. Um aus diesen Werkern ein Team zu formen, gehen wir mit ihnen im Rahmen des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses zu externen Training-Workshops.
Ihre Produktpalette umfasst horizontale und vertikale Bearbeitungszentren und Lehrenbohrwerke für den Präzisionsmaschinenbau, Luft- und Raumfahrtanwendungen, Werkzeug- und Formenbau sowie für die Fertigung von Hochleistungsmotoren. Es handelt sich vorwiegend um High-Lights: Gibt es unter diesen Anwendungen eine Lösung, auf die Sie super-stolz sind und die Ihr Qualitätsverständnis besonders spiegelt?
Isoz: Vorweg eines: Wir können auf alle Kundenentwicklungen stolz sein. Ich bin mir dabei sicher, dass wir berühmt sind für einige High-Tech-Innovationen für die Welt der Aerospace-Industrie, die vor allem kräftig an der Verbesserung der Wirkungsgrade der Antriebe arbeitet. Um die höchstmöglichen Effizienz zu erhalten, gilt es das Getriebe zu optimieren. Dazu bedarf es sehr genau auf einander ausgerichteter Bohrungen (bore alignments) zur Aufnahme der Lager für die Vorgelegewellen. Eine Fehlausrichtung würde wegen Reibung und Wärmeentwicklung zu enormen Energieverlusten bei der mechanischen Übertragung führen. Mit Hilfe einer sogenannten Umschlagbearbeitung lässt sich die Abweichung der Ausrichtung der Bohrungen zueinander auf weit unter fünf µm senken. Das ist eine der typischen Aufgabestellungen, die bei uns in Auftrag gegeben werden.
Wie beurteilen Sie als Hersteller von Ultrapräzisionsmaschinen die Übernahme der Bumotec SA aus Sâles, dem Hersteller von hochpräzisen, multifunktionalen Werkzeugmaschinen zur Komplettbearbeitung kleiner Werkstücke? Welche Position und welche Aufgabe übernehmen Sie dort?
Isoz: Es ist absolut phantastisch, dass wir nun mit Bumotec eine Firma in der Starrag Group haben, die uns den Zugang zu den Herstellern von sehr kleinen, komplexen Teilen ermöglicht. Außerdem eröffnet uns Bumotec zusätzliche Märkte: die Uhren- und Schmuckindustrie sowie die Medizintechnik. Ich engagiere mich dort seit Ende Mai als Aufsichtsratsmitglied, weil ich seit 2006 den Weg kenne, den ein neues Mitglied innerhalb der Gruppe gehen muss. Weil ich mit französisch die gleiche Sprache wie meine Kollegen in der Bumotec-Geschäftsleitung spreche, fällt es mir leicht, ihnen den Weg in die Gruppe zu erleichtern. Ein Beispiel von vielen: Von einem Tag auf den anderen muss sich Bumotec nicht mehr um die Organisation von Messen und Ständen kümmern. Außerdem setzen wir auf Synergieeffekte beim Herstellen unserer Maschinen, die ähnlich produziert werden, und beim täglichen Austausch unsere Erfahrungen.
Das Interview führte der deutsche Fachjournalist Nikolaus Fecht, Fachjournalist durch.