Google Glass für die Automation Freie Hand in der Fabrik

Autor / Redakteur: Reinhard Kluger / Silvano Böni

Noch ist sie ein Nerd-Produkt, doch erste Anwendungen zeigen: Google Glass ist auch in der Fabrik nützlich. Mit dem Bildschirm vor den Augen hat man die Hände frei für anderes. Die Datenbrille ermöglicht neue Bedienkonzepte. Studien zeigen, wohin die Reise gehen könnte.

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Andreas Thome, Produktmanager PC-Control, demonstriert die Google- Datenbrille.
Andreas Thome, Produktmanager PC-Control, demonstriert die Google- Datenbrille.
(Bild: Beckhoff)

Andreas Thome erinnert sich noch genau an den Zeitpunkt, als bei Beckhoff die Entscheidung fiel, auf Google Glass - die revolutionäre Datenbrille aus Mountain View - zu setzen. Es war im April vergangenen Jahres, als man in Verl den zündenden Einfall hatte. «Die Ideen kamen, als Google die selektive Verfügbarkeit seiner Brille in den USA ankündigte», so der Produktmanager PC-Control bei Beckhoff. «Gefühlt war eine gänzlich neue Produktkategorie entstanden, es war quasi die Geburt eines neuen Personal Computing Device.» Gut ein halbes Jahr später präsentierte Beckhoff auf der SPS IPC Drives in Nürnberg als einer der ersten Automatisierer eine Studie mit Google Glass: Ein neues Konzept für die Maschinenbedienung in der Fabrik.

Die primär für den Consumerbereich entwickelte Brille zählt zu den Wearable Devices: Elektronik, die der Mensch am Körper trägt. Der Träger blickt dabei in ein Head-up-Display für Informationen und kann gleichzeitig mit einer Digitalkamera filmen. Dass Google Glass mehr ist als nur ein Nerd-Spielzeug, kann sie im industriellen Umfeld zeigen. Die Brille ist hilfreich beim Bedienen und Beobachten in der Produktion.

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Die Zukunft: Internet und Automation verschmelzen

Status- oder Dialogmeldungen oder Zusatzinformationen, wie Dokumentationen, Webseiten oder Videos, erscheinen direkt vor dem Auge des Betrachters. Mit einem «Blick» auf den QR-Code kann der Servicetechniker diesen rasch einlesen. In der Praxis heisst das: Er kennt dann den Status quo von Motor oder Endschalter, er weiss um die Eigenschaften, Historie oder den aktuellen Status des Sensors oder Aktors. «Goo­gle Glass hat das Potenzial, die Bedienphilosophie an der Maschine zu ändern oder mindestens zu ergänzen», sagt Andreas Thome. Die Google-Brille ist für ihn ein gutes Beispiel, wie Internettechnologie und Automatisierungstechnik im Rahmen von Industrie 4.0 verschmelzen können.

Wer Google Glass aufsetzt, der blickt auf ein Projektionsdisplay, das Bilder in Form von Slides darstellt. Die auf dem Bildschirm erscheinenden Elemente heissen Slides, weil sie sich ähnlich wie bei einer Bildbetrachtungssoftware von links nach rechts scrollen lassen. Mit einer weiteren Berührung des Touchpads erhält man Zusatzinformationen zum ausgewählten Slide. So kann man dem Maschinenbediener, wenn er direkt vor der Maschine steht, individuelle Informationen, wie Maschinenstatus oder zugehörige Datenblätter, einblenden. Bei Bedarf kann der Bediener direkt vor Ort auch Kontakt zu einem weiteren Kollegen aufnehmen.

Eine integrierte Kamera nimmt in Blickrichtung Bilder auf und gibt diese dann an die Bildverarbeitung weiter. Über ein seitliches Touchpad am Brillenbügel lassen sich zudem die Bildschirminhalte und die Dialoge steuern. Und: Über Lautsprecher kann der Träger Informationen hören.

Programmierbarer PC vor den Augen

Google Glass kann mehr sein, als nur ein Bildschirm vor den Augen, trotzdem wird sie für Andreas Thome keinen grossen Umbruch in der Fabrik auslösen. «Eine Revolution bedingt den vollständigen Bruch mit vorangehenden Zuständen. Das ist meiner Meinung nach aber mit Google Glass nicht der Fall: Es wird keines der anderen bislang dagewesenen mobilen Geräte verschwinden, nur weil Datenbrillen das Feld betreten.» Für ihn ist Google Glass: «Ein programmierbarer Computer permanent an den Sinnesorganen, in Kombination mit freier Verfügbarkeit der Hände.»

Wer Google Glass in die Steuerungstechnik einbinden will, kann dies über die Automatisierungssoftware Twincat. Das könnte dann so ablaufen: Die Brille kommuniziert mit einem Webserver, der den Status der Twincat-gesteuerten Maschine bereitstellt. Die Google-Brille empfängt und stellt diesen Maschinenzustand in Form von Signalwerten oder Fehlermeldungen dar und weist gegebenenfalls auf den genauen Fehlerort hin. Auch das Quittieren und Zurücksetzen der Maschinenzustände ist direkt an der Brille möglich.

Akzeptanz auf breiter Front erwartet

Noch ist Google Glass neu, noch gehört sie nicht zum Dresscode in der Fabrik, aber weitere Einsatzfälle stehen bevor. Denn nach der Premiere in Nürnberg geht Beckhoff mit weiteren Studien an die Öffentlichkeit. Messebesucher der Prolight + Sound in Frankfurt konnten bereits eine mögliche Anwendung im Bereich Bühnen- und Showtechnik erleben, auf der Hannover Messe gab die Brille ihren Einstand in der Smart Factory. Wann Google Glass allgegenwärtig in der Fabrik sein wird, das steht für Andreas Thome fest: «Sicherlich nicht vor 2016 – diese Zeit wird es mindestens benötigen, um einerseits die wirklich nützlichen Ideen und Anwendungen zu entwickeln und andererseits die Akzeptanz auf breiter Front herzustellen.»

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