Interview, Hansjürg Inniger, Leiter IoT bei Zühlke Engineering AG Industrie 4.0 - «Im Zentrum steht das Kundenerlebnis»
Experten bezeichnen sie als die vierte industrielle Revolution: die Vernetzung von Hersteller, Maschine und Kunde. Was in anderen Branchen bereits Alltag ist, kommt immer mehr auch auf die MEM-Industrie zu. Dass eine solche Revolution ein Umdenken bei den Herstellern voraussetzt, davon ist Hansjürg Inniger überzeugt. Er ist bei Zühlke verantwortlich für den Bereich «Internet of Things». Im Interview erklärt er, welche Chancen die Industrie 4.0 mit sich bringt und warum die Anbieter diese Entwicklung nicht verschlafen dürfen.
Anbieter zum Thema

Was war der Grund für Zühlke, sich dem Thema Industrie 4.0 anzunehmen?
Hansjürg Inniger: Wir haben festgestellt, dass sich die Industrie sowohl in den USA wie auch in Deutschland sehr stark mit diesem Thema beschäftigt und auch politische Unterstützung erhält. In der Schweiz hingegen halten sich die Betriebe noch stark zurück – aus unserer Sicht zu stark. Denn die vernetzte Welt bietet heute so viele Möglichkeiten. Einzelne Prozesse in der Wertschöpfungskette oder gar ganze Geschäftsmodelle müssen wir komplett hinterfragen. Hersteller, Kunde und Maschine rücken viel näher zusammen. Plötzlich weiss der Anbieter, wie gut die Maschine beim Kunden funktioniert, ob bald ein Service ansteht oder wie hoch die Auslastung ist. Mit solchen Informationen lassen sich Service-Dienstleistungen automatisieren, Stillstände verringern und das Kundenerlebnis insgesamt verbessern. Bei Zühlke sind wir überzeugt, dass diese Vernetzung grosse Chancen für die Schweizer Industrie mit sich bringt. Es ist aber auch klar, dass ein solcher Wandel Investitionen, Mut und Begleitung braucht. Eine solche Begleitung will Zühlke bieten. Wir unterstützen Unternehmen bei der Umsetzung ihrer Vision – von der cleveren Idee bis zum durchschlagenden Markterfolg. Dank unseren interdisziplinären Teams mit Business Consultants, User Experience Experten, Ingenieuren und Softwarespezialisten haben wir dazu das richtige Rüstzeug.
Können Sie uns ein Beispiel für eine solche Zusammenarbeit in der MEM-Industrie schildern?
In der MEM-Industrie steckt das Thema noch in den Kinderschuhen. Wir haben zwar laufende Projekte, können aber noch nicht darüber sprechen. In anderen Branchen haben wir jedoch zahlreiche solcher Projekte erfolgreich umgesetzt. So haben wir beispielsweise für den Baumaschinenhersteller Liebherr ein System entwickelt, das sämtliche Zustands- und Betriebsdaten der weltweit im Einsatz stehenden Baumaschinen erfasst und speichert. Über ein Web-Portal haben sowohl die Kunden wie auch Liebherr Zugriff auf diese Daten. Maschine, Hersteller und Kunde sind also vernetzt und geben sich gegenseitig Feedback.
Und welchen Nutzen hat nun der Hersteller von diesem Projekt?
Das Ziel bei Projekten dieser Art muss immer sein, dass sich das Erlebnis für den Endkunden verbessert. In diesem Fall können die Kunden – die Käufer der Baumaschinen – via Online-Portal auf die Daten ihrer Baumaschinen zugreifen und die Informationen beispielsweise für die Einsatzplanung oder die Abrechnung einsetzen. Sie wissen also stets, wo ihre Maschinen wie eingesetzt werden. Daraus ergibt sich auch ein neues Geschäftsmodell, bei dem sich die Maschinen dank der exakten Aufzeichnung der Nutzungsdaten stundenweise vermieten lassen. Zudem profitieren Kunden von einem besseren Service durch den Hersteller. Denn Liebherr selbst nutzt die Informationen für den Kundendienst und optimiert so den Unterhalt, kann den Ersatzteilbedarf frühzeitig erheben und gewisse Dinge gleich aus der Ferne erledigen. Das führt dazu, dass sich die Stillstandzeiten der Maschinen deutlich verringern.
Die Budgets von KMU’s sind oft begrenzt, insbesondere nach der Aufgabe der Franken Kursuntergrenze am 15. Januar 2015. Welche konkreten Möglichkeiten haben diese Unternehmen, sich in Richtung Industrie 4.0 zu entwickeln?
Die Frankenstärke trifft den Industrie-Standort Schweiz mit voller Wucht. Umso mehr zwingt dieses Handicap die hiesige Industrie, neue Wege zu suchen. Die Vernetzung bietet hier Möglichkeiten: Durch neuartige Kundenerlebnisse kann man sich verstärkt im Premium-Segment positionieren und sich dem Preiskampf teilweise entziehen. Mit der Sammlung und Auswertung von Daten können Betriebe beispielsweise die Auslastung optimieren und so Kosten einsparen. Industrie 4.0 heisst nicht zwingend, dass ein Unternehmen auf einen Schlag die gesamte Wertschöpfungskette erneuern muss. Das geht auch Schritt für Schritt und mit begrenzten Budgets. Häufig sind bereits viele Daten vorhanden, die – richtig vernetzt und eingesetzt – mit überschaubarem Aufwand sehr gut genutzt werden können. Ein Industriebetrieb soll zuerst die wichtigsten Schritte der Wertschöpfungskette analysieren, diese auf «Vernetzungs-Potenzial» prüfen und dann optimieren. Erst in den nächsten Iterationen wird dies weiter vertieft, und allenfalls kommen weitere Prozesse hinzu. Es braucht also nicht von Beginn an den grossen Wurf und die grossen Budgets. Wichtig ist viel mehr, dass die Unternehmen den Zug nicht komplett verpassen.
Im englischsprachigen Raum werden für Industrie 4.0 Begriffe wie «IIoT» bzw. «Industrial Internet of Things» verwendet, welches Projekt aus diesem Sprachraum ist für Sie ein inspirierendes Beispiel?
Es sind viele Begriffe im Umlauf. Aber ganz egal wie man es nennt, es geht letztlich darum, dass Unternehmen ihre Prozesse, Produkte und Dienstleistungen sowohl mit den Kunden als auch untereinander vernetzen, so Daten sammeln und diese wiederum für den Kunden nutzbringend einsetzen. Ein gutes Beispiel ist der Elektroautohersteller Tesla. Der hat ja nicht einfach nur ein schönes Auto mit Elektromotor entwickelt, sondern die gesamte Kundenbeziehung auf den Kopf gestellt. Tesla weiss, wann die Batterie im Auto schwächelt, führt Updates übers Internet automatisch durch und kommt bei Problemen mit seinem mobilen Kundendienst auch mal vorbei. Der Kunde gibt zwar viele Daten preis, erhält aber dadurch praktisch ein Sorglos-Paket. Und genau solche Sorglos-Pakete sollte auch die Schweizer MEM-Industrie anstreben.
Über Zühlke und Hansjürg Inniger
Empowering Ideas – das ist die Mission von Zühlke. Das Unternehmen mit Sitz in Schlieren (ZH) und Bern unterstützt Firmenkunden aus unterschiedlichsten Branchen dabei, Business Innovationen zu verwirklichen. Dazu begleitet es die Kunden bei der Umsetzung ihrer Vision von der Idee bis zum Markterfolg. Als Lösungspartner bringt Zühlke langjährige und branchenübergreifende Expertise ein und übernimmt Verantwortung für den Projekterfolg. Seit jeher betreut Zühlke auch Kunden in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Das Unternehmen hat erkannt, dass sich durch die digitale Vernetzung für die Industrie neue Chancen und Herausforderungen ergeben. Zu diesem Zweck hat Zühlke den Bereich „Internet of Things“ (IoT) ins Leben gerufen. Für den Aufbau und die Weiterentwicklung ist Hansjürg Inniger verantwortlich. IoT ist die Grundlage für Industrie 4.0. Er und sein Team wollen ihre Kunden in diesem Bereich beraten und sie bei allen Projekten rund um das Thema Vernetzung begleiten.
Zühlke ist mit lokalen Teams in Deutschland, Grossbritannien, Österreich, Serbien und der Schweiz präsent. Die Zühlke Gruppe erzielte 2014 mit 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Umsatz von 119 Millionen Schweizer Franken.
(ID:43502329)
