«Das Geschäftsmodell Qualität reicht heute nicht mehr»

Autor / Redakteur: Text: Sergio Caré, Matthias Böhm / Sergio Caré

Der Schweizer Maschinenmarkt lud zum runden Tisch vier Gesprächspartner aus Wirtschaft und Ökonomie nach Zürich ein. Das Thema: Werkplatz Schweiz – quo vadis? Urs Berner (CEO Urma AG), Peter Dietrich (Direktor Swissmem), Oliver Müller (Direktor Swissmechanic) und Klaus Wellershoff (VR Wellershoff & Partners Ltd.) über fehlende Investitionen, optimale Rahmenbedingungen und Trends in der MEM-Branche.

Firmen zum Thema

V.l.n.r. Klaus Wellershoff, Peter Dietrich, Urs Berner und Oliver Müller.
V.l.n.r. Klaus Wellershoff, Peter Dietrich, Urs Berner und Oliver Müller.
(Bild: Thomas Entzeroth/VBM)

SMM: Sowohl Deutschland als auch die Schweiz sind enorm starre MEM-Exportnationen. Seit 2009 wuchs die Branche in Deutschland um über 25 Prozentpunkte, dagegen ist der MEM-Exportanteil in der Schweiz regressiv. Warum?

Oliver Müller: Der Hauptgrund ist die Währungsdifferenz zum Rest von Europa. Das setzt die Industrie hierzulande unter Druck.

Klaus Wellershoff: Der Exportmix von Deutschland und Schweiz ist ähnlich; von daher sieht man, wie die Frankenaufwertung auf die Schweizer Industrie gewirkt hat. 2009 war für die Weltwirtschaft ein Jahr der Erholung und der Wechselkurs des Schweizer Frankens war mit 1.60 für 1 Euro schwach. Das gab Rückenwind. Die Aufwertung des Frankens seit damals ist nominal gewaltig. Kommt hinzu, dass in den letzten acht Jahren die Schweiz tiefere Inflations- und Lohnwachstumsraten als Europa hatte.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 5 Bildern

Herr Berner, was sagen Sie als Unternehmer dazu?

Urs Berner: Die Währung hilft oder sie schadet dem Standort. Ich bin der Meinung, dass die ungünstige Währungskonstellation mit dem schwachen Euro irgendwann vorbeigeht. Vielleicht geht das auch nie vorbei. Und dann muss man damit leben. Einige Unternehmen werden da nicht mithalten können und aus dem Markt gedrängt. Das ist die logische Konsequenz.

K. Wellershoff: Ich denke, man muss in der Debatte um den Euro klarstellen, dass der Euro zwar gegen Dollar und Franken schwach ist, gegenüber Pfund, Yen, der schwedischen und norwegischen Krone aber sehr stark ist. Handelsgewichtet ist der Euro eine ganz normal bewertete Währung. Nicht der Euro hat ein Problem, sondern der Franken.

In Italien gibt es Stimmen, die sagen, der Euro sei zu stark. In Deutschland sagt man, dass die Schweiz Produkte entwickeln müsse, die einen grossen Mehrwert generieren, um wirtschaftlich agieren zu können.

Peter Dietrich: Deutschland macht gewisse Dinge besser als Italien. Deutschland kennt, wie wir, eine Schuldenbremse. Die Schweiz hat zudem einen liberalen Arbeitsmarkt. Deutschland hat mit den Rahmenbedingungen in den letzten Jahren aufgeschlossen. Aber unser Währungsnachteil verschafft gleichzeitig den deutschen Mitbewerbern einen Vorteil. Das bedeutet wiederum, dass wir in Technologien investieren und weiter an den Rahmenbedingungen arbeiten müssen, um wettbewerbsfähiger zu werden.

Welche Punkte wären das aus Ihrer Sicht?

P. Dietrich: In Bezug auf die Rahmenbedingungen der liberale Arbeitsmarkt. Aus­serdem ein besseres Investitionsklima in der Schweiz.

Swissmechanic hat vor geraumer Zeit einige Forderungen an die Politik geäussert.

O. Müller: Etwas Standortpolitik würde nicht schaden. Gerade kleinere Unternehmen haben Probleme, neues Kapital zu finden, um investieren zu können. Wir haben einen Staatsfonds bei Politik und Nationalbank angeregt, über den wir diskutieren müssen.

Woran liegt es, dass ein Teil der Unternehmen kein Kapital erhält?

O. Müller: Die Unternehmen bekommen dann Geld, wenn sie genügend Sicherheit vorweisen können. Ansonsten nicht. Betrachtet eine Bank das Rating und sieht die kleinen Erträge eines KMU, dann vergibt diese kein neues Risikokapital.

K. Wellershoff: Es ist ja nicht die Aufgabe der Banken, Risikokapital ohne Garantien zu sprechen. Das Geld wird von Investoren zur Verfügung gestellt. In der Schweiz wehren sich leider sämtliche Institutionen dagegen, dass z. B. Pensionskassen dazu verpflichtet werden, einen Prozentsatz in unternehmerische Investitionen zu stecken. Diese Idee scheint Herr und Frau Schweizer nicht zu gefallen.

U. Berner: Geld ist meiner Meinung nach vorhanden. Wir von Urma haben positive Erfahrungen gemacht. Ich bin eher der Meinung, dass vielen KMU das Feuer und die Perspektiven fehlen. Die sehen nicht die Zukunft und haben darum nicht den Mut, in ihre Visionen zu investieren. Sie schauen zu stark auf die Währung und ins Ausland, statt an die eigenen Werte zu glauben. Dieses Zaudern spüre ich in Asien oder Amerika nicht. Im Ausland gehen die Projekte auch mal unter, das passiert. Aber die machen weiter, weil sie an etwas glauben. In der Schweiz fehlt dieser Spirit. Wir wurden in der Vergangenheit mit hohen Renditen verwöhnt.

K. Wellershoff: Diese Perspektivlosigkeit ist auch der Grund dafür, warum der Franken zu stark ist. Das ist ja das Verrückte daran. Wir wissen mittlerweile aus der Kapitalverkehrsstatistik, dass nicht ausländische Fluchtgelder den Franken aufwerten. Es ist Schweizer Geld, auch aus der Industrie, welches im Ausland erwirtschaftet, in die Schweiz repatriiert und nicht mehr investiert wird.

P. Dietrich: In den Pensionskassen geschieht dasselbe. Statt das Geld wieder zu investieren, wird es zu Negativzins angelegt.

Wenn wir von den Unternehmen reden, die Hilfe brauchen, dann sind das vorwiegend die KMU, d. h. die Mitglieder von Swissmechanic.

O. Müller: Wir müssen die KMU dabei unterstützen, neue Perspektiven zu schaffen. Wenn kleinere Unternehmen aus dem Appenzell Schwierigkeiten haben, ihre Produkte in Zürich zu verkaufen, wie sollen diese den Schritt ins Ausland schaffen? Es muss ein Umdenken in den Köpfen der Unternehmer stattfinden. Dasselbe gilt auch für die Kapitalgeber. Wir glauben, dass ein Staatsfonds die Schweizer Industrie voranbringen und diese fördern kann.

P. Dietrich: Die KMU müssen und können wir auf vielfältige Art und Weise unterstützen. Aber einen Staatsfonds mit Bürgschaften von der Nationalbank finde ich problematisch. Staatliches Geld und der Staat, der entscheidet, was förderungswürdig ist und was nicht? Ein heikler Ansatz. Aber die Anlagekriterien der Pensionskassen zu verändern, ist eine Variante, um mehr Investitionskapital für KMU bereitzustellen. Die Pensionskassen haben ja einen Anlagenotstand. Durch diese Investitionen könnte der Druck auf den Franken abgeschwächt werden.

K. Wellershoff: Dieses Paradox steckt viel mehr in den Köpfen als in den Institutionen. Es kann mir doch niemand sagen, dass die Welt heute gefährlicher ist als vor 30 Jahren, als ich noch russische U-Boote in Nord- und Ostsee gejagt habe. Aber wir glauben das komischerweise. Nehmen wir Europa. Das europäische BIP wächst seit 15 Quartalen positiv. Und wir in der Schweiz nehmen das einfach nicht wahr. Unter anderem auch, weil wir eine antieuropäische Stimmung zelebrieren. Ich glaube, wir müssen nur anfangen, die Realität wieder wahrzunehmen. Wir können durchaus optimistisch sein. Die Wachstums­chancen sind zurzeit vielleicht tiefer als vor 20 Jahren, aber sie sind immer noch sehr gut. Leider wird in den Medien lieber über die Risiken geredet.

P. Dietrich: Das ist ein guter Punkt. Wir müssen auch über Chancen und Stärken in der Schweiz reden. Wir sind, wegen der guten Rahmenbedingungen, nicht weit von Deutschland abgeschlagen – trotz der Währungsstärke. Die Herausforderung ist aber, sie nicht zu verschlechtern, sondern zu verbessern, um an der Konkurrenz dranzubleiben.

Wenn wir jetzt auf Urma schauen. Sie haben sich in den letzten Jahren ausgezeichnet entwickelt. Was haben Sie besser gemacht als andere Betriebe?

U. Berner: Wir setzten auf Innovation und vertreiben unsere Produkte im globalen Markt. Wir sind keine grosse Firma, haben jedoch 95 Prozent Exportanteil. Das ist für mich eine mentale Geschichte. Und so wie wir wären viele Unternehmen exportfähig. Mir fehlt das Vertrauen der Unternehmer in ihre Firma, dass sie innovativ tätig sein können. Reden Sie mal mit Gründern von Start-ups. Keiner von denen denkt nur an den lokalen Markt. Die Schweizer Lohnfertiger sind Dinosaurier. Die haben ein Geschäftsmodell: Qualität. Das war früher so und wird es auch in Zukunft bleiben. Aber wissen Sie, dieses Geschäftsmodell reicht heute nicht mehr. Das kann heute jeder. Sogar die Chinesen sagen: Mein Geschäftsmodell ist Qualität.

O. Müller: Wenn ich sage, man muss die KMU an die Hand nehmen, dann, um ihnen zu zeigen, wie man internationale Märkte erschliesst. Natürlich können wir sagen, als Unternehmer müsstet ihr das selber wissen. Aber das ist alles andere als einfach. Deshalb benötigen gerade die kleinen Betriebe Unterstützung. Wenn sie es dann immer noch nicht schaffen, werden diese Betriebe schliessen. Vielleicht ist das auch richtig so, weil sie, wie Sie sagen, keinen Spirit haben, um sich Unternehmer zu nennen. Auf der anderen Seite glaube ich einfach, dass es Unterstützung braucht, wenn es klemmt.

U. Berner: Aber das wird doch geboten. Swissmem hat Gemeinschaftsstände in Asien. Jeder, der will, kann mit wenig Geld mitmachen.

O. Müller: Sie sprechen das Angebot von Switzerland Global Enterprise (S-GE) an, bei dem Swissmem mit seinen Fachgruppen Hauptpartner ist. In Zukunft möchte Swissmechanic diesbezüglich enger mit Swissmem kooperieren. Aber es ist jetzt schon klar, dass die Mitglieder beider Verbände viel mehr Platz benötigen, als auf den Messeständen zur Verfügung steht. Es liegt also viel Potenzial brach.

P. Dietrich: Wir stellen fest, dass unser Angebot in den über 20 weltweiten Messen, die wir organisieren, sehr geschätzt wird. Wir können die Unternehmen damit gut unterstützen. Es zeigt auch, dass der Bedarf tatsächlich vorhanden ist, neue Märkte zu erschliessen. Den Markteintritt dann auch zu schaffen, ist aber nicht einfach und bindet einfach auch die Unternehmensleitung enorm. Das ist eine der gros­sen Herausforderungen, bei welchen wir unterstützen müssen.

Herr Wellershoff, analysieren Sie einzelne Industriebetriebe aus der Schweiz?

K. Wellershoff: Ich analysiere Volkswirtschaften, keine einzelnen Unternehmen. Die Industrie als Ganzes ist für die Schweizer Volkswirtschaft sehr wichtig. Was wir aber festgestellt haben, ist, dass viele Industriebetriebe ihre Geschäftsmodelle durch Dienstleistungen erweitern. Für viele Firmen ist z. B. das Wartungsgeschäft ein wichtiger Umsatzanteil. Das ist bei vielen Schweizer Unternehmen sehr ähnlich. Wir müssen daher aufpassen, dass wir nicht zu industrienostalgisch sind. Wirtschaft heisst nicht nur Industrie. Es gibt noch andere Branchen. Was man in der Schweiz nicht gerne hört: Die Länder, die schneller deindustrialisiert haben, hatten in der Vergangenheit das höhere Pro-Kopf-Wachstum.

Wer zum Beispiel?

K. Wellershoff: Die Amerikaner und Franzosen hatten ein grös­seres BIP-Wachstum pro Kopf als die Schweiz im gleichen Zeitraum.

U. Berner: Mit all den Flurschäden, die sie jetzt haben.

K. Wellershoff: Das sagen die Zahlen und die sind eindeutig. Nur zu sagen, wir brauchen einen hohen Industrieanteil, um wachsen zu können, ist mir zu wenig. Wir Menschen konsumieren immer mehr Dienstleistungen. Jeder, der Industriepolitik macht, wendet sich eigentlich gegen die Interessen der Menschen.

Herr Wellershoff, was würden Sie dann Herrn Berner empfehlen? Worin soll er investieren: in Finanzdienstleistungen?

K. Wellershoff: Nein, er soll das machen, was er am besten kann und was ihm Spass macht. Wenn die Rahmenbedingungen dies ermöglichen, braucht die Schweiz keine Industriepolitik.

U. Berner: Wir brauchen keine Industriepolitik, aber wir benötigen vielleicht eine Anschiebehilfe. Was es sicher braucht, sind optimale Rahmenbedingungen. Jetzt können wir uns darüber unterhalten, was gute und schlechte Rahmenbedingungen sind.

O. Müller: Was ist Industriepolitik? Wenn wir Rahmenbedingungen schaffen, damit die Industrie überleben kann, ist das Industriepolitik. Ich bin auch der Meinung, dass wir mit finanziellen Mitteln nicht das konservieren sollen, was keine Zukunft mehr hat.

U. Berner: Man muss aufpassen, wen der Staat unterstützt. Es gibt viele gescheiterte Industrieförderprojekte. Fast überall, wo der Staat eingreift, gibt es eine Katastrophe. Ein gutes Beispiel ist Österreich. Deren KMU können kostenlos an jede Messe der Welt, weil der Staat bezahlt. Wirklich geholfen hat das den österreichischen KMU wenig.

P. Dietrich: Unabhängig davon, wie man Industriepolitik definiert: Dort, wo der Staat Geld einschiesst, beginnt der Staat auch mitzuentscheiden. Darüber, welche Technologie förderungswürdig ist und wer Erfolg haben soll. Aber wir haben es gehört: Der Markt entscheidet, was Erfolg hat, nicht der Staat. Es gibt genügend negative Beispiele.

Der Industrieumsatz pro Einwohner in der Schweiz ist einer der höchsten weltweit. Obwohl wir keinen Treiber wie die Autoindustrie in Deutschland, Japan oder Amerika besitzen. Wird das in Zukunft so bleiben?

U. Berner: Das ist historisch gewachsen, das wird so nicht bleiben.

O. Müller: Ob das so bleibt oder nicht, das wird sich zeigen. Ich bin im Gremium einer Berufsschule. Die Mitglieder sind Leute aus technischen und kaufmännischen Berufen. Dort ist die Meinung einhellig, dass Investitionen in die technischen Berufe zukunftsweisender sind als die in kaufmännische. Technik hat in der Schweiz nach wie vor Zukunft.

K. Wellershoff: Ich glaube auch, dass die Schweizer Industrie relativ betrachtet wachsen wird. Aber nicht, weil sie stärker wird, sondern weil insbesondere die Finanzdienstleistungen schwächer werden. Wer in einer Welt, die vor allem Dienstleistungen konsumiert, einseitig auf die Produktion von Waren setzt, wird verlieren. Der Konsum an Waren sinkt. Einzig in den Schwellenländern steigt er. China ist der grösste Automarkt. Die Jugend in Europa setzt dagegen auf Carsharing und öffentlichen Verkehr. Ihre Mobilitätsnachfrage wird immer mehr durch Dienstleistungen bedient.

Wo sehen Sie Chancen für die Schweizer Zulieferunternehmen?

O. Müller: Ich bin der Meinung, dass gerade KMU, die sich über ihre Fertigungsfähigkeiten definieren, ein grosses Potenzial haben. Zum Beispiel dadurch, dass sie sich in neue Segmente wagen oder sich spezialisieren. Da müssen die Unternehmer auch strategische Entscheide fällen, in welche Richtungen sie gehen wollen.

P. Dietrich: Es braucht beides. Die Ausrichtung sowohl auf neue Dienstleistungen wie auch auf die herkömmliche Produktion von Waren. Es wird in Zukunft immer wichtiger, die Kunden in den Prozess miteinzubinden. Auf diesem Weg sind die Unternehmen durchaus.

Was können die Unternehmer tun, wenn sie nicht weiterwissen?

U. Berner: Das ist ein wichtiges Thema. Unternehmensleiter sind derart intensiv im operativen Geschäft eingebunden, dass sie praktisch keine Zeit mehr haben, sich um strategische Neuausrichtungen zu kümmern. Es gibt aber Lösungen. Das Einsetzen von Gremien beispielsweise, in denen Personen sitzen, die mit neuen Ideen kommen. Die MEM-Branche hat ein riesiges Potenzial an erfahrenen Männern. Nur: Viele Firmen wollen keinen Fremden in ihrem Betrieb. Das ist schade.

O. Müller: Da muss ich Urs Berner zustimmen. Es gibt unter meinen Mitgliedern Unternehmer, die sind um die 50, haben noch 15 Jahre vor sich und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Da wären neue Ideen durchaus angebracht.

P. Dietrich: Wir führen seit über zehn Jahren ein geschätztes Modell von Innovationscoaches. Ehemalige Industrie-CEOs werden nun als Innovationscoach eingesetzt. Die besitzen meist gute Verbindungen zu Hochschulen und Universitäten und sind weltweit vernetzt. Natürlich kennen sie die Industrieunternehmen, sprechen deren Sprache und kennen deren Herausforderungen. Auf der anderen Seite gibt es Fachhochschulen mit riesigem Theorie-Know-how. Die Coaches bringen die Unternehmen sowohl mit den Hochschulen als auch mit anderen Unternehmen zusammen und realisieren daraus Projekte, die im besten Fall in ein marktfähiges Produkt führen.

O. Müller: Ich hatte vor ein paar Jahren ein Gespräch mit der ZHAW in Winterthur. Sie hätten zu wenig Nähe zu den KMU. Nach ihrem halbstündigen Vortrag habe ich zu ihnen gesagt, sie müssen alle englischen Ausdrücke durch deutsche ersetzen. Kurz: Die Hochschulen müssen die Sprache der Unternehmer reden.

Was brauchen wir also, Erfahrung oder Jugend?

O. Müller: Wir brauchen erfahrene Leute für die strategischen Entscheide sowie junge Leute, welche die neuen digitalen Werkzeuge kennen.

Reden wir doch über Trends. Elektromobilität kommt in den nächsten 10 bis 15 Jahren.

U. Berner: Sagt wer?

Einige CEOs unter den Herstellern von Werkzeugmaschinen, die sich um die Zukunft der Zerspanung Gedanken machen.

U. Berner: Es ist Fakt, dass weltweit pro Jahr 80 Mio. Automobile hergestellt wurden. Dieses Jahr geht der Automobilverband davon aus, dass es 90 Mio. sind. Er geht weiter davon aus, dass bis 2025 von diesen 90 Mio. lediglich zehn Prozent Elektrofahrzeuge sein werden. Der durchschnittliche Preis eines Autos ist auf dem Weltmarkt heute CHF 10 000. Elektromobile können nicht so billig hergestellt werden. Es wird schon kommen, aber nicht über Nacht. Auch wenn das Politiker gerne hören und sagen.

Nichtsdestotrotz liegt das Spanvolumen von Elektro- gegenüber Verbrennungsmotoren bei lediglich 25 Prozent. Da muss man sich schon Gedanken machen.

U. Berner: Absolut. Aber man darf nicht nur diesen Trend anschauen. Es gibt auch andere Trends. Der von Klaus Wellershoff erwähnte Trend des Carsharing.

P. Dietrich: Man muss alle Trends beobachten. Obwohl Elektromotoren einfacher zu produzieren sind, sind Elektromobile teurer in der Anschaffung. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die gesamte Infrastruktur, die für Elektromobilität nötig ist. Mit Ladestationen und Energie, die zur Verfügung stehen muss. Bis diese Infrastruktur vorhanden ist, ist es noch ein weiter Weg.

K. Wellershoff: Es ist aber ein Markt mit Potenzial, mit überdurchschnittlichen Wachstumsraten.

U. Berner: Das grundlegendste Ziel ist doch nach wie vor, den CO2-Ausstoss zu senken. Das ist das Ziel der Politik und somit auch das Ziel der Wirtschaft. Das ist der Haupttrend. Und dann muss man die Frage beantworten, wie wir das finanzieren können. Was sind die Kosten? Ein Auto, das CHF 50 000 kostet, ist ein Luxus, den sich wenige Leute leisten können. Aber der richtig grosse Markt sind die vier Mia. Menschen, die sich nur ein Auto für CHF 10 000 kaufen können. Das ist der Markt.

Von globalen Trends zurück auf den Werkplatz Schweiz. Wie sehen die nächsten Jahre aus?

P. Dietrich: Die Lage ist nach wie vor angespannt. Die KMU stehen weiterhin unter Druck. Die Ertragslage ist zum Teil schlecht. Aber: Die Zahl der Optimisten nimmt zwar wieder zu. Beinahe jeder Zweite geht davon aus, dass die Auftragszahlen in diesem Jahr steigen werden. Langfristig bleibt der Schweizer Franken aber eine starke Währung. Und wenn die Politik in Bezug auf die Rahmenbedingungen, wir als Unterstützer der Industrie und natürlich die Unternehmen ihre Hausaufgaben machen, blicke ich mit Zuversicht auf die Zukunft des Werkplatzes Schweiz.

O. Müller: Das, was Herr Dietrich sagt, kann ich unterschreiben. Die Firmen müssen sich ein Stück weit selber öffnen, um in der globalisierten Welt agieren zu können. Bestehende Strukturen müssen durchbrochen werden. Wie Urs Berner gesagt hat, man darf sich nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.

U. Berner: Ob es einen Werkplatz Schweiz geben wird, ist abhängig von den Kosten, welche durch die Rahmenbedingungen gegeben sind.

K. Wellershoff: Das ist die betriebswirtschaftliche Logik. Ich glaube, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass ein Land kein Unternehmen ist. Es ist ein gesellschaftliches Modell des Zusammenlebens. Die erwähnten Rahmenbedingungen werden von der Politik vorgegeben. Für eine Volkswirtschaft sind eben nicht die Kosten entscheidend. Ein Land kann nicht pleitegehen.

Griechenland ist wirtschaftlich nicht in bester Verfassung.

K. Wellershoff: Damit haben die Kosten nichts zu tun. Der Staat hat einfach zu viel ausgegeben. Die öffentlichen Haushalte mögen pleitegehen. Deswegen wird dort immer noch produziert und konsumiert. Ein Land kann nicht verschwinden wie eine Firma. Schauen Sie sich die Schweiz an. Hier sind die Kosten hoch. Aber dennoch wird hier weiterproduziert. Das ist, weil die Kosten eben nicht entscheidend sind, sondern die Produktivität. Die Politik muss die Rahmenbedingungen verbessern, um die Produktivität zu fördern. Auf die Kosten sollen die Unternehmer schauen.

(ID:44744971)