In Gedenken an Ueli Steck

«Prozessorientiertes Denken ist wichtig»

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Wird Scarpa diesen Schuh auch zum Verkauf anbieten?

U. Steck: Die Geschichte mit Scarpa ist interessant. Anfangs hiess es: «Das können wir machen, für dich, aber nicht verkaufen.» Vor drei Jahren hatten wir bereits zusammen ein Schuhsystem entwickelt, das ich damals für mich ausgelegt hatte und das sich nun kommerziell zu einem Riesen­erfolg entwickelt hat. Der damals von mir eingesetzte Schuh wurde zwar nicht so produziert, wie ich ihn kreiert hatte, doch das Konzept wurde darauf auf andere Scarpa-Modelle übertragen.

Sie steigen selbst im Himalaya ohne Sauer­stoff. Inwiefern spielt neben den Kleidern und Schuhen das Technologische eine Rolle?

U. Steck: Ausschlaggebend ist das Technologische nicht. Sauerstoff ist für mich keine Option. Die Herausforderung liegt ja darin, im Himalaya ohne Sauerstoffzusatz zu klettern, weil es in diesen Höhen eben weniger Sauerstoff in der Luft hat. Es geht für mich um die sportliche Leistung. Wenn ich den Mount Everest mit einer Sauerstoffflasche besteigen würde, könnte ich geradeso gut einen Sechstausender ohne Flasche besteigen.

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Wie sieht es aus mit der Sicherung?

U. Steck: Ich klettere zu 90 Prozent mit Seil. Aber es ist halt schon so, dass das Klettern ohne Seil die grössere Herausforderung ist. Im Endeffekt ist es eben eine grössere Leistung, die man erbringen muss. Deshalb muss alles passen und zuverlässig funktionieren. Nur schon kleine Fehler lassen solche Situationen nicht zu.

Im Alpinismus werden Ziele nicht immer erreicht. Welche Lehren ziehen Sie aus Ihren Fehlern?

U. Steck: Es ist sehr wichtig, prozessorientiert zu denken. Ein erfolgsorientiertes Leben ist allgemein sehr schwer. Man muss den Mut haben, zu scheitern. Es kommt aber wiederum darauf an, wie man Scheitern definiert. Ein Scheitern wäre für mich beispielsweise nur ein Absturz. Den Gipfel nicht erreichen ist für mich kein Scheitern, denn man lernt dabei immer etwas – es ist ein kontinuierlicher Erfahrungsprozess. Wichtig scheint mir dabei, dass man sich fragt, weshalb sich die Dinge so ereignet haben.

Wie sieht die Erfolgszahl bei Ihnen aus?

U. Steck: Die habe ich noch nie ausgerechnet – weil sie mich nicht kümmert. Ich kehrte 100 Meter vor dem Everest-Gipfel um, weil ich zu kalte Füsse hatte. Das hat mich zwar ein bisschen geärgert, doch ich hatte auch mit Freude realisiert, dass mein Körper auf dieser Höhe gut funktionierte. Diese Erfahrung kann mir niemand nehmen.

Wie merkt man in solchen Situationen, dass man die eigenen Grenzen erreicht hat?

U. Steck: Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Wenn man gut sein will, muss man rational sein. Dieses Gefühl muss man aufbauen. Man muss in solchen Situationen darauf achten, dass man von aussen bzw. von anderen Leuten nicht beeinflusst wird. Die eigenen Grenzen kann niemand anders aus dem Team besser einschätzen als ich selber auf dem Berg.

Wieso nimmt man so grosse Risiken auf sich?

U. Steck: Über die Grösse der Risiken können wir diskutieren, das ist eine gute Frage …

… sind für Sie keinerlei Risiken dabei?

U. Steck: Keine Risiken gibt es nicht. Sobald man in die Berge geht, wird es gefährlich. Aber wer jetzt das grössere Risiko eingeht, sei es ich, alleine in der Eigernordwand, oder wenn Sie (die SMM-Redaktion wird angesprochen) zusammenspannen und eine Seilschaft machen, das sei dahingestellt. Ich ginge das kleinere Risiko ein, obwohl ihr ein Seil dabei hättet. Sobald ich mich auf eine Expedition begebe, weiss ich, dass sich mein Risiko auf einem akzeptablen Niveau befindet. <<

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