Swissmem Symposium 2009 - wo liegen die Chancen des Werkplatzes Schweiz?

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«Jede Chance nützen»

Peter Meier von USP Consulting stellte sich die Frage, wohin die Reise gehen wird. Sind wir heute wirklich am Tiefpunkt angelangt? Und wenn ja, steht eine rasche und nachhaltige Erholung bevor? Meier sieht die Finanzkrise als Auslöser der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, aber die Ursache für den beispiellosen Nachfrageeinbruch im Maschinenbau liegt seiner Meinung nach tiefer. Konsum auf Pump und das starke Wachstum der Schwellenländer hätten die Nachfrage nach Investitionsgütern über ein gesundes Mass hinaus stimuliert. Dadurch sei in der Investitionsgüterindustrie, wie in der Finanzwirtschaft, eine Blase entstanden, die nun geplatzt ist, erklärte Meier. Meier prognostizierte in seinem Referat das Erreichen der Talsohle auf Ende 2009. Doch er ist nicht sehr optimistisch, was den Aufschwung anbetrifft. Meier glaubt an eine langsame Erholung in den kommenden drei Jahren. Auch die notwendigen Stützungsmassnahmen beurteilt er kritisch. Seiner Meinung nach tragen sie kaum dazu bei, den Nachfrageeinbruch in der Exportwirtschaft abzufedern. Sie seien Anleihen auf die Zukunft. Die Zeche werde man im kommenden Aufschwung berappen müssen, der dadurch belastet wird. «Wir stehen vor grossen Herausforderungen und müssen jede Chance nützen, die sich uns bietet ? schlimmer kann es nicht mehr kommen», schloss Meier.

Fertigungstechnik als Vermittler

Prof. Dr. Konrad Wegener, IWF ETH Zürich /Inspire AG, hob in seinem Referat die enorm wichtige Funktion der Fertigungstechnik für den Fortschritt hervor, denn eine gute Idee ohne Umsetzungskompetenz habe keinen Wert. Die Fertigungstechnik sei daher der Vermittler zwischen

Idee und Realität, wie er es nannte. «Es ist die fehlende Fertigungstechnik, die Entwicklungen hemmt und ohne die es keinen Durchbruch für so viele gute Ideen geben kann. Und es ist die prozesstechnische Überlegenheit, die den Wettbewerbsvorsprung ausmacht, denn der ettbewerbsvorsprung durch Prozessinnovation ist etwa 3-mal so gross wie der durch Produktinnovation », erläuterte Wegener. Wegener ging sogar noch weiter und hielt fest, dass der Weg zur Dienstleistungsgesellschaft über das Produkt führe. Das bedeutet ohne Realwirtschaft keine Dienstleistungsgesellschaft. Wegener wagte auch einen Blick in die Zukunft. Wo wird die Reise in der Fertigungstechnik hingehen? Anhaltspunkte

bieten da Innovationen in der Werkstofftechnologie, denn neue Materialien führen zu neuen Fertigungsverfahren. Hervorgehoben hat Wegener unter anderem die Generativen Fertigungsverfahren wie das Rapid Manufacturing. Es erlaubt, komplex Geometrien und Formen zu fertigen,

die durch die konventionellen Fertigungsverfahren nicht kosteneffizient erstellt werden können. Es bleibt festzuhalten, kauft werden und das Resultat zähen Ringens um marginale Vorteile sind, die erst durch grosse Stückzahlen lukrativ werden. Der Aufwand, um die Technologiespitze

zu erreichen, wird also immer grösser und der Markt dafür immer kleiner. Hier wird es notwendig, Ersatztechnologien und -verfahren zu entwickeln. Wegener wies dabei auf die Mechatronik hin, eine Kombination aus Mechanik, Informatik und Elektrotechnik. Ergänzt wird die Mechatronik

immer mehr durch optische Verfahren, man spricht dann von der Mechatroptik. Als erfolgreiches Handlungsmuster für Unternehmen nannte Wegener die permanente Innovation, denn punktuelle Innovation führe nicht zum Erfolg.

Firmenpräsentationen

Anhand dreier Firmenpräsentationen wurde gezeigt, wie Unternehmen den Wandel managen. Vom Spin-off zur technologischen Marktführerschaft

Den Einstieg machte Dr. Patrick Hofer- Noser von der 3S Swiss Solar Systems AG in Lyss. Er beleuchtete in seinem Vortrag, wie die innovative Anwendung und konsequente Umsetzung von Produktetechnologie- Fachwissen auf den Herstellungsprozess und die Produktionsmittel

für eine Firma neue Dimensionen eröffnen kann. 3S Swiss Solar Systems wurde im Juni 2001 unter dem Firmennamen Swiss Sustainable

Systems AG gegründet. Die vier Unternehmensgründer verfügten bereits über langjährige Erfahrung in der Solarindustrie. Der Geschäftszweck zum Zeitpunkt der Unternehmensgründung bestand in der Produktion von anspruchsvollen, in die Gebäudehüllen integrierten Solarmodulen. Es stellte sich sehr schnell heraus, dass die auf dem Markt erhältlichen Produktionsanlagen nicht den Ansprüchen des Unternehmens entsprachen.

Fast gleichzeitig erkannte die Geschäftsleitung, dass das für die Produktion von Solarmodulen vorhandene photovoltaische Fachwissen auch für die

Entwicklung von Produktionsanlagen genutzt werden kann. Daher wurde mit der Entwicklung von Produktionsanlagen für die Solarmodulfertigung begonnen und damit der zweite Geschäftsbereich aufgebaut. Mit diesem Geschäftsmodell hat sich die 3S Swiss Solar Systems AG in nur sieben

Jahren zum technologischen Marktführer in der solaren Wertschöpfungskette von der Solarmodul- ertigungstechnologie bis zum Anbieter innovativer Anwendungen im Bereich der gebäudeintegrierten Photovoltaik (BIPV) entwickelt. Die heutige Holdinggesellschaft 3S Industries ist mit den Gruppenunternehmen Somont, 3S Swiss Solar Systems und Pasan in beiden Bereichen weltweit führend. Alle drei Konzerngesellschaften

sind im abgelaufenen Berichtsjahr schneller gewachsen als der Markt und haben damit 3S zum Weltmarktführer bei Produktionsanlagen zur Herstellung von Solarmodulen gemacht. Neues Image schaffen Kurt Schär von der Biketec AG in Huttwil erläuterte, wie sie aus einem Produkt mit schlechtem Image ein Produkt mit hohem Erlebniswert schafften. Die Biketec AG wurde im Dezember 2001 aus einem Nachlass gegründet. Die Produktgruppe Elektrofahrräder war damals in einer Nische angesiedelt, welche eher negativ besetzt war: Velos für «Alte» und «Behinderte

», unzuverlässige Technik, schlechtes Design, zu hohes Gewicht und zu wenig Reichweite. Nachdem die Vorgängerfirma einen stark produktorientierten Fokus hatte, legte Biketec mit der Fokussierung auf den Markt und die Befriedigung von Kundenbedürfnissen den

Grundstein für den heutigen Erfolg. Ein wesentlicher Bestandteil des Erfolges war und ist der Aufbau eines umfassenden Verleihsystems in Tourismusregionen, ergänzt mit Akku-Wechselstationen. Damit konnten unzählige Erstkontakte hergestellt und das Image nachhaltig positiv

korrigiert werden. Schär sprach dabei von Pandemiemarketing, einer Methode, die das Multiplikationspotenzial des Marktes unter Mitwirkung der bestehenden Kunden anwendet. In der Umsetzung sieht das wie folgt aus: Biketec organisiert Events (Firmen- und Vereinsausflüge etc.) rund um das Elektrofahrrad. Aus diesen Events generieren sich immer wieder mehrere neue Events, die eine positive Verbindung zum Elektrofahrrad

schaffen (Pandemiemarketing). Vom Werkzeugmaschinenbau zum Antriebsspezialisten Michael Kleisli von der Maag Gear AG zeigte in seinem Referat auf, wie sich ein Traditionsunternehmen wie die Maag- Zahnräder AG in knapp hundert Jahren gewandelt hat. Das Unternehmen hatte

zwei Weltkriege und die grosse Depression in den 20er Jahren zu meistern. Diese Krisen führten zu drastischen Sanierungsmassnahmen

und einer Neuorganisation. Nach dem 2. Weltkrieg folgten dann Jahre der Hochkonjunktur. Die Maag-Fachkompetenz umfasste damals

Werkzeugmaschinenprogramme zur Herstellung von Zahnrädern, Verzahnwerkzeugen und Zahnradpumpen. Ausserdem wurden für den Getriebebau Turbogetriebe, Schiffsgetriebe, Schwerlastgetriebe und Spezialgetriebe hergestellt. Aufgrund eines sich stetig verändernden

wirtschaftlichen Umfeldes musste sich auch die Maag-Gruppe zu Beginn der 80er Jahre den neuen Herausforderungen stellen. Der Entscheid im Jahre 1988, das Werkzeugmaschinengeschäft aufzugeben, hatte für die Maag-Zahnräder AGeinschneidende Massnahmen zur Folge. Die bisherigen Bereiche Getriebe und Zahnradpumpen wurden 1989 in eigenständige Firmen überführt; die Maag Getriebe AG und die Maag Pump Systems AG. Nach finanziellen Verlusten der Maag-Firmen entschied man sich für vollständigen Ausstieg aus den industriellen Tätigkeiten. Die Maag Getriebe AG wurde 1997 an die dänische Industrie- Gruppe FLSmidth verkauft und unbenannt in Maag Gear AG. Heute hat die Maag Gear AG ihren Fokus auf die Spezialisierung von Antrieben in der Zementund Rohstoffindustrie gelegt. Seither wurde die Produktion modernisiert mit der Anschaffung von hocheffizienten Fräs- und Schleifmaschinen. Investiert wird auch in die Forschung und Entwicklung, so wird 2010 ein erster Prototyp eines neuen Getriebes vorgestellt und auf dem Markt lanciert werden. Die Vision von Maag Gear ist, als innovativer Anbieter von modernster Antriebstechnologie anerkannt zu werden.

Schweiz wichtiger Handelspartner für Russland

Andrey Kuznetsov, Direktor Verband russicher Industrieller und Unternehmer, hob in seinem Referat hervor, dass die Schweiz für Russland ein sehr wichtiger Handelspartner sei. Es bestehe ein grosses Interesse, mit Schweizer Unternehmen Geschäfte zu machen. Russland sei zudem sehr bestrebt, die Administrativen Barrieren abzubauen, die Steuern zu senken, ein zuverlässiges Finanzsystem aufzubauen sowie die Rechtssicherheit

zu erhöhen, erklärte Kuznetsov.

Die Verwaltung ist vor neue Aufgaben gestellt

Bruno Sauter vom Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich zeigte auf, welche Auswirkungen die Krise auf die Verwaltung hat und wie die Wirtschaft unterstützt werden kann. Exponenten der Wirtschaft rufen nun die Politik zum Handeln auf. Dabei stellt sich die Frage, inwieweit der Staat in den Markt eingreifen kann und soll. Auch die Verwaltung steht vor neuen Herausforderungen: Regierungen auf allen Stufen fragen die

Spezialisten in den Ämtern bezüglich sinnvoller Massnahmen an. Für den Kanton Zürich ist gemäss Sauter die stabilisierende Wirkung des schweizerischen Sozialsystems (Arbeitslosenversicherung) in Kombination mit einer kontinuierlichen Investitionspolitik in Infrastruktur und Bildung wichtig. Zudem erscheine es sinnvoll, darauf hinzuwirken, dass der private Inlandkonsum stabil gehalten werde und der «Staat» nicht prozyklisch

mit überrissenen Steuer- und Gebührenerhöhungen wirkt. Eine moderate Verschuldung sei für einen soliden Kanton vertretbar, meinte Sauter.

Selbsterkenntis als Führungsprinzip

Heinz Schenkel von der cm-p AG aus Zürich sprach über die Selbsterkenntnis des Unternehmers. Gerade in Krisenzeiten sei die Ratlosigkeit und Nervosität gross. Dabei seien es gerade die alten Muster, die den Änderungen im Wege stünden, meinte Schenkel. Als mögliche Lösung sieht er die Selbsterkenntnis in Gelassenheit. Dank Gelassenheit können überholte subjektive Glaubenssätze unvoreingenommen überprüft und unrealistische Wunschvorstellungen losgelassen werden und es wird der Weg frei für die Fakten. Wo liegen die Chancen? Worauf muss

besonders aufgepasst werden? Und vor allem: Welches sind denn nun tatsächlich die Stärken, auf die man den Erfolg in Zukunft aufbauen kann? Dabei seien zwei Faktoren unerlässlich: Knowledge Worker und ein darauf angepasstes Führungsverständnis. Die kreativen Knowledge Worker seien die Schlüsselpersonen für den Aufschwung und die Garanten für den Wettbewerbsvorteil, erläuterte Schenkel. Wo sie fehlen, können sie

jetzt rekrutiert werden. Dafür muss man sich von jenen trennen, die nur Posten besetzen. Knowledge Worker sind die entscheidenden Produktionsfaktoren. Aber Knowledge Worker sind oft eigenwillige Mitarbeiter und schwierig zu führen. Sie brauchen ein Führungsverständnis, das nicht auf Machtausübung basiert. Es braucht Vertrauen und Überzeugungskraft, Offenheit und Verständnis. Dabei wies Schenkel auf die drei

M hin: Moderation, Mediation und Mentoring. Anstelle der Dominanz tritt die Moderation. Anstelle der Durchsetzung durch funktionale Gewalt die Mediation und anstelle des Kommandos das Mentoring.

Nicolas G. Hayek versprühte Optimismus

Den Abschluss der Veranstaltung bestritt Nicolas G. Hayek, Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Swatch Group. Hayek zog mit seinen Ausführungen, seinem immensen Erfahrungsschatz und Wissen die Zuhörer in seinen Bann und verstand es, Optimismus zu verbreiten. Hayek prognostizierte für die nächsten 20 bis 25 Jahre ein enormes Wachstum für die Industrie. Begründen tat er dies mit einem grossen Nachfragezuwachs vor allem aus den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China). Die Schweizer Industrie würde an diesem Nachfrageschub stark partizipieren, da sie über eine hervorragende Ausgangslage verfüge, unter anderem wegen des stabilen Finanzplatzes und

Schweizer Frankens, der hohen Innovationskraft, der erstklassigen Ausbildung und der stetig steigenden Produktivität. Zudem sei die Schweizer Wirtschaft schon heute sehr stark in den zukunftsträchtigen Industriezweigen wie Kommunikation, erneuerbare Energien oder der asserversorgung

tätig, erklärte Hayek. Er ist davon überzeugt, dass die grössten Schwierigkeiten hinter uns liegen und bereits 2010 eine massive Verbesserung der Situation eintreten wird. Auf die Frage, was den Erfolg der Swatch Group begründet, betonte Hayek vor allem den kollegialen und Vertrauensbildenden Führungsstil. Im Unternehmen wurde klar kommuniziert, dass keine Entlassungen vorgenommen werden, was dazu führte, dass die Mitarbeiter sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren können. Weiter werden die Ideen der Mitarbeiter ernst genommen. Hayek plädierte dafür, wieder Kind sein zu dürfen, denn alle Menschen würden mit viel Kreativität und Phantasie geboren, diese würden aber im laufe der Entwicklung gebremst. Ziel sei es, diese wieder hervorzurufen. Autor Susanne Reinshagen Redaktorin SMM Information Swissmem Kirchweg 4, 8032 Zürich Tel. 044 384 41 11 Fax 044 384 42 42 info@swissmem. ch www.swissmem.ch Bilder: Giulia Marthaler, 8005 Zürich, www,giuliamarthaler.ch

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