>> «Lokales Know-how kreieren»
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Interview mit Daniel Fäh, Doktorand Economic Geography, Universität Bern
SMM: Peter Spuhler, Inhaber und CEO der Stadler Rail, hat kürzlich in einem Interview gesagt: «Die Chinesen haben es auf unsere Technologie abgesehen. Sie vergeben vielleicht einen Grossauftrag. Aber in fünf Jahren beliefern sie die Konkurrenz mit demselben Produkt, nur viel billiger.» Wie beurteilen Sie diese Aussage?
Daniel Fäh: Dieses Risiko besteht tatsächlich, ist aber, wenn man Chinas Aufstieg mit dem von Japan, Südkorea oder Taiwan vergleicht, nicht neu. Das wirtschaftliche Wachstum ging bei diesen Ländern, wie auch heute in China, mit «Reverse Engineering» sowie dem Aufbau von Forschungs- und Entwicklungskapazitäten im öffentlichen und privaten Bereich einher. Der markanteste Unterschied besteht aber in der Rolle von ausländischen Direktinvestitionen für China und die damit verbundene Unterstützung dieses Aufholprozesses. Dabei sind die in China beteiligten ausländischen Unternehmen zwar viel stärker von einem potenziellen Wissensverlust bedroht, sie haben aber zusätzlich die Möglichkeit, über Lernprozesse vor Ort von dieser dynamischen Entwicklung zu profitieren und Wettbewerbsvorteile zu schützen oder auszubauen. In unserer Studie zum Aufbau von technologischen Kompetenzen in China wird dies von einer Mehrheit der befragten Schweizer Maschinenunternehmen mit Präsenz in China auch bestätigt. In jüngster Vergangenheit wurden in deren chinesischen Tochtergesellschaften zahlreiche technologische Kompetenzen aufgebaut und bereits einige neue Produkte und Prozesse entwickelt.
Die Schweizer Maschinenindustrie ist hoch innovativ und erarbeitet viel Know-how, das wiederum ein Hauptfaktor für ihre globale Wettbewerbsfähigkeit ist. Der Verlust des Know-how wäre dramatisch. Welche Ratschläge geben Sie Unternehmern, die ihr Know-how sichern wollen, wenn Sie in China R & D betreiben?
D. Fäh: Know-how ist nicht nur etwas Statisches, sondern wird zu einem grossen Teil über Interaktion mit Kunden, Zulieferern und anderen Akteuren ständig erneuert und verbessert. Unternehmen, die im längerfristigen globalen Wettbewerb bestehen wollen, sollten daher das bestehende Know-how dort einsetzen und vergrössern, wo die Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Unternehmens am ehesten erhöht wird. Zu den dafür benötigten Mechanismen gehören etwa der Transfer und Schutz von bestehendem, aber auch die Kreation von neuem Know-how. Wie der Fall China zeigt, geht Wissensmanagement aber nicht immer reibungslos vonstatten und wird nicht unwesentlich von kultureller, sozialer und institutioneller Distanz beeinflusst. Um Forschung und Entwicklung in China erfolgreich zu betreiben, sind Unternehmen deshalb gefordert, lokal angepasste Wissensmanagementstrategien und Lernprozesse zu entwickeln und zu fördern. Die befragten Unternehmen bewerten beispielsweise den Schutz von Know-how durch soziale Protektion, etwa durch eine starke Bindung von Mitarbeitern an das Unternehmen, weit höher als den Patentschutz. Ebenfalls wird die Kreation von neuem, lokal angeeignetem Wissen bei höherwertigen technologischen Kompetenzen zunehmend wichtiger.
Zurzeit wird auf politischer Ebene das Freihandelsabkommen zwischen China und der Schweiz ausgearbeitet. Darin soll auch das geistige Eigentum geschützt werden. Was erwarten Sie davon?
D. Fäh: Die Bestrebungen, das geistige Eigentum rechtlich besser zu schützen, sind sicherlich richtig und wichtig. Durch die hohe wirtschaftliche Dynamik wird der rechtliche Schutz aber auch weiterhin von finanziellen und administrativen Ressourcen sowie der Stärke der lokalen Präsenz abhängen. Unerlässlich ist aber, dass Unternehmen nicht nur passiven, sondern aktiven und umfassenden Schutz ihres Know-hows betreiben. Dies bedeutet, sich sorgfältig zu überlegen, welches Wissen wo, wie und weshalb transferiert, geschützt oder neu geschaffen werden sollte. Eine erhöhte Innovationsaktivität in China kann dabei auch eine Strategie sein, um den kopierten Produkten der Konkurrenz die Marktchancen zu nehmen. Interessant ist ausserdem, dass alle befragten Firmen, unabhängig, ob sich die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern werden oder nicht, ohne Ausnahme ihre technologischen Kompetenzen in China in den nächsten zwei Jahren weiter ausbauen wollen. Eine hohe Lern- und Anpassungsfähigkeit der Schweizer Maschinenindustrie in China wird daher für einen zukünftig erfolgreichen Werkplatz Schweiz von zunehmender Bedeutung sein. <<
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