Aluminium Verband Schweiz: Tonnage top, Erträge flop
>> Die Produktion in der Aluminiumindustrie ist wieder auf Rekordniveau, doch der Währungsverfall bescherte 2010 nur geringe Erträge. Der Aluminium-Verband Schweiz veröffentlichte auf seiner Jahrespressekonferenz die Wirtschaftsdaten der Aluminiumindustrie des letzten Jahres. Demnach gelang den Unternehmen im Jahr 2011 der Turnaround aus der finanz- und wirtschaftskrisenbedingten Talsohle. Doch die Baisse des Euros schmälerte das Ergebnis um bis zu 16 Prozent und schwächt die Schweizer Aluminium- Industrie zunehmend im internationalen Wettbewerb.
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ari. «Mit innovativen Produktentwicklungen und einer hohen Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse der Anwendermärkte durch ein flexibles Produktions- und Lagermanagement erzielte die Schweizer Aluminiumindustrie im Jahr 2010 Produktionsmengen, die nahezu wieder dem Rekordergebnis 2007 entsprechen», erklärte Markus Tavernier, Präsident des Aluminium-Verbandes Schweiz, anlässlich der Jahrespressekonferenz am 9. Mai 2011 in Zürich.
Steigerung in allen Bereichen
Die Gesamtproduktion der Schweizer Walz- und Presswerke inklusive der Exporte erhöhte sich demnach gegenüber 2009 im vergangenen Jahr um 26 Prozent auf 171 200 Tonnen. Der Aluminiumeinsatz im Inland zeigte einen Anstieg von 14 Prozent auf 190 800 Tonnen – das entspricht 24,5 Kilogramm Aluminium pro Kopf in der Schweiz.
Die Schweizer Leichtmetallgiesser steigerten ihre verarbeiteten Tonnagen im 2010 um 39,6 Prozent auf 20 400 Tonnen. Der Leichtmetall-Sandguss erreichte ein Plus von 57,1 Prozent (auf 4300 Tonnen), der Druckguss eine Steigerung von 40,8 Prozent (auf 13 350 Tonnen) und der Kokillenguss erzielte ein Wachstum um 14,8 Prozent (auf 2750 Tonnen).
Nachfragebelebung in fast allen Märkten
Nachdem in der Wirtschaftskrise die wichtigsten Anwendermärkte für Aluminiumhalbzeuge wie der Automobil-, Transport-, Maschinenbau- und Investitionsgüterbereich um 50 bis 90 Prozent förmlich eingebrochen waren, erfuhr die Nachfrage im 2010 aus fast allen diesen Märkten eine Belebung mit Steigerungsraten von 50 bis 70 Prozent. Auf Hochtouren wurde vor allem wieder für die Automobilindustrie produziert: «Teils in drei Schichten inklusive Wochenende! Durch die CO2-Problematik sind in allen PKW-Klassen immer leichtere Aluminium- und Magnesiumbauteile gefragt», erklärte dazu Alfred Lichtensteiger, Geschäftsführer der DGS Druckguss Systeme AG.
«Aus der Automobilbranche verzeichneten wir 2010 vor allem eine grosse Nachfrage nach Schmiedevormaterial, wie es zum Beispiel für Querlenker aus Aluminiumstrangpressen verwendet wird», erklärte Alex Kummer, Geschäftsführer der Aluminium Laufen AG. «Aber auch im Flugzeug- und Maschinenbau waren unsere innovativen metallurgischen und logistischen Neuentwicklungen stark gefragt», so Roland Gloor, CEO der Alu Menziken Extrusion AG. «Unsere Speziallegierung Fusion für Autotüren war ein grosses Highlight für die Branche im 2010», führte René Gentinetta, Geschäftsführer der Novelis Switzerland AG, als Beispiel für die Innovationskraft im Automobilbereich an.
Ausnahme Eisenbahnsegment
Das gesamte Transportwesen einschliesslich Nutzfahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen verzeichnete wieder Zuwachsraten. «Mit Ausnahme des Eisenbahnsegments. Hier mangelte es auch 2010 immer noch an Staatsaufträgen aus den finanziell angeschlagenen europäischen Ländern», wie Dr. Hubert Zimmermann, Geschäftsführer Grossprofile der Alcan Aluminium Valais SA, feststellte. Auch die Nachfrage im Maschinenbau nach anodisierten Aluminiumoberflächen habe sich mit über 20 Prozent Zuwachs in seinem Unternehmen erholt, bemerkte Dr. Ruedi Wunderlin, Verwaltungsratspräsident der BWB-Holding AG. Ebenso positiv verhielt es sich im Energiesektor mit Aluminiumbauteilen für Gasturbinen sowie Wasser-, Wind- und Solarkraftanlagen.
Starke Nachfrage im Medizinbereich
Kontinuierlich stark war die Nachfrage nach Aluminiumprodukten im Medizinbereich und für den Einsatz in der Nahrungsmittelindustrie. Auch der Bereich Verpackung konnte das bereits hohe Niveau des Vorjahres halten und zeigte im 2010 eine Steigerungsrate von rund zwei Prozent. «Der Trend hin zu Convenience-Produkten im Lebensmittelbereich und zu Einzeldosierungsverpackungen zieht immer mehr an! Aluminiumverpackungen bieten hierzu innovative, leichte und dazu noch hygienische Lösungen», erklärte Jürgen Schwarz, Geschäftsführer der Amcor Flexibles Rorschach AG.
Gestiegene Recyclingquote
Anhaltend erfreulich blieb die Auftragslage 2010 in der Baubranche. «Bemerkenswert sind hier vor allem die Innovationen von Aluminiumfenstern und -fassaden für Passivhäuser und Minergie-Bauten, mit denen die Schweizer Hersteller eine führende Position mit zahlreichen Auszeichnungen in diesen Zukunftsmärkten eroberten», erläuterte Marcel Menet, Geschäftsführer des Aluminium-Verbandes Schweiz. Allgemein habe sich jedoch die Entscheidungsfreudigkeit bei der Auftragsvergabe weithin verlangsamt, so dass der zeitliche Druck bei der Ausführung mit eng gesetzten Endabnahmeterminen immer grösser werde.
In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Igora-Genossenschaft in Zürich, die für das Sammeln und Recyceln von gebrauchten Aluminiumverpackungen in der Schweiz verantwortlich ist, gab Markus Tavernier noch einige interessante Zahlen bekannt: «Die Rücklaufquoten aller Aluminiumverpackungen nehmen stetig zu. 91 Prozent aller Getränkedosen gehen ins Recycling ... Im Bau- und Transportwesen sowie im Maschinenbau liegt die Recyclingquote schon seit Längerem bei über 90 Prozent.»
«Viel Arbeit und wenig Brot»
Massiv getrübt werden die Rekordzahlen aus der Produktion der Schweizer Aluminiumindustrie durch die negativen Auswirkungen des Eurokursverfalls. Konkret verursachte der starke Franken bereits im 2010 Margenverluste in mehrstelliger Millionenhöhe und ein Minus von bis zu 16 Prozent im Resultat. «Trotz produzierter Rekordmenge konnte kein adäquates Ergebnis erwirtschaftet werden», resümierte Alex Kummer für die Aluminium Laufen AG. Die Einbussen im Jahr 2010 und im ersten Quartal 2011 seien nicht branchen-, sondern wechselkursbedingt, so Kummer.
Auch René Gentinetta, Geschäftsführer der Novelis Switzerland AG, gab ein dramatisches Bild wieder: «Novelis Sierre produziert beinahe 100 Prozent für den Export in EU-Länder, der Währungsdruck hat sich dadurch 2010 bereits sehr stark und rasch bemerkbar gemacht.»
Und Roland Gloor von der Alu Menziken Extrusion AG stellte ernüchtert fest: «Wir haben unseren Absatz um 70 Prozent gesteigert und rund 30 Prozent an Neukunden gewonnen. Jedoch blieb unterm Strich nur viel Arbeit und wenig Brot.»
Produktionsverlagerung als letzte Option
Bislang reagierte die Schweizer Aluminiumindustrie mit einem straffen Kostenmanagement, Personalstopps und Arbeitszeitverlängerungen auf die Währungskrise. «Es gilt, mit weniger Personal die angestrebte Menge zu erzielen», so Alex Kummer. «Die ganze Tragweite dieser negativen Rahmenbedingungen erwarten wir 2011», erläuterte Markus Tavernier. Die Diskussionen über Produktionsverlagerungen ins Ausland und damit den Verlust von Arbeitsplätzen in der Schweiz seien daher auch unter den Mitgliedsfirmen in vollem Gang, so der Verbandspräsident: «Plakative Forderungen an die Politik liegen uns jedoch fern!»
Innovationsfreudig und gesprächsbereit
«Hilfe zur Selbsthilfe» lautet stattdessen die Devise. Der Aluminium-Verband Schweiz initiierte dazu kürzlich ein Treffen mit Vertretern führender Schweizer Industrie- und Gewerbeverbände, die insgesamt rund 500 000 Arbeitsplätze aus der Metall-, Kunststoff- und Verpackungsindustrie repräsentieren. «Gemeinsam sehen wir vor allem im Forcieren der Innovationstätigkeit die unmittelbarste und grösste Möglichkeit zur Stabilisierung unserer Wettbewerbsfähigkeit. Bleiben wir maximal innovativ, tritt die Preisdiskussion in den Hintergrund», fasste Verbandsgeschäftsführer Marcel Menet zusammen. Demgemäss wird der Dialog mit der Politik über neue Fördermöglichkeiten auf Bundesebene gesucht. <<
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