SMM-Exklusiv-Interview: Béatrice Bula, Geschäftsführerin Groupe Recomatic Groupe Recomatic: Zukunftsfähigkeit sichern

Das Gespräch führte Nastassja Neumaier 6 min Lesedauer

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In Courtedoux entwickelt, produziert und vertreibt die Recomatic-Gruppe Hightech-Lösungen und automatische Systeme im Bereich der End- und Feinbearbeitung von komplexen Oberflächen. Wie das Unternehmen zukunftsfähig bleiben möchte, berichtet Geschäftsführerin Béatrice Bula im SMM-Exklusiv-Interview.

Der Standort von Recomatic in Courtedoux im Jura. Das Unternehmen erzeugt 40 % seines Strombedarfs mithilfe der zahlreichen Solarpaneele auf den Dächern seiner Gebäude.(Bild:  Groupe Recomatic)
Der Standort von Recomatic in Courtedoux im Jura. Das Unternehmen erzeugt 40 % seines Strombedarfs mithilfe der zahlreichen Solarpaneele auf den Dächern seiner Gebäude.
(Bild: Groupe Recomatic)

SMM: Letztes Jahr feierten Sie doppeltes Firmenjubiläum: 70 Jahre Bula und 60 Jahre Reco. Nachträgliche Gratulation!

Béatrice Bula: Danke! Wir sind sehr stolz auf unsere Geschichte und blicken auch gerne auf die Jubiläumsfeier zurück, die wir gemeinsam mit dem MSM auf die Beine gestellt haben.

Gleichzeitig gab es in der Schweizer Industrie leider wenig zu feiern. Welchen Einfluss haben Pandemie und der völkerrechtswidrige Angriffskrieg in der Ukraine auf Ihre wirtschaftliche Situation? Und wie haben Sie darauf reagiert?

B. Bula: Die Pandemie traf alle sehr unerwartet und erforderte schnelle Lösungen. Natürlich war Homeoffice eine dieser Lösungen, wir mussten aber auch sicherstellen, dass unsere Produktion weiterläuft, um sowohl unsere Kunden als auch unsere Mitarbeitenden zu halten. Der zeitgleiche Bau unseres neuen Gebäudes stellte uns vor eine zusätzliche Herausforderung. Es standen Überlegungen im Raum, den Bau vorübergehend zu stoppen. Heute sind wir froh, dass wir weitergemacht haben, denn der Bedarf ist seither wieder stark angestiegen. Mit dem neuen Gebäude haben wir neue Prozesse eingeführt. Einige Maschinentypen, darunter unser Bestseller Reco CT501, fertigen wir jetzt in einem «Lean Manufacturing»-Ansatz, wodurch wir Montagezeiten reduzieren und unsere Produktionskapazität maximieren konnten. Ohne das neue Gebäude hätten wir jetzt ein Platzproblem. Auch, weil wir angesichts des Ukrainekriegs mit Lieferschwierigkeiten zu kämpfen haben und infolgedessen mehr Lagerhaltung betreiben. Elektronische Komponenten sind zum Beispiel sehr schwierig zu bekommen. Während die Einkaufspreise steigen, sinken die Qualität und die Verfügbarkeit der Komponenten. Als Konsequenz daraus haben wir unser Personal in den Bereichen Einkauf und Lager aufgestockt. Wir arbeiten jetzt noch enger mit unseren – zum Teil neuen – Lieferanten zusammen und investieren mehr Zeit in die Qualitätskontrolle.

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Wie erklären Sie sich den gestiegenen Bedarf in diesen herausfordernden Zeiten?

B. Bula: Derzeit haben viele Unternehmen Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden. Dies liegt auch daran, dass Arbeitnehmende insbesondere seit der Pandemie flexiblere Arbeitsmodelle hinsichtlich Arbeitszeit und -ort fordern, was in der Industrie nicht immer gewährleistet werden kann. Daher suchen die Unternehmen nach Lösungen zur Automatisierung ihrer Fertigungsprozesse. Wir bieten hier ein breites Portfolio.

Welche Entwicklungen konnten Sie in Ihren Kernbranchen feststellen?

B. Bula: Die Uhren- und Schmuckindustrie sowie der Luxussektor entwickeln sich sehr positiv. Statt Fernreisen gab es die letzten Jahre eher eine teure Handtasche oder Luxusuhr. Generell beobachten wir eine deutliche Bewegung in Richtung Europa als Produktionsstandort – entweder alternativ oder zusätzlich zu asiatischen Standorten –, um Lieferschwierigkeiten zu umgehen. Im Bereich der Medizintechnik sowie der Luft- und Raumfahrt hat sich weniger verändert. Im Juni stellen wir zum ersten Mal an der internationalen Fachmesse für Luft- und Raumfahrt SIAE in Le Bourget, Paris, aus. Danach werden wir sehen, wie sich die Branche weiterentwickeln wird.

Sie waren im März auch auf der Messe Global Industrie in Frankreich. Welche Entwicklungsperspektiven sehen Sie dort im Vergleich zur Schweiz?

B. Bula: Auch wenn unser Kerngeschäft in der Schweizer Industrie liegt, wägen wir stetig die Entwicklungsperspektiven in anderen Ländern ab, nicht nur in Frankreich, sondern weltweit. Italien und Thailand stellen beispielsweise sehr interessante Länder für Geschäftsbeziehungen im Luxussektor für uns dar. Viele Uhrenhersteller lassen ihre Teile jetzt in Portugal fertigen, deswegen möchten wir auch dort Gas geben. Bisher fokussieren wir uns dabei auf Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Um kompetitiv zu bleiben, schlies­sen wir aber auch eine Produktion im Ausland als Perspektive nicht aus.

Bisher bleiben Sie dem Werkplatz Schweiz jedenfalls treu, denn Montage, Bearbeitung und F&E finden in Courtedoux statt. Können Sie weiter darauf eingehen, welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben?

B. Bula: Der Nachteil am Standort Schweiz liegt auf der Hand: die höheren Kosten. Die letzten Krisen haben jedoch gezeigt, dass die Schweiz weniger von Preiserhöhungen betroffen war als andere Länder in Europa. Unser Vorteil ist, dass wir uns in einer Nische bewegen. Unsere Kunden suchen Kompetenzen im Bereich Präzision und da ist «Swiss Made» immer noch ein Qualitätsmerkmal. Der Kanton Jura ist zudem sehr stolz auf seine Industrie und unterstützt uns bei vielen Projekten. Ein weiterer Vorteil ist das Schweizer Sozialsystem. Im Vergleich zu anderen Ländern in Europa funktioniert es sehr gut, wodurch die Schweiz als Arbeitsplatz an Attraktivität gewinnt.

Welche Erfahrungen machen Sie aktuell beim Sorgenthema Fachkräftemangel?

B. Bula: Grundsätzlich sind wir froh, dass wir einen guten Bestand an Mitarbeitenden haben und diesen überwiegend halten können. Wir bilden auch Lehrlinge im Bereich Automatik, Polymechanik und Logistik aus. Für das neue Ausbildungsjahr im August 2023 suchen wir noch eine/-n Polymechaniker/-in. Leider hat die Industrie vor allem bei jungen Menschen und Frauen nicht das beste Image. Da geht sehr viel Potenzial verloren. Mein Vater hat zwei Töchter und anfangs sicherlich nicht damit gerechnet, dass eine von uns die Firma übernehmen wird. Jetzt bin ich bereits seit über 25 Jahren im Unternehmen tätig und leite es seit 2008 in der dritten Generation. Unsere Türen stehen offen für Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts, bezahlt wird für die geleistete Arbeit und nicht für demografische Eigenschaften.

Wie positionieren Sie sich, um als Arbeitgeberin zukunftsfähig zu bleiben?

B. Bula: Wir legen viel Wert auf eine angenehme Arbeitsatmosphäre und gehen auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden ein. Erst vor Kurzem haben wir die neue Kantine eröffnet, es gibt einen Raum zum Entspannen und Sitzplätze im Freien – um nur ein paar Rahmenbedingungen zu nennen. Die Mitarbeitenden sollen sich wohlfühlen und gerne zur Arbeit kommen. Und was den Nachwuchs betrifft: Es ist wichtig, das Interesse schon sehr früh und nicht erst im Fachschulalter zu wecken. Wir müssen der jungen Generation wieder näherbringen, was in der und durch die Industrie alles möglich ist. So können beispielsweise Schüler und Schülerinnen ihren Eltern, die bei uns beschäftigt sind, über die Schulter schauen und sich ohne Angst vor Fehlern ausprobieren. Gleichzeitig tragen die jungen Menschen neue Ideen in das Unternehmen – eine Win-win-Situation für alle Parteien.

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Apropos Zukunftsfähigkeit: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit für Recomatic und Ihre Kunden?

B. Bula: In unserer Industrie gibt es eine Redewendung: «Eine Firma ist so lang ein Umweltverschmutzer bis sie beweisen kann, dass sie es nicht ist.» Wir sind hier sehr bestrebt – das Thema Nachhaltigkeit steckt immerhin in unserer DNA –, merken aber auch, dass es für viele unserer Kunden verstärkt zum Thema wird. Schon bei der Suche nach neuen Lösungen beziehen wir neben den ökonomischen auch immer die ökologischen Faktoren mit ein. Es beginnt bei unserem eigenen Energieverbrauch. Im Vergleich zum letzten Jahr sind die Energiepreise um ein Zehnfaches gestiegen. Dank unserer Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtfläche über 2'500 m2 können wir bereits vierzig Prozent unseres Energiebedarfs decken. Zudem ist unser Showroom ein Minergie-Gebäude, wir heizen mit Pellets, achten auf eine gute Isolierung und nutzen LED-­Lichter. Unser Ziel für dieses Jahr ist es trotzdem, noch mehr Energie einzusparen und unabhängiger zu werden. Dafür suchen wir momentan nach geeigneten Lösungen.

Und auf der Produktseite?

B. Bula: Auch unsere Maschinen konzipieren wir unter ökologischen Gesichtspunkten. Unsere CNC-Maschinen verfügen beispielsweise optional über einen Hauptschalter, der die Inaktivität der Maschine automatisch erfasst und eine Selbstabschaltung auslöst. Auch die Themen Wärmeentwicklung und Luftverbrauch berücksichtigen wir in der Konzeption. Messungen bei unseren Kunden ergaben, dass unsere manuellen Poliermaschinen rund fünfzig Prozent weniger Strom verbrauchen als die Maschinen von Mitbewerbern. Unsere CNC-Maschinen haben zudem einen geringeren Platzbedarf. Schlussendlich gilt: Je kompakter eine Maschine ist, desto nachhaltiger ist sie. Auch die Instandhaltung ist zu berücksichtigen. Unseren Service bieten wir sogar für Maschinen mit Sechzigerjahre-Baujahr an. Im Rahmen von Industrie 4.0 entwickeln wir zudem stetig neue Lösungen im Bereich «Predictive Maintenance», um nicht nur ausserplanmässige Standzeiten zu verringern, sondern auch den Lebenszyklus unserer Maschinen zu verlängern. Und wenn eine Maschine das Ende ihres Lebenszyklus erreicht oder ersetzt werden soll, kaufen wir sie zurück, führen eine Generalüberholung durch und verkaufen sie mit einer Wertgarantie weiter.

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