Exklusiv-Interview mit Dr. Jürg Marti, ehem. Direktor Swissmechanic Dr. Jürg Marti über Krisen, Chancen und die NATO

Das Gespräch führte Matthias Böhm 9 min Lesedauer

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Dr. Jürg Marti, bis Ende November 2024 Direktor von Swissmechanic Schweiz, sprach im SMM-Interview im November 2024 über die Krisen, die seine Amtszeit geprägt haben, und über die Wettbewerbsfaktoren, die bei deren Bewältigung entscheidend sind: technologische Alleinstellungsmerkmale, Investitionen in Digitalisierung, gut ausgebildete Fachkräfte, eine «unbürokratische liberale Politik» und – last but not least – militärische Sicherheit, wo er sich eine offene Diskussion betreffend NATO-Mitgliedschaft wünscht.

Dr. Jürg Marti, ehem. Direktor Swissmechanic: «Persönlich bin ich aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage der Meinung, dass die militärische Sicherheit ein immer wichtiger werdender Wettbewerbsfaktor für die Schweiz und Europa ist.»(Bild:  Swissmechanic)
Dr. Jürg Marti, ehem. Direktor Swissmechanic: «Persönlich bin ich aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage der Meinung, dass die militärische Sicherheit ein immer wichtiger werdender Wettbewerbsfaktor für die Schweiz und Europa ist.»
(Bild: Swissmechanic)

Herr Marti, Industrie 2025 war lange Programm und wird ab Januar 2025 Realität sein. Wo steht die Schweizer Industrie beim Thema Industrie 2025?

Dr. Jürg Marti: Es gibt noch Potenzial und einen gewissen Nachholbedarf. Sehen wir z. B. die Automatisierung an: In den letzten 40 Jahren ist in vielen Ländern die Massenproduktion automatisiert worden. In der Schweiz, wo eher noch hochwertige Produkte in Nischenbereichen hergestellt werden, ist die Automatisierung etwas komplizierter und findet teils zeitlich verzögert statt. Man muss auch beachten, dass einige KMU-MEM wegen der schwierigen Rahmenbedingungen Investitionen immer wieder zeitlich hinausschieben mussten. Doch wenn ein KMU-MEM effizient arbeiten und im internationalen Wettbewerb mithalten will, geht an weiterer Automatisierung kein Weg vorbei. So ist es auch mit dem (Industrial) Internet of Things. Die KMU-MEM müssen investieren, um international am Ball zu bleiben.

Sie standen sieben Jahre an der Spitze eines der grössten Schweizer Industrieverbände. Diese sieben Jahre waren bzw. sind geprägt von massiven internationalen Krisen: Corona, Russlandkrieg und als direkte Folge die Energiekrise, dazu die Automobilkrise. Parallel dazu gab es massive Konflikte im Nahen Osten. Wie wirken sich diese Rahmenbedingungen erstens auf den Schweizer Franken und zweitens auf die Schweizer Industrie aus?

Dr. J. Marti: Insbesondere in Krisenzeiten ist der Franken als sicherer Hafen sehr gefragt, das ist bekannt. Seit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses von 1.20 im Jahr 2015 erhöht sich der Frankenwert stetig. Im Zuge der Inflationskrise durchbrach der Euro-Franken-Kurs Mitte 2022 die Parität und schwankt seither zwischen 93 und 99 Rappen. Wir sollten jedoch nicht nur von Frankenstärke sprechen, sondern auch von Eurokrise. Deutschland als wichtiges EU-Land und wichtigster Absatzmarkt unserer Unternehmen steckt in einer Wirtschaftskrise und die Vorzeichen für eine Besserung sind schlecht.

In Anbetracht der gegenwärtigen Herausforderungen blicken die KMU-MEM pessimistisch in die Zukunft. Der Wirtschaftsbarometer Quartal 4/2024 von Swissmechanic zeigt: Die Auftragslage ist prekär, der Swissmechanic-Geschäftsklimaindex für KMU in der MEM-Branche rutschte im Oktober 2024 auf den tiefsten Stand seit Januar 2021, bei rund einem Drittel der befragten Unternehmen kam es zu Personalabbau und es kommt nicht besser. Etwa die Hälfte der Unternehmen erwartet weitere Einbussen bei den Aufträgen, einen weiteren Rückgang bei den Umsätzen und damit verbunden einen zusätzlichen Druck auf die Margen.

Der starke Schweizer Franken ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits macht er der Schweizer Exportindustrie zu schaffen, andererseits fördert er die Innovationsbereitschaft der Unternehmen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Schweizer Frankens und welche Wünsche hätten Sie an die Verantwortlichen der Nationalbank?

Dr. J. Marti: Der starke Franken bringt diejenigen Exportunternehmen in Bedrängnis, die einem starken internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Unternehmen mit starken Alleinstellungsmerkmalen können hingegen die Mehrkosten oft abwälzen. Unternehmen, welche einen hohen Anteil an importierten Vorleistungen in ihren Produkten verarbeiten, sehen dem Franken eher entspannt entgegen.

Wichtig ist aber, dass die Nationalbank als unabhängige Institution einen Balanceakt zwischen der Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft und den potenziellen Risiken durch Marktinterventionen schaffen muss. Kurzfristige Massnahmen wie Devisenmarktinterventionen und Negativzinsen können den Franken zwar schwächen, sind jedoch mit erheblichen Kosten und Risiken verbunden und die Effekte könnten nur vorübergehend sein.

Auch wenn Ihr aktuelles Wirtschaftsbarometer vom November 2024 alles andere als rosige Zeiten konstatiert. Was müssen die Swissmechanic-Firmen aus Ihrer Sicht tun, um sich in dieser schwierigen Zeit gestärkt zu positionieren?

Dr. J. Marti: Die aktuelle Baisse ist im Moment noch ein konjunkturelles Problem, das aber Kopfzerbrechen macht. Wie bereits gesagt, die Unternehmen leiden an Auftragsmangel und Margendruck. In der im Oktober 2024 durchgeführten Quartalsumfrage von Swissmechanic sagen zudem 25 Prozent der Firmen, dass sie ein Problem mit der Finanzierung haben, und 20 Prozent haben ein Problem mit erodierendem Eigenkapital. Hält die konjunkturelle Flaute an, wird es strukturelle Bereinigungen geben.

BAK Economics sieht für die zweite Hälfte 2025 etwas Hoffnung auf eine leichte Belebung. Sinkende Energiepreise und niedrigere Zinsen könnten der MEM-Branche in 2025 Impulse geben und zumindest eine leichte Erholung ermöglichen. Die Lage im europäischen Umfeld sieht aber alles andere als rosig aus, was natürlich Konsequenzen für die Schweiz hat.

Während der Corona-Pandemie gab es vereinzelte Aktivitäten von Schweizer Unternehmen, Produktionen wieder in die Schweiz zu verlagern. Halten Sie diese Verlagerungen für nachhaltig?

Dr. J. Marti: Eine Produktion in die Schweiz zurückzuverlagern, ist oft nicht einfach und nicht von einem Tag auf den andern machbar. Mit der Abwanderung von Produktionen in andere Länder geht in der Regel am Standort Schweiz Know-how verloren, Arbeitsprozesse werden zerstört und die Mitarbeitenden ziehen in andere Bereiche.

Für eine Produktion in der Schweiz sprechen nach wie vor gute Standortfaktoren wie hohe Qualität, Präzision, die Nähe von Produktion und Entwicklung, Liefergeschwindigkeit und -zuverlässigkeit oder auch die Versorgungssicherheit für wichtige Produkte. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob strategisch bedeutsame Aktivitäten ins Ausland ausgelagert werden sollten.

In einer friedlichen Welt spricht grundsätzlich nichts gegen eine Globalisierung. Im Gegenteil: Von einer gesunden Globalisierung in einer freien Welt sollten alle profitieren können. Persönlich hoffe ich, dass wir nachhaltig in einer friedlichen Welt leben können. Aber, vielleicht bin ich – um mit John Lennon zu sprechen – ein «Dreamer».

Die EU und insbesondere Deutschland gehören zu den wichtigsten Handelspartnern der Schweizer Exportindustrie. Welche Position vertritt Swissmechanic in den laufenden Verhandlungen zu den bilateralen Verträgen und wie begründen Sie diese?

Dr. J. Marti: Der bilaterale Weg ist eine Erfolgsgeschichte. Es liegt im Interesse der Schweiz, diesen Weg weiterhin zu beschreiten. Swissmechanic war im Jahr 2021 jedoch klar gegen das institutionelle Rahmenabkommen. Nicht weil wir gegen eine Zusammenarbeit mit der EU sind, sondern weil das Rahmenabkommen ein Papiertiger und wenig kompatibel mit unserem politischen System war. Die Ergebnisse der Verhandlungen zu den Bilateralen 3 müssen genau analysiert werden. Wenn die neuen Verhandlungsergebnisse nur alter Wein in neuen Schläuchen sind, sollte es heissen: Return to sender!

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Persönlich bin ich aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage der Meinung, dass die militärische Sicherheit ein immer wichtiger werdender Wettbewerbsfaktor für die Schweiz und Europa ist.

Dr. Jürg Marti, ehem. Direktor Swissmechanic

Das heutige sicherheitspolitische Umfeld kann somit nicht losgelöst vom wirtschaftlichen Umfeld betrachtet werden. Um nicht mit dem Vorwurf der (erneuten) Rosinenpickerei konfrontiert zu werden, bin ich deshalb der Meinung, dass wir in der Schweiz in Zusammenhang mit den Bilateralen 3 auch eine offene Diskussion über eine NATO-Mitgliedschaft führen sollten.

Mit Swissmechanic haben Sie einen der beiden grössten Schweizer Industrieverbände vertreten. Die Swissmem-Mitgliedfirmen erwirtschaften den grössten Teil ihres Umsatzes im Export. Die Mitglieder von Swissmechanic verfügen über einen überdurchschnittlich starken Heimmarkt. Welche wirtschaftspolitischen Gemeinsamkeiten haben die beiden Verbände?

Dr. J. Marti: Beide Verbände engagieren sich für die Stärkung des Werkplatzes Schweiz. Beide Verbände engagieren sich stark für unser duales Bildungssystem, was die Grundlage für die Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit ist und für Zuverlässigkeit, Qualität und Präzision steht. Die Verbände treiben gemeinsam die Berufsrevision der acht MEM-Berufe voran, in der Hoffnung, deren Umsetzung im Jahr 2026 starten zu können. Beide Verbände haben ein Interesse an einem liberalen, flexiblen Arbeitsmarkt ohne überflüssige Einschränkungen und übermässige Bürokratie.

Und wo sehen Sie mögliche Differenzen zwischen den Interessen von Swissmechanic und Swissmem? Stichwort: Bilaterale Verträge.

Dr. J. Marti: Swissmechanic ist mit seinen 13 Sektionen und zwei Partnerorganisationen – ähnlich wie ein Staatenbund – sehr föderal aufgebaut. Die Sektionen und die Mitgliedsfirmen haben eine wichtige Stimme in unserem Verband und werden regelmässig befragt. Eine grosse Mehrheit der Swissmechanic-Mitglieder (über 80 Prozent) war im Jahre 2021 gegen das institutionelle Rahmenabkommen. Auch bei anderen Abstimmungsvorlagen hatten die Mitglieder von Swissmechanic in der Vergangenheit oft eine andere Sicht als Swissmem.

Thema Bildung: Eine wichtige Rolle des Verbandes Swissmechanic ist die Bildung. Wie hat Swissmechanic den Bildungsbereich in den letzten Jahren weiterentwickelt? Welche Rolle spielt die Digitalisierung in der Bildungsstrategie?

Dr. J. Marti: Wie erwähnt, treibt Swissmechanic mit Swissmem und weiteren Partnerverbänden seit Anfang 2018 die Berufsrevision der acht MEM-Berufe voran, deren Umsetzung voraussichtlich 2026 startet. Die neuen Ausbildungsinhalte der acht MEM-Berufe basieren auf den neuesten technologischen Entwicklungen (z. B. Digitalisierung, Automatisierung, nachhaltige Produktionsmethoden). Neue Technologien wie Automatisierung und Robotik werden in die Ausbildung integriert. Bildungspläne und Ausbildungsstrukturen werden flexibilisiert, um auf technologische und marktbezogene Veränderungen eingehen zu können.

Das erfordert aber, dass die 14 Ausbildungszentren unserer Sektionen regelmässig in moderne Gebäude, einen modernen Maschinenpark und in die Digitalisierung investieren müssen. Wenn das nicht gemacht wird, ist das imageschädigend für die Branche und die Gewinnung von Lernenden leidet massiv. Investitionen in neue, moderne Ausbildungsinfrastruktur ist das beste Berufsmarketing. So eröffnet beispielsweise Mitte 2025 in Grenchen der Campus Technik, in dem das Ausbildungszentrum der Sektion Solothurn Platz finden wird. Dieser Campus Technik ist ein Leuchtturmprojekt für den Werkplatz Schweiz, für die Branche und natürlich auch für die Region Mittelland. Der Campus Technik wird zu einem einzigartigen Vorzeigeausbildungszentrum, das seinesgleichen sucht. Was dort aufgebaut wird, ist vorbildlich und einzigartig.

Ist die Industrie als Arbeitgeberin attraktiv genug, um Frauen als Arbeitnehmerinnen zu gewinnen? Wenn nicht, was muss aus Ihrer Sicht getan werden?

Dr. J. Marti: Empirische Studien zeigen, dass Vorbilder eine wichtige Rolle spielen bei der Berufswahl. Wenn Mädchen mehr Frauen in MEM-Berufen sehen, dann wählen sie öfter einen solchen Beruf. KMU-Frauen mit Führungsverantwortung sind oftmals am sichtbarsten für Aussenstehende. In der MEM-Branche sind sie jedoch eine Seltenheit.

Junge Frauen suchen oft nach einem sinngebenden Beruf, was u. a. bei den Berufsmarketingmassnahmen beachtet werden muss. Sehen sie den Sinn eines MEM-Produkts, beispielsweise für die Medizinbranche, interessieren sie sich auch eher für eine Ausbildung im MEM-Bereich.

Die Ausbildungszentren von Swissmechanic führen regelmässig Tüftelworkshops durch, auch solche nur für Mädchen. So können schon Mädchen im Primarschulalter für technische Berufe begeistert werden, ohne dass sie mit den Buben in Konkurrenz treten müssen.

Swissmechanic-Unternehmen sind typischerweise KMU-geprägt. Wo liegen aus Ihrer Sicht die besonderen Stärken von KMU?

Dr. J. Marti: KMU sind agil. Sie sind kleiner, die Entscheidungswege sind kurz. So können sie flexibler auf sich ändernde Marktbedingungen reagieren. KMU sind sich zudem bewusst, dass gut ausgebildete Fachkräfte ihr wichtigstes Gut sind.

KMU-MEM sind als Zulieferer oft Spezialisten in Nischenbereichen. Sofern sie nicht einfach «0815-Aufträge» erledigen, sondern sich ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten konnten und/oder sich auf mehrere Einnahmequellen stützen können, haben sie einen relativ sicheren Absatzmarkt und gute Chancen für die Zukunft. Für die Unternehmen, die kein Alleinstellungsmerkmal haben, wird die Zukunft schwierig.

Sie durften als Direktor von Swissmechanic während sieben Jahren die Schweizer Industrie mitgestalten. Was haben Sie von den Schweizer KMU gelernt und was wünschen Sie der Branche für die kommenden Jahre?

Dr. J. Marti: Ich bin beeindruckt, wie sich unsere KMU-MEM dank Urschweizer Werten wie Zuverlässigkeit, Qualität und Präzision sowie viel Mut und Innovationskraft auch unter schwierigen Bedingungen wie in den letzten Jahren im internationalen Wettbewerb durchsetzen. Regionalökonomisch haben die KMU-MEM oft eine sehr bedeutende Rolle: Sie schaffen Einkommen, Arbeits- und Ausbildungsplätze auch in entlegenen Regionen und verhindern die Abwanderung. Ich wünsche den KMU-MEM weiterhin einen grossen Durchhaltewillen, erfolgreiche Nachfolgelösungen und eine KMU-freundliche und unbürokratische liberale Politik, die ihre Arbeit wertschätzt.

Herr Marti, vielen Dank für das Gespräch. Wir vom SMM wünschen Ihnen für Ihre persönliche Zukunft alles Gute!

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