Die Automobilindustrie nimmt in der Schweizer Wirtschaft einen ebenso bedeutenden wie unauffälligen Platz ein. Anja Schulze, Direktorin des Swiss Center for Automotive Research an der Universität Zürich, spricht über die Herausforderungen und Chancen einer Branche im Umbruch.
Anja Schulze ist Professorin an der Universität Zürich im Bereich Technology and Innovation Management. Ausserdem leitet sie das 2005 gegründete Swiss Center for Automotive Research, das Studien über die Automobilzulieferer in der Schweiz erstellt und publiziert.
(Bild: Petra Wolfensberger)
Die Schweiz produziert zwar keine Autos mehr in grossen Volumina, bleibt aber ein wichtiger Zulieferer von Bauteilen für die ausländische Automobilindustrie. Aktuell sind 578 Schweizer Unternehmen in diesem Sektor tätig. Sie stellen 32 000 Arbeitsplätze und erzielen einen Jahresumsatz von schätzungsweise CHF 13 Milliarden, wie die jüngste Studie unter Leitung von Anja Schulze, Professorin an der Universität Zürich und Direktorin des Swiss Center for Automotive Research (swiss CAR), berichtet. Die Branche steht jedoch vor zahlreichen Herausforderungen: wirtschaftliche Probleme der europäischen Partner, amerikanischer Protektionismus oder auch der Aufstieg chinesischer Autobauer.
Was sind die grössten Veränderungen für die Schweizer Automobilindustrie?
Anja Schulze: Die Elektromobilität gewinnt weiter an Bedeutung. Ausserdem hat die Schweiz nicht nur viele Unternehmen in der Zulieferstufe eins (Tier-1), sondern auch viele Unternehmen der Stufe zwei oder drei (die ihre Produkte nicht direkt an die Autohersteller, sondern an andere Zulieferer verkaufen, Anm. d. Red.). Das kann zu Problemen führen, wenn strategische Veränderungen anstehen, zum Beispiel weil grosse Hersteller in Schwierigkeiten sind und man weiter hinten in der Wertschöpfungskette keine Transparenz darüber hat, von welchem Hersteller schlussendlich die eigenen Teile verbaut werden. Unsere Studie zeigt auch, dass die Zahl der Kunden zunimmt: Früher hatte man rund zehn Hersteller an die die Teile (teils über Zwischenstufen) geliefert wurden, mittlerweile sind es eher achtzehn.
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Die Bedeutung der Branche scheint in der Schweizer Öffentlichkeit nicht sehr präsent zu sein. Warum?
A. Schulze: Zum einen liegt das daran, dass es in unserem Land keinen grossen Autobauer mehr gibt, was die Wahrnehmung beeinflusst. Zum anderen produzieren die Zulieferer meistens Teile, die quasi ‚unter der Motorhaube‘ verbaut werden und daher kaum sichtbar sind. Ausserdem haben viele dieser Unternehmen ein diversifiziertes Produktportfolio, produzieren also zum Beispiel sowohl für die Automobilindustrie als auch für die MedTech-Branche, sodass ihr Image nicht speziell mit der Automobilindustrie verknüpft ist.
Wie wird sich die Industrie in den kommenden Jahren entwickeln?
A. Schulze: Das wird grösstenteils von der Entwicklung der Autohersteller abhängen. Unsere Studien zeigen, dass es sich auf die Schweiz auswirkt, wenn es der deutschen Industrie schlecht geht, was im Moment eher der Fall ist. Im Raum steht auch die Frage nach der Umstellung auf Elektromobilität und die Positionierung als Zulieferer für neue Kunden.
Welche Strategien können die Schweizer Unternehmen annehmen, um im gegenwärtigen internationalen Umfeld wettbewerbsfähig zu bleiben?
A. Schulze: Innovation bleibt der Schlüssel zum Erfolg. Besonders die Positionierung der KMU dieser Branche gegenüber dem chinesischen Markt wird dabei entscheidend sein. Die Schweiz ist ein Hochlohnland. Unternehmen können daher nicht rein über den Preis konkurrenzieren. Man muss auf neue Lösungen setzen, um chinesische aber auch andere Kunden von sich zu überzeugen, zum Beispiel indem man Materialien oder Bauteile fertigt, die besonderen Anforderungen gerecht werden können sowie eine ausgeprochen hohe Qualität aufweisen. Für eine Industrie, die sich durch eine hohe Zahl an KMU auszeichnet, ist es jedoch nicht einfach, die Kundenbeziehungen bis nach Asien auszuweiten. Wenn die Firma in Schaffhausen sitzt und man auf die andere Seite der Grenze liefert, ist das zwar auf dem Papier ein internationales Handelsgeschäft, doch es wird durch die grosse geographische und kulturelle Nähe begünstigt.
Vor welchen weiteren Herausforderungen stehen die Schweizer Zulieferer heute?
A. Schulze: Die Energiekosten sind weiterhin hoch. Die Entwicklung des Zugangs zum amerikanischen Markt wird vom Ergebnis der Präsidentschaftswahlen im November abhängen. Es geht auch um die Frage der Umstellung auf alternative Antriebstechnologien. Es ist eine Sache, wenn man schon immer auf elektronische Bauteile spezialisiert war, aber es ist noch einmal deutlich schwieriger, wenn sich das Hauptgeschäft des Unternehmens bisher auf Teile oder Anlagen für Verbrennungsmotoren konzentriert hat. Diese Entwicklung kann sich übrigens auch auf Zulieferer auswirken, deren Teile nicht direkt im oder am Verbrennungsmotor verbaut werden. Bei Elektrofahrzeugen ist beispielsweise aufgrund anderer Akustikanforderungen die Verwendung anderer Stoffe für die Innenauskleidung erforderlich. Hinzu kommt, dass der Markt für Elektrofahrzeuge nicht so stark wächst, wie von den Herstellern erhofft, was die Perspektiven für ihre Zulieferer kompliziert macht.
Was sind auf der anderen Seite günstige Gelegenheiten für die Schweizer Unternehmen?
A. Schulze: Wenn neue Technologien aufkommen, entsteht auch ein Potenzial für Innovationen und Innovation ist ein Bereich, in dem viele Schweizer Unternehmen gut aufgestellt sind. Zudem bleibt Mobilität ein Zukunftsthema. Es wird immer einen Bedarf für Fahrzeuge geben, doch im Moment steht die Industrie grossen Umwälzungen gegenüber, in denen sie ihren Weg finden muss.
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