Schweiz hätte mehr Potenzial Mythos Innovation

Redakteur: Luca Meister

>> Fast monatlich hören wir von Studien, die belegen sollen, dass die Schweiz zu den innovativsten oder wettbewerbsfähigsten Ländern gehöre. Dass die Realität anders aussieht, kristallisierte sich an der Ansys Conference & Schweizer Cadfem Users’ Meeting heraus, das am 5. und 6. September in Zürich stattgefunden hat.

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Innovation Factory: Dieses Buch sollte jeder Geschäftsführer lesen.
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(Bild: Growth Publisher)

Am jährlichen Treffen der «Ansys»-Anwender erhält man einen Einblick in die verrücktesten Projekte, bei denen die Simulationssoftware in der Produktentwicklung oder -reparatur eingesetzt wurde. Die Möglichkeiten der Strukturmechanik (FEM) und Strömungssimulation (CFD) scheinen sich jährlich zu vermehren, künftig wird wohl immer mehr auch die Systemsimulation Thema sein.

Mehr simulieren

Doch nicht nur davon, sondern generell im Bereich der Simulation, sei die Schweiz gemäss Branchenkennern noch ein grosses Stück entfernt. Im «innovativsten» Land der Welt wird immer noch zu viel gebastelt, wo auch – mit viel weniger Aufwand – simuliert werden könnte. Natürlich braucht es Prototypen, um neue Produkte weiterzuentwickeln oder an einem bestimmten Punkt zu evaluieren. Doch oft könnten «Trial & Error»-Prozesse reduziert werden, womit auch weniger Kosten entstehen würden.

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Was die Anschaffung neuer Simulationssoftware angeht, liegen in der Schweiz die Hürden offenbar immer noch ziemlich hoch. Oft ist es die konservative Geschäftsleitung, die den direkten Nutzen nicht sieht und auf diesem Gebiet nicht investieren will, weil sie sich den umgehenden finanziellen Benefit nicht vorstellen kann. Firmen mit solcher Führung sind an der zweitägigen Veranstaltung am Zürichberg bezeichnenderweise nicht vertreten. Dort geht es um die wilden Projekte.

Verborgenes Potenzial

Etwa jenes der Marenco Swisshelicopter AG, die einen konzeptuell neuen Leichthelikopter baut. Das Unternehmen – am Cadfem Users’ Meeting gerade mit zwei Vorträgen vertreten – hat neben einer bis in das letzte Detail durchdachten PLM-Landschaft diverse Simulationsprogramme im Einsatz. Diese ermöglichen den Entwicklern, allfällige Fehlkonstruktionen oder problematische Designs möglichst früh zu erkennen und umgehend zu verbessern (Der SMM berichtete in der diesjährigen Jahreshauptausgabe Sommer über den Einsatz der Software «Kisssoft», die für die Berechnung des Getriebekopfes eingesetzt wird). Der erste Prototyp soll noch in diesem Jahr seinen Jungfernflug absolvieren.

Elmar Mock, einer der beiden Swatch-Erfinder und Creaholic-Gründer, sprach im Hauptvortrag das Thema Innovation an. Entgegen der immer wieder auftauchenden Studien sieht er in der Schweiz ein enormes ungenutztes Innovationspotenzial. So behindern u.a. das Manko an Investitionsbereitschaft für neue Ideen oder veraltete Unternehmensstrukturen die Entwicklung innovativer Projekte.

Er rät Firmen, nicht nur hochqualifizierte Fachspezialisten einzustellen, sondern auch radikale Querdenker. Nur solche Leute würden mit ihrer Inspiration aus fremden Bereichen wirklich neue Ideen bzw. Sichtweisen hineinbringen. Natürlich braucht es eine gewisse Prozentuale an Profit, um die Entwicklungen zu finanzieren. Die Creaholic SA bietet hier Zusammenarbeit für den Innovationsprozess an, liefert sowohl Ideen als auch Prototypen (daneben entwickeln die Innovationstüftler aber auch selber Produkte).

Radikales gefragter denn je

Wissensbasierte und innovationsorientierte Gesellschaften müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, in Zukunft ohne Zweifel vermehrt radikale Innovationen suchen und diese auch gezielt fördern. Wie dies zu realisieren ist, steht in dem von Elmar Mock und anderen Autoren veröffentlichten Buch «Innovation Factory» (siehe Kasten). Darin werden Innovationsmodelle oder Managementprinzipien anhand von Praxisbeispielen erklärt oder z.B. anhand der «C-K-Theorie» aufgezeigt, wie das Zusammenspiel zwischen Konzept- und Wissensraum optimiert werden kann.

Die regelmässig veröffentlichten Studien verzerren die Wahrnehmung unserer Industrielandschaft und verleiten zum Zurücklehnen. Nicht dass Schweizer Unternehmen nicht innovativ wären, doch im Bereich der Produktentwicklung liegt offensichtlich mehr drin. Um dies umzusetzen, sollte von modernster Software u.a. im Simulationsbereich nicht zurückgeschreckt werden. <<

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