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Ist in der Schweiz ein Umdenken sinnvoll, nötig oder bereits initiiert?
Van de Venn: Ein Umdenken ist nicht nur sinnvoll und nötig, sondern es ist absolute Voraussetzung für das Bestehen des Werk- und Denkplatzes Schweiz im internationalen Rahmen. Wie ich bereits vorher gesagt habe, ist das Umdenken ja teilweise schon im Gange. Wie wir oben erfahren haben, gibt es gute Beispiele dafür.
Ich bin überzeugt – und dies ist auch das, was wir unseren Studenten neben den rein fachlichen Dingen vermitteln – man muss lernen, über den „ Tellerrand“ hinauszublicken und in ganzheitlichen Systemen zu denken. Nicht nur die Mechatronik Komponenten müssen perfekt zusammenarbeiten, sondern vorher erst einmal die Entwickler und dies bereits in dem frühestmöglichen Stadium einer Produktentwicklung.Beim Start eines neuen Projektes sollte bereits begonnen werden, mechatronisch zu denken und zu handeln, d.h. eine rasche Verschmelzung der Mechanik, Elektronik und Informatik einzuleiten. Es muss dabei im Vordergrund stehen, die Vorteile der einzelnen Disziplinen zu nutzen und damit Nachteile zu vermeiden. Zum Beispiel: in der Mechanik ist es weitgehend üblich zur Kraftübersetzung Getriebe zu verwenden, diese sind aber in der Regel teuer (insbesondere wenn sie wenig Spiel haben sollen), schwer und haben Reibung. Für bestimmte Anwendungen lassen sich aber auch Direktantriebe einsetzen, welche mit einer guten, verlustarmen Steuerelektronik und einer auf den Anwendungsfall abgestimmten digitalen Regelung immense Kosten-, Gewichts- und Energieeffizienzvorteile aufweisen.
Aber, Mechatronik geht noch weiter: eine systematische Neustrukturierung der Engineering-Prozesse und eine mechatronische Produktentwicklung mit dem Ziel der Bauteilmodularisierung und –Standardisierung wird für die Zukunft im Vordergrund stehen. Hierzu müssen mechatronische Komponenten und Abläufe definiert werden, die jeweils spezifische Informationen aus Mechanik, Elektronik und Steuerungstechnik enthalten. «Concurrent Engineering», also die verteilte, gleichzeitige Entwicklung, ersetzt dabei das konventionelle Vorgehen nach der althergebrachten Methode «erst die Maschinenkonstruktion, dann die Elektrokonstruktion und zum Schluss die Entwicklung der Software». Diese sequentielle Methode kann sich heute kein international aufgestelltes Unternehmen mehr leisten.
Gibt es in der Schweiz einen Mechatronik-Cluster?
Van de Venn: Das kommt darauf an, wie man einen Cluster definiert. Es gibt da keine klaren Regeln oder Abgrenzungen. Der Begriff Cluster wird von verschiedensten Gruppierungen aus Politik, Wirtschaft, Bevölkerung, Hochschulenteils unterschiedlich gebraucht.
Gemäss einer für mich einleuchtenden Definition sind Cluster regionale Kooperationsräume von Unternehmen, die miteinander entlang der Wertschöpfungskette interagieren, die aber gleichzeitig eine starke Wissenschafts- und Forschungsbasis haben, die sie u.a. durch die Nähe zu Hochschulen pflegen und deren Grundausrichtung vor allem im Hervorbringen von innovativen Produkten liegt. Es ist bekannt, dass sich starke Cluster insbesondere durch vielfältige Beziehungen der beteiligten Partner untereinander auszeichnen.
Einen Mechatronik-Cluster in diesem Sinne gibt es in der Schweiz meines Wissens nicht.
Denkbar wäre dies aber schon, denn ich glaube, dass die Voraussetzungen gemäss der obigen Definition hier in der Schweiz besonders gut erfüllt sind.Möglich ist das auch, denn es gibt bereits andere Cluster, etwa den Medical Cluster, den Nano Cluster.
Ich könnte mir vorstellen, dass man so etwas ähnlich aufziehen kann wie ManuFuture-CH, eine Initiative mit ähnlichen Zielen wie Cluster, welche hervorgegangen ist aus einem F&E Konsortium und nun F&E Konsortium und Verein ist. Da wir von der Mechatronik in ManuFuture-CH stark vertreten sind (u.a.im Vorstand und als Arbeitsgruppe), ist das eigentlich schon so etwas wie ein Mechatronik Cluster, allerdings mit vielen anderen Akteuren darüber hinaus.
Der Vorteil von Clusterinitiativen liegt sicherlich darin, dass die Intensität der Beziehungen der beteiligten Akteure untereinander und mit Hochschulen deutlich gesteigert wird, und dass dadurch eine zusätzliche Dynamik eingebracht wird, welche die technologische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und damit die Innovationskraft von Unternehmen, entscheidend gestärkt wird.
Wie ist die Schweiz mechatronisch international eingebunden?
Van de Venn: Ich denke, es gibt eine Menge unterschiedlicher Aktivitäten in der Schweiz. Da sind einerseits natürlich die F&E-Anstrengungen in interregionalen und internationalen Projekten, so wie auch wir sie im Rahmen von EU Projekten gemeinsam mit Industriepartnern aus der Schweiz durchführen. Hier sind aber nicht nur wir tätig, sondern vor allem auch die ETH und die EPFL und viele Fachhochschulen in der Schweiz.
Weiterzu nennen sind Initiativen wie die Plattform und der Verein ManuFuture-CH, in denen ein grosser Teil der Interaktion und Vernetzung von Unternehmen untereinander und von Unternehmen mit Hochschulen stattfindet.
Und dann gibt es noch internationale Tagungen zum Thema Mechatronik, etwa das jährlich stattfindende Internationale Forum Mechatronik, welches alternierend in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz stattfindet. Darüber hinaus stehen wir auch in sehr guter Verbindung mit den Mechatronik-Clustern in Österreich und Deutschland.
Das ist schon eine ganze Menge an Aktivitäten. Allerdings wünschte ich mir, dass wir in der Schweiz in diesem Bereich noch aktiver auftreten und tätig sind.
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