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In welchen Bereichen ist Mechatronik-Denken in der Schweiz spürbar?
Van de Venn: Ohne Übertreibung glaube ich sagen zu dürfen: in allen Bereichen in der Produktionstechnik, im Maschinen- und Anlagenbau, in der Robotik, im Verkehrswesen, im Bereich der Elektromobilität, im Energiebereich, im Umweltwesen, in der Luft- und Raumfahrt. Ich könnte noch viele andere Bereiche nennen. Es gehen bei uns aus nahezu allen Sektoren der Industrie Anfragen ein, die darauf abzielen, mechatronische Gedanken, Strategien und Systeme zu entwickeln oder bestehende Produkte zu verbessern oder neue zu gestalten. Für uns sehr interessant ist, dass wir zeigen können, dass man vor allem auch in Industriebereichen, in denen man bisher mit konventionellen Engineering-Methoden arbeitete, mit mechatronischen Ansätzen viel weiterkommt als bisher.
Die Medizintechnikzum Beispiel bedient sich heute weitgehend mechatronischer Systeme, sowohl zur Diagnose wie auch zur Planung von operativen Eingriffen, zur Therapie selbst, zur Rehabilitation als auch zur Nachsorge. Die landwirtschaftliche Produktion wird durch mechatronische Systeme, wie zum Beispiel autonome Pflanzenerkennungs- und -behandlungssysteme nicht nur weniger körperlich anstrengend für den Menschen, sondern auch effizienter und umweltfreundlicher. Maschinen und Geräte werden durch elektronisch gesteuerte, aktive Komponenten leistungsfähiger und verlustärmer.
Die Produktion von Verbrauchsgütern lässt sich durch intelligentemechatronische Systeme sehr schnell dem tatsächlichen Bedarf anpassen und so flexibel gestalten, dass trotz hoher Stückzahlen Produkte mit individuellen Merkmalen produziert werden können.
Selbst Bereiche, die man zunächst überhaupt nicht mit der Mechatronik in Verbindung bringt, wie die Verbrechensbekämpfung profitieren von unseren mechatronischen Systemen. In der Forensik, also in dem Gebiet der Kriminalistik,das sich mit der Aufnahme, Sicherung, Auswertung und dem Vergleich von Tatortspuren beschäftigt, bringt die Mechatronik immense Fortschritte.
Die Sicherheitstechnik entwickelt sich schon seit Jahren stark weiter durch den Einsatz von intelligenten Steuerungen, Sensoren und Systemen. Im Rahmen eines grösseren EU-Projektes bearbeiten wir gegenwärtig technische Möglichkeiten zur Verminderung der Auswirkungen von terroristischen Anschlägen durch Autobomben, indem wir gemeinsam mit europäischen Partnern, Polizei und Sicherheitsbehörden ein System entwickeln, welches verdächtige Fahrzeuge automatisiert aus schwer zugänglichen Stellplätzen entfernen kann.
Oder das Beispiel der alternden Bevölkerung. Wir haben begonnen, intelligente Systeme zu entwickeln, die es älteren Menschen erlauben, länger in ihrer gewohnten Umgebung zurechtzukommen, ohne sich in die Abhängigkeit eines Alters- oder Pflegeheimes begeben zu müssen (der Bedarf an Platz und Pflegepersonal steigt, was bereits in absehbarer Zeit zu Problemen führen wird). Dazu gehören relativ einfache Dinge wie elektronische, mikrocontrollerüberwachte und –gesteuerte Haushaltsgeräte, aber auch Systeme zur Überwachung und Online-Übermittlung von Vitalparametern bis hin zu bewegungsunterstützenden Systemen, die man anziehen kann wie eine Jacke oder eine Hose.Es ist noch weitgehend Zukunftsmusik, aber wir machen uns bereits heute Gedanken über intelligente Aktoren und Sensoren, vereinigt im mechatronischen System Exosklett, welche es ermöglichen, dass auch ältere oder behinderte Menschen Arbeiten verrichten, Lasten heben und sich bewegen können wie nichtbehinderte Dreissigjährige. Oder, dass Parkinson-Patienten durch nahezu unsichtbare technische Hilfsmittel wieder zumindest einigermassen gut ohne fremde Hilfe ihre täglichen Verrichtungen ausüben können, also die Lebensqualität trotz Behinderung auf einem hohen Niveau bleibt.
Auch in den Industrieverbänden spüren wir deutlich, dass die Mechatronik als Schlüsseltechnologie erkannt wird.
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