Laurent Castella, Bystronic Co., Ltd.: «China-Projekte müssen hohen strategischen Stellenwert haben»
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Interview mit Laurent Castella, Director Asia/Pacific, Bystronic Shanghai/China
SMM: Ihr Thema auf dem Swissmem-Symposium ist «Swiss Quality made in China». Ist das nicht ein Widerspruch?
Laurent Castella: Um provokativ zu sein, könnte ich antworten: warum? Ist chinesische Qualität so schlecht? Oder ist Schweizer Qualität so gut? Jeder akzeptiert, dass iPhones und viele andere High-Tech-Produkte in guter Qualität in China hergestellt werden. Warum nicht auch Werkzeugmaschinen? Es stimmt, dass in China immer noch viele Billigprodukte produziert werden, die den Ruf von schlechter Qualität untermauern. Aber China produziert auch qualitativ hochwertige Produkte, dank grosser Investitionen in erstklassige Maschinen, gute Infrastruktur und in die Disziplin und Ausbildung der Mitarbeiter.
Glauben Sie, dass das Label «Swiss Quality» sein gutes Image verliert, wenn in China produziert wird?
L. Castella: Alles hängt davon ab, welche Produkte in China produziert werden. Einige Unternehmen wählen China als Produktionsstandort für Billigprodukte, die sie dann mehrheitlich exportieren. Das ist in Ordnung, wenn das Marketing dem Qualitätsstandard entsprechend ausgerichtet ist und keine falschen Erwartungen betreffend Ausstattung und Leistung geweckt werden. Dies geschieht aber, um ein «Billig-Image» zu vermeiden. Andere Unternehmen sehen China als Produktionsstandort, um in erster Linie den chinesischen Markt mit Produkten mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu versorgen. Entscheidet sich ein Unternehmen für diesen Weg, ist ein lokales F&E-Team notwendig, um bestehende Produkte den lokalen Bedürfnissen anzupassen oder neue Produkte gezielt für den chinesischen Markt zu entwickeln. Solche Projekte müssen von strategischer Bedeutung für das Unternehmen sein und von der Geschäftsleitung unterstützt und gefördert werden. Nach meiner Erfahrung haben Projekte, welche einen hohen strategischen Stellenwert haben und vom Top-Management getragen werden, grossen Erfolg und können dem Vergleich mit der Schweiz durchaus standhalten. Chinesen bewerten in der Regel Produkte, die in China von ausländischen Unternehmen produziert wurden, als höherwertig als einheimische Produkte und sind auch bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Darin sehe ich eine grosse Chance für uns.
Die Maschinenindustrie bietet einen hohen Qualitäts- und Präzisionsstandard. Ist China der richtige Produktionsstandort für die Schweizer Maschinenindustrie?
L. Castella: Ja, aber mit einigen Besonderheiten. Eine der grossen Herausforderungen in China ist die Beschaffung von hochwertigen Rohstoffen. Weiter müssen zuverlässige Lieferanten von Komponenten und Baugruppen gefunden werden, was meist viel Zeit beansprucht. Gute Maschinen können überall auf der Welt gekauft werden, auch in China, aber gute Mitarbeiter zu finden, welche die Maschinen bedienen können, ist ein Problem, an dem gearbeitet werden muss. Wenn die Endmontage inhouse gemacht wird, müssen Prozess- und Qualitätsstandards festgelegt und kontrolliert werden. Dies sollte die Kernkompetenz von uns allen sein.
Einige Unternehmen ziehen sich aus China zurück, weil die geforderte Qualität nicht eingehalten wird. Haben Sie die gleiche Erfahrung gemacht?
L. Castella: Nein. Der chinesische Markt ist einfach zu wichtig für uns. Wenn wir in China nur Schweizer Produkte verkaufen würden, wären wir auf den Nischenmarkt für High-End-Produkte begrenzt. Keiner von meinen Arbeitgebern würde dem zustimmen, und dies mit gutem Grund. Viele unserer Kunden produzierten in der Vergangenheit die meisten ihrer Komponenten im eigenen Haus, weil sie Schwierigkeiten hatten, in China zuverlässige Lieferanten zu finden. Dies ändert sich zurzeit. Es werden viele Zulieferer aus China berücksichtigt, weil sich das gesamte Zuliefernetzwerk stark verbessert hat. Wie jeder weiss, steigen die Herstellungskosten in China sehr schnell. Die Branche wird dadurch gezwungen, die Qualität zu verbessern sonst läuft man Gefahr zu scheitern. Nur die Besten werden bleiben.
Hatten Sie irgendwelche Qualitätsprobleme in China mit Ihrem Unternehmen?
L. Castella: Natürlich hatten wir Qualitätsprobleme und haben sie noch heute. Aber wer hat sie nicht? Was ich zumindest aus meiner Erfahrung sagen kann, ist, dass die Qualitätsprobleme in China sicherlich nicht grösser sind als jene in der Schweiz. Die meisten Maschinen, die wir in China produzieren oder produziert haben, erreichen einen besseren MTBF (Mean Time Between Failure) als diejenigen der Schweizer Produktpalette. Dies ist auch logisch, weil Einsteigermodelle gegenüber Maschinen im mittleren und hohen Preissegment einfacher sind in ihrer Funktionalität. Daher sind sie auch weniger störanfällig als zum Beispiel High-End-Maschinen. Mit den geringen Margen bei diesen Maschinen kann man sich keine grossen Garantiekosten leisten. <<
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