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Gleich ein Bündel von Motiven nennt Haiying Chen vom Shanghaier Büro des Beratungsunternehmens Struktur Management Partner als Gründe chinesischer Unternehmen, deutsche Firmen zu kaufen:
- 1. 1. Zugang zum (Premium-)Markt.
- 2. 2. Zugang zu Technologie und Entwicklungs-Know-how.
- 3. 3. Sinnvolle Investition des vorhandenen Kapitals, zum Beispiel nach dem IPO.
- 4. 4. Erzeugung von Wachstumsphantasie für den Aktienkurs.
- 5. 5. Bei Staatsunternehmen auch politischer Auftrag zur Internationalisierung gemäss Fünfjahresplan.
Eine Rangfolge, die nicht von ungefähr kommt. «In diesem Jahr haben wir einige sehr interessante Projekte in China durchgeführt, vor allem im Bereich Maschinen- und Anlagenbau», sagt Chen. Viele deutsche Unternehmen erlebten gerade in der «neuen chinesischen Normalität» eine Phase des Stillstandes in China und fragten sich, wie die zukünftige Entwicklung aussehen werde. Vor allem mittelständische Unternehmen, aber auch Firmen wie Trumpf oder Bosch Rexroth hätten Strategie- beziehungsweise Ertragssteigerungsprojekte aufgesetzt.
«Aus meiner Sicht erleben wir eine neue Stufe der Internationalisierung des deutschen Maschinenbaus!» Statt Aufbau der Präsenz in den Schlüsselmärkten mit einem deutschzentrischen Denken werde die Gesamtstrategie der Gruppe globalisiert, die Führung der Auslandstöchter entsprechend den lokalen Gegebenheiten optimiert und vor allem das unternehmerische Mind-Set internationalisiert. Diese Aufgaben stellen viele deutsche mittelständische Unternehmen vor Herausforderungen.
Die Intensität der Outbound-M&A-Aktivitäten werden nach der Einschätzung von Chen und seinen Kollegen in den kommenden Jahren insgesamt weiter zunehmen. Jedoch gebe es eine Tendenz vor allem bei den Staatsunternehmen, den Prozess mehr zentral zu steuern und zu professionalisieren, um die Gefahr eines möglichen Verlustes von Staatskapital zu minimieren. Es wird hochinteressant werden, wie die chinesischen Investoren mit kritischen Situationen bei übernommenen Unternehmen umgehen und notwendige Veränderungen durchsetzen. Langfristig, so die einhellige Meinung, wird der operative Einfluss chinesischer Investoren jedenfalls steigen.
Doch welche Veränderungen beobachten die Experten bei deutschen und chinesischen Unternehmen nach einer solchen Übernahme? Die Antwort fällt ganz im Sinne eines von Planwirtschaft geprägten Handelns aus: Chinesische Investoren verfolgen in der Regel eine langfristige Strategie, beschränken sich in der Post-Merger-Phase bis dato häufig auf Beteiligungscontrolling, ergreifen kaum operative Massnahmen und kommunizieren über wenige Schlüsselfunktionen zwischen China und Deutschland. Die Organisation der Tochter bleibt weitgehend eigenständig und der Investor greift kaum operativ ein. Das deutsche Unternehmen bekommt zudem neue finanzielle Spielräume für Investitionen und Kooperation mit der Mutter, zum Beispiel auf dem internationalen Markt. Im Gegenzug erwartet der Investor hohes Wachstum, was das hiesige Management oft vor grosse Herausforderung stellt. Dennoch beobachtet Chen am Ende meist positive Effekte für Kunden und Lieferanten des übernommenen Unternehmens: finanzielle Stabilität des Lieferanten beziehungsweise Kunden und eine Erweiterung des Potenzials der Zusammenarbeit.
Interessanter Nebenaspekt: Gerade die Wettbewerber des übernommenen (oder auch übernehmenden) Unternehmens in Europa können sich nicht locker zurücklehnen. Sie müssen mit einer Verschlechterung der eigenen Wettbewerbspositionierung rechnen. «Sofern Sie bei strategisch interessanten Kunden stark positioniert bleiben wollen, kommen Sie um Zugeständnisse im Preis und eine Verschlechterung der Zahlungsbedingungen nicht herum», sagt Chen. Nur über Investitionen in Wettbewerbsvorteile könne eine solche Entwicklung verhindert werden.
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