Die MEM-Industrie erfasst zwar umfangreiche Daten, nutzt deren volles Potenzial jedoch selten. Im Interview erklären Martin Grossrieder und Christian Wick, Gründer und Inhaber von «MeinNetz», wie integriertes Datenmanagement Silos auflöst, KI-Anwendungen überhaupt erst ermöglicht und welche Rolle die Unternehmensleitung dabei spielt.
Die Interviewpartner Christian Wick (li.) und Martin Grossrieder (re.), Gründer und Inhaber von MeinNetz GmbH.
(Bild: MeinNetz GmbH)
Die MEM-Branche ist in der Lage, mehr Daten denn je zu erfassen. Worauf kommt es an, um von der reinen Datenakkumulation zum messbaren Geschäftsnutzen zu gelangen?
Martin Grossrieder: Von Sensorwerten über Prozessdaten bis hin zu Servicelogs: Die MEM-Industrie generiert heute in der Tat mehr Daten als je zuvor. Doch die reine Menge an Informationen schafft noch keinen Mehrwert. Der entscheidende Schritt besteht darin, diese Daten aus ihren Silos zu befreien und so zu strukturieren, dass sie unternehmensweit nutzbar werden. In vielen Betrieben liegen wertvolle Informationen noch immer isoliert, unverbunden, unkoordiniert und damit weitgehend ungenutzt in einzelnen Systemen, Abteilungen oder Maschinen. Diese sogenannten Datensilos verhindern, dass Unternehmen das volle Potenzial ihrer Daten ausschöpfen können und erschweren gerade den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, die auf umfassende, qualitativ hochwertige Datengrundlagen angewiesen ist.
Der Schlüssel liegt in der Integration. Wer seine Datenquellen über ein logisches Datenmanagement zusammenführt und die Interoperabilität zwischen Systemen sicherstellt, schafft eine gemeinsame Datenbasis, die vernetzte Analysen und fundierte Entscheidungen ermöglicht. Dabei ist der technologische Aspekt nur die halbe Miete. Ebenso wichtig ist eine Unternehmenskultur, die Daten als strategisches Kapital begreift, beispielsweise vergleichbar mit Wissen, Personal oder Investitionsgütern. Wenn Führung und Fachbereiche gemeinsam Verantwortung übernehmen und Daten aktiv managen, entsteht echter Mehrwert: Maschinenstillstände lassen sich dank vorausschauender Wartung um bis zu 30 Prozent reduzieren, Produktionsprozesse können ihre Effizienz deutlich steigern, Energieeinsparungen von 10 bis 15 Prozent werden realistisch.
Christian Wick: Der Weg vom Datensilo zur datenbasierten Wertschöpfung ist kein IT-Projekt, sondern eine unternehmensweite Transformation. Wer ihn geht, verschafft sich nicht nur Transparenz über seine Prozesse, sondern schafft eine Grundlage, um Entscheidungen schneller, präziser und wirtschaftlich fundierter zu treffen, was ein klarer Wettbewerbsvorteil in einer zunehmend datengetriebenen Industrie ist.
Künstliche Intelligenz verspricht den nächsten Effizienzsprung, doch sie lebt von hochwertigen und vielfältigen Daten. Wie können MEM-Unternehmen Daten über Unternehmensgrenzen hinweg nutzbar machen, ohne Cybersecurity und geistiges Eigentum zu gefährden?
M. Grossrieder: Gerade in der MEM-Branche, in der Hersteller, Zulieferer und Partner eng miteinander vernetzt sind, ist die Fähigkeit, Daten für die Kooperation sicher über Unternehmensgrenzen hinweg zu nutzen, der entscheidende Punkt für echten Fortschritt. Eine Antwort auf Ihre Frage bieten sogenannte vertrauensbasierte Datenräume. Diese schaffen eine kontrollierte Infrastruktur, in der Unternehmen Daten gezielt und sicher teilen können, geschützt durch präzise definierte Zugriffsrechte und digital hinterlegte Nutzungsregeln. So kann beispielsweise ein Zulieferer einem Maschinenbauer bestimmte Maschinendaten für Qualitätsanalysen zur Verfügung stellen, ohne seine gesamte Datensubstanz offenzulegen. Ergänzend dazu ermöglichen Technologien wie föderiertes Lernen, dass KI-Modelle dezentral trainiert werden: Die Daten bleiben im Unternehmen, nur die gelernten Modellparameter werden geteilt. Damit entsteht ein gemeinsamer Erkenntnisgewinn, ohne dass sensible Informationen den eigenen digitalen Raum verlassen müssen.
Auch Verfahren zur Anonymisierung und Aggregation leisten einen Beitrag. Wenn etwa ein Branchenverband Produktionsdaten mehrerer Firmen auswertet, kann er branchenspezifische Kennzahlen ableiten, ohne Rückschlüsse auf einzelne Unternehmen zuzulassen. Begleitet werden solche Ansätze von modernen Sicherheitsarchitekturen wie Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Zero-Trust-Prinzipien und konsequentem Monitoring.
So entsteht eine neue Form der Kooperation in der MEM-Industrie: Unternehmen lernen gemeinsam, ohne ihre Daten preiszugeben. Das fördert Innovation, stärkt Vertrauen und eröffnet neue Geschäftsmodelle. Dies ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer wirklich vernetzten Industrie.
Im Mai 2025 haben Sie ein Buch mit dem Titel «Daten sind Chefsache» veröffentlicht. Was verbirgt sich hinter dieser steilen These?
Das Buch «Daten sind Chefsache» kann kostenlos auf der Webseite von «MeinNetz» heruntergeladen werden.
(Bild: MeinNetz GmbH)
C. Wick: Die Aussage «Daten sind Chefsache» ist mehr als ein provokanter Titel. Sie ist eine notwendige Erkenntnis. In einer digitalisierten MEM-Industrie sind Daten längst zu einem strategischen Produktionsfaktor geworden, vergleichbar mit Kapital oder Know-how. Sie entscheiden über Effizienz, Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Doch noch immer wird der Umgang mit Daten in vielen Unternehmen als rein technisches Thema betrachtet. Das ist ein kapitaler Fehler, der in der digitalen Transformation teuer werden kann.
Das Buch «Daten sind Chefsache» plädiert für ein neues Führungsverständnis: Datenmanagement ist keine Aufgabe der IT, sondern eine Führungsverantwortung. Wer Entscheidungen trifft, muss verstehen, auf welchen Daten sie beruhen, welche Qualität diese haben und wie sie geschützt sind. Es geht darum, Daten als Grundlage unternehmerischer Steuerung zu begreifen. Sie sind ein unverzichtbares Instrument, um strategisch zu handeln, Innovation zu fördern und Risiken frühzeitig zu erkennen. Führungskräfte müssen daher eine Kultur in ihrer Organisation etablieren, in der datenbasierte Entscheidungen selbstverständlich sind und in der Datenqualität, Sicherheit und Ethik nicht delegiert, sondern gelebt werden.
Stand vom 30.10.2020
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Gleichzeitig warnt das Buch vor den Risiken eines unzureichenden Datenmanagements: Schlechte Daten führen zu Fehlentscheidungen, Sicherheitslücken oder Vertrauensverlust, was teils gravierende Folgen für Unternehmen und Kunden haben kann. Nur wer Daten strukturiert, schützt und strategisch nutzt, kann in einer zunehmend KI-gestützten Industrie bestehen.
Daten sind damit längst nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern ein Führungsinstrument. Sie gehören definitiv in die Verantwortung der Unternehmensleitung. Denn wer Daten versteht, führt besser. Und wer sie ignoriert, riskiert, von jenen überholt zu werden, die das Potenzial ihrer Daten erkannt haben.