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Gibt es bereits kommerzielle Anwendungen von den neuen Materialien?
B. Piccard: Ja zum Beispiel Bayer Material Science hat speziell für uns einen Isolierschaum entwickelt. Heute wird dieser Schaum in Kühlschränken eingesetzt. Da dieser Schaum besser isoliert und weniger Platz braucht, erhält man mehr Platz im Kühlschrank.
Haben Sie noch weitere Beispiele?
B. Piccard: Ja, zum Beispiel die LED-Lampen und die Batterien. Bei den Kohlefaserstoffen geht es weniger um das Material, sondern um dessen Anwendung. Wir haben dafür neue Anwendungsmöglichkeiten entwickelt. Solar Impulse bringt Technologien zusammen, die noch nicht zusammen angewendet wurden. Man kann sagen, Solar Impulse ist ein fliegendes Labor.
Hätte die Industrie diese Entwicklungen ohne Solar Impulse nicht auch gemacht?
B. Piccard: Das kann ich nicht beurteilen. Fakt ist, dass wir für Solar Impulse neue Materialien gebraucht haben und die Industrie hat diese entwickelt. Wenn Sie heute und in Zukunft erfolgreich sein wollen, müssen sie energieeffiziente Technologien entwickeln, wie z.B. leichte Materialien oder elektrische Systeme, die energieeffizient sind. Das ist ein riesiger Markt. Wir könnten schon heute die Hälfte des weltweiten Energieverbrauchs sparen, wenn wir die alten Technologien und Materialien durch neue ersetzen würden. Diese neuen Technologien sind enorm wichtig für die Zukunft der Welt.
Gab es einmal einen Punkt, an dem Sie aufhören wollten?
B. Piccard: Ja, etwa einmal pro Tag. Wenn es einfach gewesen wäre, hätten es wahrscheinlich schon andere probiert. Es ist nicht so wichtig, was wir tun, sondern weshalb wir es tun, nämlich um die Welt zu verbessern. Die Ingenieure in unserem Projekt wissen das, und das unterscheidet uns von der Arbeit in der Industrie. Unsere Leute konstruierten ein Flugzeug, das zeigen wird, dass man Dinge erreichen kann, die man für unmöglich gehalten hat. Anders hätten wir die Motivation während der 12 Jahre nicht aufrechterhalten können. Die Motivation kommt mit dem Sinn in der Arbeit.
Wo liegen Ihre neuen Denkansätze? Können Sie uns einige Beispiele geben?
B. Piccard: Alles an diesem Flugzeug ist neu. Wenn Sie etwas Neues machen wollen, dann muss jede Einzelheit anders sein. Als wir gestartet sind, wussten wir, dass wir ein Flugzeug konstruieren müssen, das grösser und leichter sein muss als alle bisherigen Flugzeuge. Das zwang uns anders zu denken.
Was bedeutet das konkret? Wie verlassen Sie Ihre alten Denkstrukturen?
B. Piccard: Jedes Mal, wenn wir ein Problem lösen mussten, beobachteten wir, was wir normalerweise machen würden und taten dann etwas vollkommen anderes. So entwickelten wir vieles selber, anstatt auf bereits vorhandene Produkte zurückzugreifen. Ähnlich verlief es mit unserer Partnersuche. Wir haben gedacht, dass die Flugzeugindustrie Interesse daran haben wird, mit uns dieses Flugzeug zu entwickeln. Aber im Gegenteil, sie hatten überhaupt kein Interesse. So mussten wir unser eigenes Team aufbauen. Wir haben uns mit einem Schiffsbauer zusammengetan und zwar mit dem, der die Hülle von Alinghi konstruiert hat. Sie sehen, Solar Impulse wurde von einem Schiffsbauer konstruiert und nicht von einem Flugzeugbauer. Und so war es mit vielen Dingen.
Das heisst, wenn man ein Schiff bauen kann, kann man auch ein Solarflugzeug bauen?
B. Piccard: Nur wenn man ein Schiff mit Kreativität und Pioniergeist konstruieren kann, kann man auch ein Solarflugzeug konstruieren. Nicht jeder Schiffsbauer hätte das machen können.
Finden Sie genug Leute mit Kreativität und Pioniergeist?
B. Piccard: Wir haben in unserem Team ein gutes Gleichgewicht zwischen den kreativen Leuten und denen, die Sicherheit und Grenzen suchen. Man braucht beides. Hat man nur kreative Leute, besteht die Gefahr, dass man seine Ziele nicht erreicht und es an der Umsetzungskraft fehlt. Und wenn wir nur Leute haben, die Sicherheit suchen, dann haben wir am Ende ein normales Flugzeug. Auch André Borschberg und ich ergänzen sich optimal. Ich bin der Psychiater und der Forscher, Andre Borschberg ist der Ingenieur, Unternehmer und Berufspilot. Wenn man diese vielseitige Kombination hat, deckt man das ganze Spektrum ab, das man für ein solches Projekt braucht. Wir sind ein sehr gutes Team.
Wenn Sie sagen, es braucht Sie auch als Psychiater, was ist Ihre Aufgabe in diesem Projekt als Psychiater?
B. Piccard: Dieses Projekt und seine Botschaft muss gut erklärt werden, um Partner zu finden. Es hat keinen Sinn, wenn niemand versteht, weshalb wir das tun. Unser Ziel ist es, eine Aktion zu machen, in der die Menschen auf der ganzen Welt verstehen, dass sie mit dem Einsatz sauberer Technologien Energie sparen können und dass es in ihrer Macht steht, diese Entscheidung zu treffen, für sich selber, für ihr Land oder für die Industrie.
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