SMM-Kongress 2025: Dr. Mario Gehrlein (CEO, Strub & Co. AG – Swiss Tribology) im Interview«Kühlschmierstoffe: Strub bleibt die Herzkammer der Entwicklung»
Der Kühlschmierstoffspezialist Strub & Co. AG in Reiden wurde vor Kurzem in die Fuchs-Gruppe integriert, die weltweit agiert und über 6500 Mitarbeitende verfügt. Im SMM-Interview zeigt Dr. Mario Gehrlein (CEO, Strub & Co. AG), welche entwicklungstechnischen Möglichkeiten sich dadurch am Standort Reiden ergeben. Der promovierte Wirtschafts- und Chemieingenieur war bei Fuchs zuletzt im Bereich der zukunftsträchtigen Elektrolytforschung für Batteriesysteme tätig. Am SMM-Kongress in Luzern referiert Dr. M. Gehrlein u. a. über den aktuellen Stand der Kühlschmierstoffentwicklung.
Dr. Mario Gehrlein (CEO, Strub & Co. AG - Swiss Tribology): «Die Medizintechnik und Halbleiterindustrie sind aus unserer Sicht zwei wichtige Zukunftsbranchen für die Schweizer Metallbearbeitungsindustrie.»
(Bild: Fuchs / Strub)
Matthias Böhm: Zuerst eine unternehmensstrategische Frage zum Zusammenschluss des Unternehmens Fuchs und Strub. Fuchs ist ein 3,5-Milliarden-Unternehmen mit über 6500 Mitarbeitenden, Strub generiert mit 40 Mitarbeitenden einen Umsatz von 15 Millionen CHF. Welche Strategie verfolgt Fuchs mit der Übernahme der Strub AG?
Dr. Mario Gehrlein: Die Schweiz ist ein Hochtechnologieland mit einer ausserordentlichen Innovationsstärke und mit zukunftsträchtigen Marktsegmenten wie beispielsweise der Medizintechnik und Halbleiterindustrie. Damit ist die Schweiz für Fuchs ein sehr interessanter Markt im Herzen Europas. Mit der Übernahme von Strub erlangt Fuchs einen direkten Marktzugang und strebt an, alle bestehenden Geschäftsaktivitäten in der Schweiz in einer Gesellschaft zu bündeln – einschliesslich der im April letzten Jahres erworbenen schweizerischen Tochtergesellschaft der Lubcon-Gruppe. Darüber hinaus hat Fuchs auch einen Entwicklungs- und Produktionsstandort in der Schweiz hinzugewonnen. Insgesamt verfügt Fuchs über 42 Produktionsstandorte. Wir haben klare Wachstumspläne für die Schweiz, bei denen das Strub-Team und der Standort eine zentrale Rolle spielen, und wir möchten auch zukünftig den Grossteil unserer Produkte in der Schweiz herstellen. Es wurden bereits neue Kolleg*innen eingestellt und wir haben weitere Stellenausschreibungen platziert.
Welche Vorteile ergeben sich durch den Zusammenschluss aus Ihrer Sicht für die Strub AG am Standort Reiden?
Dr. M. Gehrlein: Unser Ziel ist es, das Beste aus beiden Welten hier in der Schweiz zu vereinen, um unseren Kunden das perfekte Produkt- und Serviceangebot aus einer Hand bieten zu können. Durch unsere dezentrale Organisationsstruktur bei Fuchs ermöglichen wir es den lokalen Landesgesellschaften, sich agil und kundenorientiert am Markt zu positionieren. Damit sind wir in der Lage, die Schmierstoffanforderungen unserer Kunden vor Ort optimal abdecken zu können.
Wenn wir das Produktportfolio von Fuchs mit den Produkten von Strub AG zusammenlegen, haben wir sicherlich das umfangreichste Schmierstoffangebot im Schweizer Markt. Neben dem Produktportfolio können wir aber auch von den globalen Netzwerken von Fuchs profitieren. So verfügen wir beispielsweise durch die Aufnahme von Strub in das globale Einkaufsnetzwerk über eine sehr robuste Supply Chain, wovon unsere Kunden auch in schwierigen Zeiten, wie z. B. Pandemien oder geopolitischen Auseinandersetzungen, profitieren können.
Wie ist Ihre Strategie bei den Produktmarken und Unternehmensnamen?
Dr. M. Gehrlein: Die Produkte von Strub stehen seit Jahrzehnten für Qualität und Leistung. Darüber hinaus sind mit den Produktnamen oftmals auch Kundenfreigaben, Schmierpläne oder Empfehlungen verbunden. Daher werden wir die Produktnamen und die Produktmarke «Strub» auch in Zukunft beibehalten.
Beim Unternehmensnamen werden wir nach der Konsolidierung aller unserer Schweizer Geschäftstätigkeiten auf einen «Fuchs»-Unternehmensnamen wechseln.
Im Bereich der Fertigungstechnik spielen Kühlschmierstoffe eine übergeordnete Rolle. Welche Möglichkeiten bieten sich für die beiden Unternehmen bei der Entwicklung?
Dr. M. Gehrlein: Wir möchten zukünftig unser gemeinsames Wissen und die Erfahrung bei der Entwicklung von Kühlschmierstoffen bündeln und voneinander lernen. Durch die Aufnahme unserer lokalen Produktentwickler in das globale F&E-Netzwerk von Fuchs werden wir künftig noch schneller kundenindividuelle Lösungen in der Schweiz entwickeln können. Damit sind wir der perfekte Partner für unsere Kunden.
Im Bereich der Kühlschmierstoffe ist es besonders wichtig, auf den lokalen Markt angepasste Produkte anbieten zu können, da der Kühlschmierstoff von vielen Einflussfaktoren, wie z. B. der Wasserhärte, abhängig ist. Daher wird auch zukünftig die Entwicklung von Kühlschmierstoffen an unserem Standort in Reiden die Herzkammer des Unternehmens bleiben.
Es gab ja sowohl bei Fuchs als auch bei Strub Überschneidungen im Produktspektrum von Kühlschmierstoffen. Können Sie gleichwohl Ergänzungen erkennen und welche Vorteile hat das für Ihre Kunden aus der Fertigungsindustrie?
Dr. M. Gehrlein: Strub hat ca. 1600 Produkte im Portfolio. Durch den Zusammenschluss mit Fuchs kommen über 10 000 Produkte hinzu. Allein diese Zahl zeigt, dass wir einige Ergänzungen für unseren Schweizer Markt hinzubekommen haben. Der grosse Vorteil für unsere Kunden in der Fertigungsindustrie ist, dass sie nun einen Schmierstoffexperten im Markt haben, der ihnen die Schmierstofflösungen für den gesamten Fertigungsprozess aus einer Hand anbieten kann. Wir können von der Reinigung über die Metallbearbeitung bis hin zum Korrosionsschutz und den Betriebsstoffen von Werkzeugmaschinen immer das perfekt passende Produkt anbieten. Gleichzeitig wollen wir die besondere Stärke von Strub, schnell und agil kundenindividuelle Lösungen anbieten zu können, beibehalten.
Besonders anspruchsvoll in Sachen Werkzeugverschleiss ist das Zerspanen von Titanwerkstoffen, Chrom-Nickelstählen als auch Nickelbasis-Legierungen (z. B. Inconel). Was können Sie als Kühlschmierstoffhersteller dazu beitragen, dass sich die Standzeiten der Werkzeuge beim Zerspanen dieser Werkstoffgattungen erhöhen?
Dr. M. Gehrlein: Diesen Punkt kann man aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Prinzipiell beeinflusst werden kann der Zerspanungsprozess durch den Einsatz von Hochdruckadditiven, Verschleissschutzadditiven, schmierwirksamen Komponenten sowie oberflächenaktiven Substanzen. Eine ausgewogene Balance ist hier entscheidend. Um diese zu erreichen sind verschiedene Entwicklungsansätze möglich.
Stand vom 30.10.2020
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Im Bereich der Simulation kann man hier schon im Vorfeld viele Grundlagenerkenntnisse erarbeiten, ohne im Labor praktisch aktiv geworden zu sein.
Mittels Simulationsprogrammen kann man anhand von chemisch-physikalischen Prinzipien bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit errechnen, welche chemische Stoffklasse für unterschiedliche Zerspanungsoperationen geeigneter sein wird. Hier betrachtet man z. B. Reaktionsverhalten (Chemisorption vs. Adsoption) unterschiedlicher Stoffe an Metalloberflächen.
Des Weiteren besteht auch die Möglichkeit, über Prüffeldtests sehr praxisnahe Versuche durchzuführen. Hier kann z. B. der Tapping-Torque-Test herangezogen werden, welcher auf dem Prinzip der Drehmomentmessung beim «Gewindeschneiden/-formen» besteht. Hierbei können mit praxisnahen Werkstoffen (Titanplatten) und realen z. T. beschichteten Werkzeugen wichtige Erkenntnisse generiert werden.
Auch Ergebnisse aus Kooperationen mit Universitäten bringen einen gezielten Einblick in die Entwicklung neuer Fluid- und Additivkonzepte. Darüber hinaus werden natürlich auch in Zusammenarbeit mit ausgewählten Kunden praktische Zerspanungsversuche durchgeführt.
Kühlschmierstoffe müssen die Wärme weg von der Werkzeugschneide bringen und sind typischerweise eine Emulsion aus Ölen und Wasser. Wasser verfügt über einen der höchsten cp-Werte von circa 4,2 kJ/kg·K. Öle dagegen nur von 2 kJ/kg·K. Theoretisch betrachtet könnte Wasser bei der gleichen Masse wie Öl die doppelte Menge an Wärmeenergie dem Zerspanungsprozess entziehen. Berücksichtigen Sie solche «theoretischen» Aspekte bei der Entwicklung von KSS?
Dr. M. Gehrlein: Physikalisch gesehen ist es wie Sie sagen, dass Wasser höhere Wärmemengen vom Werkstück abtransportieren kann, aber: Bei etlichen Zerspanprozessen, wie z. B. beim Schleifen, ist trotz dieses Effektes die Wahl eines Öles zur Zerspanung die geeignetere Wahl, da oftmals deutlich bessere Oberflächengüten der bearbeiteten Teile erzielt werden können. Auch die Standzeit der Schleifscheiben ist oft länger, was den Prozess effektiver gestalten kann. Weitere positive Nebeneffekte der Ölnutzung sind z. B. auch die einfachere Pflege, konstantere Bearbeitungsergebnisse und der schonendere Kontakt mit der Maschine.
Was heisst das für Sie als KSS-Entwickler?
Dr. M. Gehrlein: Es bleibt die Herausforderung, die Wärme adäquat aus dem Zerspanungsprozess abzuführen. Für den wärmeabfuhr-optimierten Einsatz von Ölen forschen wir seit Längerem intensiv an Konzepten, Wärme über die Auswahl geeigneter Grundfluide erst gar nicht in hohem Masse entstehen zu lassen (Reibungsreduzierung) oder aber Additive einzusetzen, welche den Wärmetransport erhöhen. Interessant ist, dass wir uns bei vielen Zerspanarten in Temperaturbereichen von zum Teil 900° C bewegen. Hier treten komplett andere physikalische Effekte auf, die bei der Entwicklung beachtet werden müssen.
Über unsere Expertise im Bereich Härtemedien kennen wir verschiedenste Ansätze, Temperaturabführungseffekte in Systemen zu beeinflussen. Daraus entstehen immer neue Erkenntnisse, die wir in dem Bereich der Zerspanung zu transferieren versuchen, um Wärmeströme gezielt beeinflussen zu können.
Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es auch zukünftig Anwendungen für wasserbasierte und ölige Kühlschmierstoffe je nach Kundenanforderung geben wird. Daher optimieren wir stetig unser Produktportfolio in beiden Bereichen.
Sie persönlich sind Wirtschafts- und Chemieingenieur und waren bei Fuchs zuletzt für Entwicklung und Produktion von Hochleistungselektrolyten zuständig. Sehen Sie Entwicklungsmöglichkeiten dieses Technologiefeldes am Standort Schweiz? Wenn ja, welche Rolle spielen sowohl die starke chemische Industrie als auch die Schweizer Hochschullandschaft in diesem Segment?
Dr. M. Gehrlein: Die Batteriebranche ist sicherlich global betrachtet eine der grössten Wachstumsbranchen für die Zukunft. Medial und politisch wird im Bereich der Batterie fast ausschliesslich über E-Mobilität gesprochen. Darüber hinaus gibt es aber viele interessante Anwendungsfelder für die Batterie, wie z. B. in der Medizinbranche, dem elektrischen Fliegen und der Speicherung von erneuerbaren Energien. Derzeit haben wir in Europa die Herausforderung, dass die Batteriezellen (das Herzstück einer jeden Batterie) nahezu ausschliesslich in China hergestellt werden. Daher sind wir in Europa technologisch deutlich hinter China. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir in Zukunft auch in Europa eine nennenswerte Produktionskapazität für Batteriezellen haben werden.
Daher müssen wir bereits heute daran arbeiten, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette in Europa etablieren, wie z. B. die Elektrolyte, aber auch die chemischen Grundkomponenten, welche es für die Batterieherstellung benötigt. Hier kann die Schweizer Chemieindustrie einen signifikanten Beitrag leisten. Um international wettbewerbsfähig zu sein, ist es besonders wichtig, den Technologierückstand gegenüber China aufzuholen. Daher ist es erfolgsentscheidend, dass es starke Entwicklungskooperationen zwischen der Industrie und den Hochschulen gibt.
Welche Themen behandeln Sie darüber hinaus konkret am SMM-Kongress und welche werden für die Besucher von besonderem Interesse sein?
Dr. M. Gehrlein: Wir möchten auf dem SMM-Kongress den Schwerpunkt vor allem auf die Bereiche Nachhaltigkeit, Medizintechnik und Halbleiter legen. Nachhaltigkeit steckt per se in unseren Produkten: Unsere ganzheitlichen Schmierstofflösungen verringern Reibung und Verschleiss, kühlen Maschinen oder schützen vor Korrosion. Bewegliche Teile haben dadurch eine höhere Lebensdauer und garantieren den effizienten und damit nachhaltigen Betrieb sowie zusätzlich eine spürbare Reduzierung des CO2-Fussabdrucks unserer Kunden.
Die Medizintechnik und Halbleiterindustrie sind aus unserer Sicht zwei wichtige Zukunftsbranchen für die Schweizer Metallbearbeitungsindustrie. Daher möchten wir darstellen, wie unsere Kunden durch den Einsatz der passenden Schmierstofflösungen ihre Prozesse und Anwendungen in diesen Branchen optimieren können.