Zur «Logistics & Automation», der Schweizer Fachmesse für Intralogistikinnovationen in Zürich, sprach Jan Eberle, Head of Industry Engagement Logistics bei GS1 Switzerland, über Herausforderungen bei Logistikprozessen, die Lieferkettenthematik und neue Lösungsansätze, um die Schweizer Intralogistikbranche für den zunehmenden Wettbewerb und die Zukunft als Arbeitgeber sowie Innovationstreiber zu stärken.
Jan Eberle, Head of Industry Engagement Logistics bei GS1 Switzerland: «Der aktuelle Trendradar der Logistikmarktstudie Schweiz – der zweite Teil wurde erst kürzlich publiziert – zeigt, dass autonomes Fahren, Big Data Analytics und KI die drei Trends mit der höchsten Relevanz für die gesamte Branche in den kommenden Jahren sind.»
(Bild: GS1 Switzerland)
Herr Eberle, wofür steht GS1 ein, und welche Rolle spielt Ihre Organisation in der Schweizer Logistikbranche?
Jan Eberle: GS1 ist quasi die globale Sprache der Wirtschaft und fördert Effizienz, Transparenz sowie Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Als neutraler Verband vereint GS1 Switzerland verschiedene Interessengruppen, um gemeinsame Lösungen für dynamische und integrative Wirtschaftsumgebungen zu entwickeln.
Welche Lösungen oder Schwerpunktthemen bietet GS1 dabei konkret an?
J. Eberle: GS1 Switzerland bietet verschiedene Lösungen für die Logistikbranche in den Themenbereichen Digitalisierung, Innovation und Nachhaltigkeit an.
Wie unterstützt GS1 Switzerland konkret Unternehmen bei der Optimierung ihrer Logistikprozesse?
J. Eberle: Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Logistikunternehmen umfangreiche Lösungen zu den vorgenannten Themenschwerpunkten zu entwickeln, die der gesamten Branche Nutzen bringen.
Welche Rolle spielt GS1 bei der Förderung nachhaltiger Lieferketten in der Schweiz?
J. Eberle: Zum einen sind unsere Standards darauf ausgerichtet, Lieferketten zu digitalisieren und zu automatisieren. Dies führt zu mehr Effizienz und Prozessqualität. Unter anderem bieten wir im Zusammenhang mit der immer wichtiger werdenden Kreislaufwirtschaft die Grundlagen an – zum Beispiel für den digitalen Produktpass. Zum anderen vertreten wir in der Schweiz die international anerkannte «Lean and Green Initiative». Mit dieser Initiative unterstützen wir Unternehmen aktiv bei der Erreichung ihrer Netto-Null-Ziele bis spätestens 2050.
Wie können Standards und Technologien von GS1 Unternehmen dabei unterstützen, ihre CO2-Bilanz zu verbessern?
J. Eberle: Beispielsweise mit dem digitalen Produktpass. Dabei handelt es sich um einen Datensatz, der mittels eines 2D-Codes zugänglich gemacht wird. Dieser Code wird auf jedem Produkt angebracht und ermöglicht es Verbrauchern, Produzenten oder anderen Interessengruppen entlang der Lieferkette, auf sämtliche relevanten produkt- und materialbezogenen Informationen zuzugreifen – von Angaben rund um den CO2-Fussabdruck über Informationen zu schädlichen Inhaltsstoffen sowie Recycling- und Entsorgungsmöglichkeiten bis hin zu Benutzerhandbüchern und Gebrauchsanweisungen.
Welche technologischen Innovationen sehen Sie als «Game-Changer» für die Logistikbranche?
J. Eberle: Autonome LKW bzw. E-LKW werden in den nächsten Jahren eine sehr wichtige Rolle spielen. In der Schweiz laufen erste Feldversuche. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels wird man sich in der Branche über diese technischen Möglichkeiten freuen. Ich glaube auch, dass wir im Bereich der Robotik und der Cobots – also bei manuell handhabbaren Roboterlösungen – viele neue Innovationen für die Automatisierung und zugleich die Sicherung der Lieferketten sehen werden.
Welche Entwicklungen verändern aktuell die Logistikprozesse?
J. Eberle: Ganz klar ist es der Einsatz der KI. Jedoch ist KI nicht so neu, wie wir alle denken. Sie wird bereits seit vielen Jahren in unser aller Alltag und auch in der Logistik breit eingesetzt. Die Entwicklung verläuft jedoch aktuell exponentiell. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir in den nächsten Jahren noch viele weitere Technologieschübe erleben werden, die uns in den Lieferketten deutlich voranbringen werden.
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten Jahren?
J. Eberle: Insbesondere im Bereich der prädiktiven, also vorausschauenden Planung, im Datenmanagement (Datenanalyse bis Datenauswertung) und in der gesamten Prozessautomatisierung wird es aus unserer Sicht umfassende Entwicklungen geben.
Welche Rolle spielen GS1-Standards bei der Integration von KI-Lösungen in bestehende Logistiksysteme?
J. Eberle: GS1-Standards sorgen für eine weltweit eindeutige Identifizierung von Produkten, Lokationen, Sendungen usw. KI ist dabei eine weitere Technologie, die sich mit den GS1-Standards bestens ergänzen wird.
Welche Lösungsansätze für den Fachkräftemangel sehen Sie bei GS1 für die Logistikbranche?
J. Eberle: Wir unterstützen die Initiative «Movement’32» und sind bestrebt, mit dieser Initiative einen wichtigen Beitrag für die Branche zu leisten. Ein grosser Teil der Bevölkerung betrachtet die Logistik als systemrelevant, sieht sich aber nicht in der Arbeitswelt der Logistik. Mit dieser Initiative wollen wir langfristig die Attraktivität der Branche steigern.
Wie bereitet GS1 Fachkräfte auf die digitale Transformation in der Logistik vor?
J. Eberle: Neben der Standardisierung ist GS1 Switzerland auch ein Weiterbildungsanbieter im Bereich Logistik und Supply Chain. Inhaltlich wird die digitale Transformation behandelt, damit die Fachkräfte dieses Wissen in ihrem Unternehmen anwenden und umsetzen können.
Welche Kompetenzen werden in Zukunft besonders gefragt sein, und wie können sich Logistikfachleute darauf vorbereiten?
J. Eberle: Das Managen von Komplexitäten, also das sogenannte Komplexitätsmanagement, wird eine immer grössere Bedeutung erhalten. Dazu bieten wir auch unterschiedliche Lehrgänge und Wissenstransfer bei GS1 Bildung mit Schulungen, Webinaren oder Onlineseminaren für unsere Mitgliedsunternehmen an.
Welche Logistiktrends beobachten Sie aktuell, und wie unterstützt GS1 Unternehmen bei ihrer Umsetzung?
J. Eberle: Der aktuelle Trendradar der Logistikmarktstudie Schweiz – der zweite Teil wurde erst kürzlich publiziert – zeigt, dass autonomes Fahren, Big Data Analytics und KI die drei Trends mit der höchsten Relevanz für die gesamte Branche in den kommenden Jahren sind.
Stand vom 30.10.2020
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Wenn Sie in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen für die Logistikbranche in den nächsten fünf Jahren?
J. Eberle: Als grösste Herausforderungen sehen wir den Fachkräftemangel, den stark zunehmenden Wettbewerb durch China und dessen wachsenden Einfluss auf die europäischen Märkte – beispielsweise mit BYD und Temu, um zwei zu nennen. Hinzu kommen geopolitische Krisen, die direkten Einfluss auf alle Märkte und globalen Lieferketten haben.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Chancen?
J. Eberle: Als grosse Chancen sehen wir alle bereits genannten Technologien, wie KI, die aufgrund ihrer Leistungsfähigkeit dazu führen werden, dass noch grössere Effizienzpotenziale erschlossen werden können.